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Obacht. Bei folgendem nehme ich keinen Spuckschutz vor den Mund. Wer sich also vor meiner feuchten Aussprache fürchtet, möchte entsprechenden Abstand waren.

Patientin: Paris, Yvonne geb. irrelevant

Sehr geehrte Damen und Herren,

vielen lieben Dank für die freundliche Überweisung Ihrer o. a. Patientin, die sich bei sich zu Hause spätestens nach den Frühjahresferien verbarrikadierte. 

Indikation/ Häusliche Angaben: Verdacht auf Wahnsinn mit Fiepen in den Hörorganen 

„Wir bleiben zu Hause“

Befund und Beurteilung:
Es befindet sich eine alleinerziehende Mutter mit zwei angedeuteten Kleinkindern, im Alter von 8 und 6 Jahren in einer sanierten und schimmelfreien Wohnung. Balkon vorhanden. Gartennutzung möglich. Haustiere: Kaninchen und Katze. Derzeitige Aufgaben: Eine flächige Abdeckung aller auftretenden Vorkommnisse. Beruflich: In Kurzarbeit. Vermutlich in zwei Tagessegmenten die vier Wände ausschließlich in dreiecksförmiger Formation, zum Fahrradfahren verlassend. Keinen Verdacht auf Überlastung, da alle zwei Wochen die Brut in der noch schulfreien Zeit, sogar zwei Tage mehr als üblich, dem Vater obliegen. Hierbei kann es sich aufgrund der länger anhaltenden Grundsituation, bei der Patientin, um eine neuartige Form des Wahnsinns handeln. 

Eigene Angaben der Patientin:

Wie ich mich fühle? Um ehrlich zu sein, bin ich mir da nicht wirklich sicher. Obwohl ich in den letzten Wochen genügend Zeit gehabt hätte darüber nach zu denken. Aber hatte ich dies wirklich? Als die Symptome anfingen, hatte ich natürlich Sorgen. Habe mich zwar dagegen gewehrt zu Hamstern (wer meinen ein bis zwei Wochen Einkauf betrachten würde, der würde vermutlich etwas anderes behaupten), doch muss ich gestehen, dass sich auch bei mir Angst breitmachte. Schulschließung! Kitaschließung! Kurzarbeit! Da kann Mutter schon einmal etwas in Panik geraten. Zu allem Überfluss habe ich vermutlich, eventuell, womöglich laut Ärzten eine chronische Lungenerkrankung(COP). Als die äußeren Symptome nun größere Ausmaße erzielten, wurden meine inneren mit einer freundlichen Dosis Cortison Tabletten gehemmt. Glückwunsch zur sogenannten ‚Risikogruppe‘! Mein kompletter Alltag wurde lahmgelegt. Was nun?

Halt durchführen, was ebenso all die anderen vollbringen müssen. Umdisponieren. Einkaufen gehen? Sollte ich meiden. Online Supermärkte fanden für einen gewissen Zeitraum, dass mein Zuhause wohl nicht zentral genug stationiert sei. Ein Hoch auf Oma und Opa!

Schule und Vorschule im Homeoffice?! Ha haha hahahaha… Zugegeben, es wurde kein Drama (bisher) daraus, aber Szenen wurden gemacht. 

Dann die Frage, Wochenendmodell weiterfahren? Ja verdammt! Und verlängern bitte. Entsprechend habe ich die Kids und deren Paps gefragt, ob es für alle Parteien nicht eine schöne Idee wäre, die üblichen Aufenthalte an den Wochenenden, während des weltlichen Krankheitsverlaufes, auf zwei Tage zu verlängern. Antrag angenommen. 

Darf ich meinen Partner live sehen? Ja, ich will (unter anderen Bedingungen, werde ich dies fraglos nicht mehr aussprechen). Mehrere Momente habe ich darüber nachgedacht, ob ich/ wir dies tun dürfen, oder eben lieber nicht. Maßlos damit überfordert, was nun richtig und was falsch sei, habe ich mich dem Wunsch, Zeit mit einem Erwachsenen zu verbringen, hingegeben.

Augenscheinlich bin ich, was all das zwischenmenschliche betrifft, in vielerlei Hinsicht dabei mich gedanklich zu zermürben. All die Umgangsformen und das Auftreten, welches ich kannte und worin ich mich sicher fühlte, sind empfunden dahin.

Befinden tue ich mich in einer Tretmühle, die hauptsächlich daraus besteht, für das leibliche Wohl und der körperlichen Hygiene der Mannschaft zu sorgen, die täglichen Schularbeiten vor- und nachzubereiten, mich für genügend Auslauf zu engagieren, generelle Freizeitgestaltung und zu Bett bringen.

Bei manchen Mal der Essens Zubereitung, wusste ich schon gar nicht mehr, um welches Mahl es sich eigentlich handelte. Da kann es schon einmal passiert sein, dass es Pizza zum Frühstück und das weich gekochte Ei mit Aufbackbrötchen zum Abendessen aufgetischt wurde. Es gab keine Beschwerden.

