Ein Gastartikel von Barbara aus Mainz. Barbara arbeitet an einem Blog, indem sie über das Leben ihrer Tochter schreiben will.

Wenn meine fast neunjährige Tochter, mit der Diagnose ADHS, in der Schule sitzt, hasse ich es fast genauso sehr wie sie. Für ungefähr zehn Monate des Jahres ist sie in einem Klassenzimmer, das für Schüler gedacht ist, die sich hinsetzen, stillsitzen und sich anpassen können, eingesperrt. Sie hat den Drang, sich ständig bewegen zu müssen, sie zappelt und es fällt ihr wahnsinnig schwer, sich konzentrieren zu können.

Um ehrlich zu sein, findet meine Tochter fast alle Fächer in der Schule langweilig, wenn also zum Beispiel eine Unterrichtseinheit übers Bruchrechnen ansteht, kämpft sie mit all ihrer Macht darum, um gedanklich am Ball zu bleiben. Die meisten Kinder können den Vogel, der vor dem Fenster singt, oder den Klassenkameraden, der mit seinen Bleistift auf den Schreibtisch klopft, irgendwie ausblenden, aber für Kinder wie meine Tochter ist das nahezu unmöglich. ADHS Gehirne sind so verdrahtet, dass permanent versucht wird, auf alles was passiert, achten zu müssen. Das ist Fluch und Segen zugleich.

Es sei denn, meine Tochter ist sehr an etwas interessiert, dann schafft sie es manchmal, sich darauf zu konzentrieren, ihr Gehirn versucht dann wirklich ALLES aufzunehmen… Alle Sehenswürdigkeiten, alle Geräusche, sogar sämtliche Gerüche. Das Problem dabei ist, dass sie durch all diese Einzelheiten manchmal den Blick für das große Ganze verliert und der Sinn ihr oft nicht klar wird.

Auf dem Papier und im Vergleich zu anderen Schülern mag sie faul und nicht sehr schlau erscheinen, aber sie ist eigentlich sehr intelligent. Sie ist eine tiefgründige Denkerin und sie kann komplizierte Konzepte durchaus erfassen, die selbst die meisten „normalen“ Kinder nicht verstehen können. Wenn sie nach etwas gefragt wird, das sie wirklich leidenschaftlich interessiert, wird sie dir eine äußerst tiefgründige und gehaltvolle Antwort geben. Einige ihrer Gedanken und Erkenntnisse, die sie mit mir teilt, verwirren selbst mich. Leider sind dies die Dinge, die im Unterricht nicht berücksichtigt werden. Stattdessen muss sie langweilige Klassenarbeiten über Themen über sich ergehen lassen, an denen sie absolut kein Interesse hat.

Wenn sie von der Schule nach Hause kommt, werden die täglichen Hausaufgaben zu einem Kampf. Obwohl sie im Laufe der Jahre besser darin geworden ist, ihre Hausaufgaben zu machen, ist es immer noch eine sehr unangenehme Erfahrung für uns beide. Sie kämpft damit, ihre Organisationsfähigkeiten zu optimieren, um die Aufgaben erledigen zu können. Ich muss dabei direkt neben ihr sitzen, um ihr Starthilfe zu geben und um sie zu motivieren, die Aufgaben fertig zu stellen.

Ihre Handschrift ist absolut schrecklich. Sie will so schnell wie möglich fertig werden und es ist ihr egal, ob ihre Handschrift dabei sauber und ordentlich ist. Obwohl ihre Handschrift mich manchmal erschaudern lässt, weiß ich dennoch, dass sie sehr wohl in der Lage ist, ordentlich zu schreiben. Ich habe gelernt, locker zu bleiben. Andernfalls kommt es zu einem Wutausbruch und zu Tränen, was wiederum dazu führt, dass alles noch länger dauert.

Wenn sie eine Aufgabe in Mathe nicht versteht, wird sie schnell frustriert und wütend und dann wirft sie sich manchmal sogar auf den Boden. Ich sitze direkt neben ihr und versuche ihr bei ihren Hausaufgaben zu helfen, aber sie weint und schreit dann, dass sie es nicht versteht und dass sie Mathe hasst. Ich brauche dabei all meine Kraft, um ruhig zu bleiben und um meine Geduld nicht zu verlieren. Irgendwann beruhigt sie sich dann wieder, so dass ich ihr weiter dabei helfen kann, ihre Hausaufgaben zu erledigen. Das passiert täglich. Jeden einzelnen Tag.

Ja, Hausaufgaben sind für Kinder mit ADHS eine Tortour. Ich nehme an, dass, wenn ich den Lehrer bitten würde, dass wir zumindest weniger Hausaufgaben machen müssten, ich damit sogar durch käme ABER… ADHS zu haben bedeutet nicht automatisch einen „Freifahrtschein“ zu haben, um keine Hausaufgaben machen zu müssen. Es gibt keine Freifahrtscheine im Leben und ich möchte, dass meine Tochter das versteht.

