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Bevor ich schwanger wurde, wusste ich bereits, dass ich mein Kind sobald es da ist an viele liebe Menschen abgeben werde. Dieses Kind würde gerne bei anderen Menschen sein und sich niemals unwohl fühlen. Oh, wie naiv von mir!

Als meine Tochter 10 Wochen alt war, hatten wir eine großes Familienfeier. Unser Baby hatte einen besonders weinerlichen Tag und ich trug sie nonstop in der Babytrage. Eine andere Mutter war mit ihrem dritten Kind, ungefähr im gleichen Alter meiner Emma, auch mit dabei, und die Kommentare gingen direkt los: „Du ÜBER-Mutter“, und „Du verhätschelst sie total“.
Diese Kommentare brachten mich einerseits zum Lachen und andererseits machten sie mich auch ein wenig traurig, weil wir unsere Tochter definitiv nicht verhätscheln, sondern lediglich eine bedürfnisorientierte Erziehung leben. In dieser Zeit war Emma nur dann zufrieden, wenn ich sie nah an meinem Körper trug. Indem ich sie bei mir trug, konnte ich wenigstens auch mal etwas essen oder anderen Dingen wie Hausarbeit und Co. nachgehen.

Dennoch quälten mich die Schuldgefühle manchmal sehr, eingetrichtert von meiner Mutter, die mir stets sagte, dass ich keine gute Mama bin, weil ich meine Emma nicht in die Hände von anderen gab. Also tat ich etwas, mit dem ich mich nicht eigentlich nicht wohlfühlte, und ich knickte ein: Ich gab mein Baby in andere Hände, obwohl es nicht das war, was sie oder ich wollte.

Als sie 5 Monate alt wurde, fing sie das erste Mal an zu fremdeln. Sobald andere Menschen sie zu lange ansahen, fing sie bitterlich an zu weinen. Ich versuchte, sie von Zeit zu Zeit in andere Arme zu übergeben, allerdings hielt das nicht lange an und ich musste sie zu mir zurück holen und sie beruhigen. Als sie sich wieder beruhigt hatte, kam direkt die gefürchtete „Kann ich sie auch mal halten?“ Frage wieder auf.

Ich wollte sie ihren Lieben nicht vorenthalten, aber ich wollte dem armen Mädchen eine Pause gönnen. Im Grunde genommen wollten die Leute ja nichts Böses, aber dennoch wurde ich langsam aber sicher zu der Art von Mutter, der das Sicherheitsgefühl ihres Kindes wichtiger war, als dass die Gefühle anderer Menschen nicht verletzt wurden. Es war mir wichtig, aus meinen Fehlern zu lernen und damit sicherzustellen, dass wir an ihnen wachsen würden.

Da war etwas, das ich akzeptieren musste: Mein Kind ist von Natur aus schüchtern. Sie braucht eine Weile, um bei anderen aufzutauen, auch wenn sie diese regelmäßig sieht. Manchmal will sie ausschließlich von Mama und Papa getragen werden und wenn ihr dann gewisse Menschen zu nahe kommen und sie sich dadurch unwohl fühlt, dann braucht es eine Weile, bis wir sie wieder beruhigen konnten. Das ist alles in Ordnung für mich, aber manchmal glaube ich, dass andere das nicht verstehen und es gar zu persönlich nehmen. Sie denken, dass wir ihnen nicht vertrauen und ihnen deswegen unser Kind vorenthalten. Einige dieser Leute warfen mir sogar vor, ich würde an postnataler Depression leiden. Nichts davon entspricht der Wahrheit. Wir haben lediglich ihr Unwohlsein in der Öffentlichkeit erkannt, und wollen diese Grenzen, die sie offensichtlich hat, für sie bewahren.

Ich bin also zu dem Entschluss gekommen, mein Baby nicht dazu zu zwingen, anders zu sein, als sie eben ist. Wir haben nie mit den vorsichtigen Versuchen aufgehört, sie sanft zu sozialisieren, aber wir haben längst keine Angst mehr davor, was andere über uns denken. Ich bin durch damit, mich zu entschuldigen, weil sie weint, wenn fremde Menschen sie auf dem Arm haben. Ich bin durch damit, mich zu entschuldigen, dass ich sie getragen habe, wenn sie müde war und ich bin durch damit, den Leuten zu erlauben, dass sie sie anstarren dürfen, wenn wir bei Familientreffen sind. In der Vergangenheit übertrug sich meine Anspannung nur auf mein Kind, und dadurch verlängerte sich diese Fremdel-Phase unnötig und diese Phase war verdammt anstrengend.

Mittlerweile ist Emma 18 Monate alt und sie lernt langsam, aber sicher, dass sie selbst bestimmen kann, was mit ihr gemacht wird und was eben nicht. Sie hat die Kontrolle über ihren Körper. Sie hat jedes Recht der Welt, Nein sagen zu dürfen, wenn sie nicht berührt oder umarmt werden will. Sie hat das Recht, ihrer Mama oder ihrem Papa ihren Unmut mitzuteilen, wenn ihre persönlichen Grenzen überschritten wurden.

Das bedeutet aber nicht, dass ich meine Tochter dazu ermutige, unhöflich zu sein oder gar die Menschen, besonders Familienmitglieder, nicht anzuerkennen. Das bedeutet nicht, dass wir andere nicht dazu ermutigen, auf eine angenehme Art und Weise mit ihr zu interagieren, was dann normalerweise auf dem Schoss von Mama oder Papa geschieht, und das bedeutet nicht, dass wir kein sozial intaktes Kind aufziehen wollen.

Wir respektieren die Grenzen unserer Tochter, wir wollen ihr vermitteln, dass ihr Körper nur ihr gehört. Sie muss dich nicht küssen oder umarmen, wenn sie das nicht will. Sie muss nicht auf deinem Schoss sitzen, wenn es ihr unangenehm ist; Du kannst wunderbar mit ihr interagieren, während sie auf unserem Schoss sitzt.

Ich lache mittlerweile über mein altes Ich und darüber, wie einfach ich mir alles vorstellte. Die Wahrheit ist: Es ist nicht einfach. Es ist ein verdammter Balanceakt, liebevolle Kinder zu erziehen, die ihre eigenen Grenzen kennen. Man sagt, es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen, aber wir versetzen uns dabei nie in Lage des Kindes. Wir werden ihr vielleicht niemals die Scheu vor fremden Menschen nehmen können, aber sie kann immer darauf vertrauen, dass sie nie irgendetwas tun muss, was ihr unangenehm ist, und sie kann ihren Eltern immer alles erzählen.

Ich wünsche ihr, dass sie als intelligente und selbstbewusste Frau durch dieses Leben gehen wird. Ich wünsche ihr, dass sie ihren eigenen Wert kennt und dass sie weiß, dass es ihr Körper ist und dass sie stets die Wahl hat.

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