Ein Gastbeitrag von Julia aus Göttingen

Mami! Mama? Mami? MAAAAAAMMMMMMAAAAAAAAAAAAA!!!!

Du kennst diese Szene bestimmt auch. Du hast dich gerade das erste Mal am Tag hingesetzt, ENDLICH. Du hast ein Glas Wein in der einen Hand, Schokolade in der anderen. Was. Zum Teufel. Will sie?! Du weißt natürlich, was sie braucht, denn du warst schon einmal in dieser Situation. Gestern, Vorgestern… Ach, was rede ich, eigentlich jeden Abend der letzten, gefühlten elf Milliarden, Abende. Noch ein Glas Wasser. Kuscheln. Das Bett neu aufschütteln. Den geliebten Stoff-Elefanten wieder aufheben, der unter das Bett fiel. Oder weil sie dir sagen will, dass sie ein Geräusch gehört hat. Oder weil sie einen Schatten gesehen hat. Oder weil ein Popel sie plagt.

Was es heute ist, weiß keiner so genau. Du sitzt da und fragst dich, ob sie diesmal vielleicht einfach so einschlafen wird. Du fragst dich, ob du wirklich hoch gehen musst.

„Waaaaaas ist denn?“ Du hoffst inständig, dass es diesmal vielleicht, eine klitzekleine Chance gibt, dass du ihre Bedürfnisse befriedigen könntest, ohne dich dabei tatsächlich bewegen zu müssen, und du deine Serie nur einmal nicht unterbrechen müsstest. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zum Schluß.

Du liegst natürlich falsch. So unterbricht man als Mutter also die kostbare Zeit, nach der man sich seit dem ersten Schluck Kaffee des Tages schon so sehr gesehnt hat, weil man bereits seit 5:30 Uhr Feuerwehrmann Sam lauschen musste.

„Kannst du mir noch eine Geschichte vorlesen?“ Sie hält ein Buch in der Hand und zeigt auf den winzigen, quadratischen Platz in ihrem Bett, der ausnahmsweise mal nicht mit Stofftieren und Puppen übersät ist.

„Sicher. Ich… ähm… muss nur gerade noch…“

Ich schaff das einfach nicht mehr. Ich will nicht mehr vorlesen. E.N.D.E im Gelände. Over and out. Klappe zu, Affe tot. Ein Satz mit X, das war wohl nix. Tschöö mit Ö. Adios Muchachos.

Bevor mich nun alle mit Heugabeln angreifen, möchte ich sagen, dass ich diese „Extras“ durchaus öfter mache. Wirklich oft. Ich lese Bücher vor und frage „Wie war dein Tag heute“ und „Was hat dir heute in der Schule Spaß gemacht?“, bis hin zu sämtlichen Varianten „Ich liebe dich“ zu sagen, die ich auftreiben kann. Ich kuschele viel und ich verteile viele Gute-Nacht-Küsse.

Aber manchmal schaffe ich das einfach nicht. An manchen Abenden ist mein „Mami-Energie-Becher“ einfach total leer.

An manchen Abenden stehe ich bereits um 20:36 Uhr seit fast 16 Stunden auf Abruf parat. 16 Stunden lang „Mami, kannst du mir den Po abwischen?“… und „Mama, wollen wir Lotti Karotti spielen?“ und „Mami, ich hab Hunger!“ und „Mama, mir ist die Kacka auf den Boden gefallen!“ und „Aber die hat angefangen, Mama!“ und „Mami… Mami… Mami… Mama…“

An manchen Abenden ist Mami einfach durch. An manchen Abenden hat sie nichts mehr zu geben. Und eine weitere Bitte zur Schlafenszeit ist einfach zu viel für Mami.