Dadurch, dass ich die meiste Zeit innerhalb einer Woche nun ausschließlich mit zwei Kleinkindern verbringe hat sich auch die heimische Konversation immer mehr angeglichen: „Setze Dich bitte endlich auf Deinen Allerwertesten.“ Fragender Blick vom 8 jährigen Gegenüber. „Auf Deine vier Buchstaben. Deinen Hintern!“ Nachdenklich und Finger zuckend sprach der Sohn immer noch stehend: „Mama ‚Hintern‘ hat aber mehr als vier Buchstaben!“ Ich nun deutlicher: „POPO!“ Tochter noch mit zählenden Fingern beschäftigt. Er so (zu meiner Entschuldigung; eine Fragestellung war nicht wirklich deutlich herauszuhören): “ Und Arsch?!“ Meine sachliche Erwiderung: „Selber!“ #Erwachsen. Wir haben anschließend alle drei herzlichst über Mamas kindliches Verhalten gelacht. Denn unter ‚normalen‘ Umständen hätte ich mich so nicht hinreißen lassen. Doch war es großartig! Mir war es nun völlig egal, wer nun wo oder überhaupt sitzt. Da hoffe ich mir doch, dass meine neu errungene Gelassenheit noch länger anhält.

Doch fühle ich mich streckenweise schon etwas zurückgelassen. Mir fehlt der analoge Kontakt zu Erwachsenen, den ich sonst schon allein durch meine Arbeit nahezu täglich hatte. Bei all dem Spaß und überhaupt der Zeit, die wir drei nun miteinander verbringen können, wünschte ich mir doch gerne häufiger, als einzig alle zwei Wochen für etwa drei Tage, einen Erwachsenen zum Reden. Reden? „Come on!“

Es gibt nicht viele Menschen (mir selbst kommen da bloß zwei männliche Exemplare in den Sinn), die „Come on“ so verdammt attraktiv betonen können, dass ich völlig vergesse, worauf ich eigentlich gerade hinaus wollte.

Bis auf die nicht vorhandenen direkten Kontakte und dass nicht arbeiten können, gibt es für mich persönlich kaum gravierende Einschränkungen. Essen, Trinken und Feiern gehen, das sind bei mir doch eher seltene Affären. Nicht, dass ich es nicht lieben würde. Oh doch! Sehr sogar! Demgegenüber stehen Zeit, Spontanität und Gelegenheiten, die mir da oft einen Strich durch die Liebschaft machen.

Alles in allem obliegt mir ein Grundgefühl, dass es uns soweit doch ziemlich gut ergeht. Wir hatten Möglichkeiten, die andere Familien vermutlich nicht hatten (Oma/ Opa/ Garten/ Balkon). Und ich als alleinerziehende hatte vielleicht sogar gegenüber intakten Familien den Vorteil, regelmäßig kinderfreie Zeit genießen zu können. Dies würde ich mir für alle Eltern wünschen.

Aber ich hoffe auf baldige gesamt Genesung und einen rasanten Entlassungsbrief!

Diagnose
Kryptogen bedingter Wahnsinn (CBW) 

  • Infektion beider Ohren durch permanente Kinder Beschallung. Die unregelmäßigen Schallwellen der Wünsche beider Nachkommen, wandeln sich in durchdringende Impulse um, die über die angegriffenen Nerven der Patientin in das Gehirn, eben dieser eingreifen und somit ein hörbares Fiepen erzeugen, welches sie zeitweise in einen Zustand des Wahnsinns versetzen.
  • Körperliche Gesamtverfassung: geräuschlos

Epikrise

Patientin Paris zeigt einen stabilen Gesamtzustand auf. Jedoch sind auffällige Ängste wahrzunehmen. Und zwar vor, Wiederantritt des vorherigen Alltags. Es ist unklar, ob sie dem vorherigen Pensum an täglich anfallenden Aufgaben noch gewappnet ist. Sie ist glücklicherweise zur Ruhe und zu sich selbst gekommen, dass die Befürchtung angemessen ist, dass sie ihr vorheriges komplett durch getaktetes Leben möglicherweise belasten könnte. Gleichwohl werden Schule und Vorschule bloß an zwei Tagen innerhalb der kommenden 5 Wochen für je zwei Stunden vorerst angesetzt. Dies gibt Zeit sich an die neue Medikation zu gewöhnen. Dann empfehlen wir wiederum 6 Wochen ‚Ruhezustand‘ während der Sommerferien, in der eine Kinderbetreuung noch nicht in Aussicht ist. Die freien Plätze der Notbetreuung sehen wir vor, an Behandelnde rauszugeben, für die diese eine Arbeitsbedingte Notwendigkeit hat. Wie dies sich auf den alleinerziehenden Umstand auswirken wird ist ebenfalls noch unklar. Inwieweit sie ihrer beruflichen Aufgaben nachgehen kann ist noch ausstehend. Der daraufhin auftretende Existenzschiss, ist mit all den anderen betroffenen Patienten gleichzusetzen.

Nach Durchsicht des Befundes und den eigenen Angaben würden wir eine Verlaufskontrolle unter erwachsenen Aufsicht sehr empfehlen. 

Mit freundlichsten und kollegialen Grüßen

Yvonne Maria Paris

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