Bestimmte Dinge im Leben werden für meine Tochter immer schwieriger zu erreichen sein, aber das bedeutet nicht, dass sie nicht erreichbar sind. Sie ist klug, kreativ und einfallsreich, und obwohl sie vielleicht einen anderen Ansatz verfolgt, und immer zusätzliche Hilfe braucht, kann sie dennoch jedes Ziel erreichen.

Neben den täglichen Schulaufgaben kämpft meine Tochter auch mit der sozialen Interaktion während des Schuljahres. Neuere Studien haben gezeigt, dass die Gehirnentwicklung von Kindern mit ADHS etwa drei Jahre hinter der ihrer Altersgenossen liegt. Während sich die anderen Drittklässler ihrer Klasse in einem Kreis versammeln und ausgelassen über einen aktuellen Film reden, hüpft meine Tochter wild herum und tut so, als sei sie ein Hase. Ich liebe dieses Mädchen bis zum Mond und dreimal zurück und ich schätze ihren phantasievollen und kreativen Geist sehr, aber ich kann auch sehen, warum ihre Altersgenossen sie seltsam finden. Sie akzeptieren sie nicht, weil sie sie nicht verstehen.

Als Erwachsene, die das alles schon einmal durchgemacht hat, weiß ich, dass es kein Verlust ist, nicht dazuzugehören und dass es egal ist, ob man von den „coolen Mädchen“ gemocht wird oder nicht, aber für mein kleines Mädchen wird ihre Welt jedes Mal erschüttert, wenn sie sieht, dass andere Mädchen Einladungen zu Geburtstagspartys bekommen und sie nicht. Ihr kleines Herz bricht jedes Mal, wenn sie versucht, sich einem Gespräch anzuschließen und mit einem frechen, „Das geht dich gar nichts an.“, abgebügelt wird. Es bricht mir als Mutter das Herz und ich habe es so verdammt satt.

Glücklicherweise wird meine Tochter ab Mitte Juni ganz mir gehören, und ich plane, sie richtig doll zu verwöhnen. Sie verdient wirklich tolle Sommerferien. Sie arbeitet so hart während des Schuljahres daran, sich so gut wie möglich anzupassen, sowohl akademisch als auch sozial.

Hier kommen einige Dinge, die meine Tochter in den Sommerferien nicht tun wird:

Mein Kind wird keine Schulbücher lesen müssen. Stattdessen darf sie ihre Lieblingsbücher und Comics lesen. Wir machen bestimmt einen Ausflug in die Bibliothek, aber sie kann sich dann das aussuchen, was ihr gefällt und woran sie Freude hat. Zehn neue Bücher über Ponys? Na klar!

Mein Kind wird nichts über Themen lernen müssen, die sie nicht interessieren. Stattdessen werde ich sie ganz allein entscheiden lassen, was sie lernen will. Wenn sie lernen will, wie man Ponys striegelt, dann ist das okay für mich. Wenn sie mehr über Dinosaurier erfahren will, dann ist das auch cool. Es ist wichtig, die natürliche Neugierde unserer Kinder zu fördern, um ihnen so dabei helfen zu können, sich weiterzubilden.

Mein Kind wird nicht ausgegrenzt. Wir laden ihre engen Freunde einfach zu lustigen Pool-und Pyjamapartys ein. Diese guten Freunde von ihr verstehen und schätzen sie für das, was sie ist, und das macht mich sehr glücklich.

Mein Kind wird sich nicht langweilen. Stattdessen werden ihre Sommertage mit all den Dingen gefüllt sein, die sie liebt: Kunstprojekte, wissenschaftliche Experimente, Schwimmen, Rollschuhlaufen, Ausflüge an den See und in Vergnügungsparks. Im Grunde genommen sind das all die Dinge, für die wir während des Schuljahres keine Zeit finden.

Wenn du kein Kind mit ADHS zuhause hast, dann wirst du nie wirklich nachvollziehen können, was diese Kinder während des Schuljahres durchmachen müssen. Es gibt viele Tränen. Es gibt viele schlaflose Nächte. Es gibt viele Kämpfe, aber es gibt auch viele Triumphe.

Als Eltern erleben wir das hautnah mit und es ist nicht immer leicht, aber irgendwie schaffen wir es jedes Jahr. Wir helfen unseren Kindern. Wir motivieren sie. Wir bringen sie dazu, ihr volles Potenzial auszuschöpfen. Jede My unserer Energie wird dazu verwendet,  unsere Kinder auf dem richtigen Weg zu bringen. Traurigerweise scheinen unsere Kinder das nicht einmal zu bemerken. Wir bekommen nie mehr als ein kleines „Dankeschön, Mama“. Weder von unseren Kindern, noch von der Schule. Von wirklich niemandem.

Ich bin heute hier, um dir zu sagen, dass du und dein Kind dieses Schuljahr gerockt hat und dass ihr beide euch eine tolle Sommerpause verdient habt.

Ich hoffe, ihr könnt eure freie Zeit genießen.

Alles Liebe,

Barbara

 

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