Und an diesen Abenden, wenn dieses süße kleine Mädchen um eine weitere Sache bittet, (ob es nun ein weiteres Glas Wasser, oder ein anderes Buch, oder ein nochmal Kuscheln ist), wird sie es nicht nachvollziehen können. Sie versteht nicht, dass du in den letzten zwei Stunden 103 Mal gesagt hast: „Bitte iss dein Essen“ und „Bitte hör mit dem Kippeln auf“ und „Nun probiere den Blumenkohl doch wenigstens“ oder „Es wird in diesem Haus nicht gehauen“… und dann hast du noch die Haare eines kleinen Menschen gewaschen, der sich vor Schmerzen krümmte und Höllenqualen leiden musste, da Haare waschen eindeutig eine Form der Folter ist und der Versuch eine Pyjamahose anzuziehen endet in einem 10-minütigen Kampf, in dem sich das Kind wie ein Aal aus der Gefangenschaft befreien muss.

Du hast die Zähne der Kinder, die nur auf ihrer Zahnbürsten kauen, neu geputzt, weil du Angst hast, was der Zahnarzt nächste Woche sagen wird, und du hast sie gebeten, vor dem Schlafengehen nochmal aufs Töpfchen zu gehen, obwohl sie „gar nicht müssen“, aber du weißt natürlich, dass sie sonst spätestens nach zehn Minuten wieder pinkeln müssen.

Du liest „Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab“ zum 987 vor. Außerdem suchst du mindestens 14 Minuten lang nach ihrem rosa Kätzchen (nein, nicht diese rosa Kätzchen Mami, das andere rosa Kätzchen), weil sie ohne ihr Kätzchen unmöglich schlafen kann. Insgeheim stellst du dir vor, wie du alle Kätzchen, Hunde und Häschen im ganzen Haus in einem riesigen kathartischen Lagerfeuer des Ruhms verbrennen lässt.

Seit dem Morgengrauen gab es keine einzige 5-minütige Pause, in der niemand etwas zu Essen oder ein Getränk oder einen Schiedsrichter oder einen Spielkameraden oder eine Putzfrau brauchte. Diese zusätzliche Aufforderung zu Schlafenszeit um 20:36 Uhr, wenn ein weiteres Kind diese erschöpfte Mama benötigt, um eine einzelne freiliegende Zehe mit einer Decke zu bedecken oder um ein weiteres Glas Wasser zu bitten, kann deinen Mama-Kopf wirklich zum explodieren bringen. KRAAAAAWWWWWOOOOOMMMMMM.

Für deine Kinder ist es eine ganz normale Sache, vor dem Schlafengehen noch nach etwas zu verlangen. Aber für die Mutter, deren Nerven-Seil wirklich bis zum Anschlag gespannt ist, ist es nahezu unmöglich.

Es gibt so viel, was wir in einem 24-Stunden-Zeitraum erledigen müssen. Es ist so, als ob wir den Tag (der manchmal mitten in der Nacht beginnt) mit einem gefüllten Becher voller Geduld und Energie beginnen. Mit großen Schaufeln wird der Becher leer gemacht. Selten füllen wir diesen am Tag wieder auf (es sei denn, es geschieht ein Wunder, zum Beispiel wenn beide Kinder gleichzeitig schlafen, oder Oma sie für ein paar Stunden abholt, oder dein Ehepartner dich überrascht, indem er sie mit nach draußen auf den Spielplatz nimmt). Meistens ist der Becher abends so leer wie eine Kirche zur Sonntagspredigt. Können wir Mamas ALL die Bedürfnisse stillen, inklusive der EXTRA-Wünsche in den Abendstunden?

Meistens schon, ja, das können wir. Aber eben nicht immer.

An manchen Abenden ist der verdammte Becher knochentrocken. Und so stehen wir unten an der Treppe und sagen: „Okay, ich komme bald nochmal hoch zu dir, ja?“, wohl wissend, dass wir es nicht tun werden. Wir klammern uns daran, dass wir das nicht tun müssen. Und wir senden Gebete „Lieber-Gott-lass-sie-bitte-jetzt-einschlafen-Amen!“ gen Himmel, dass sie diesmal einfach so einschlafen.

Und dann kehren wir zurück auf die Couch, drücken Play und atmen tief durch.

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