Ein Gastbeitrag von Tanja aus Bonn

Ich bin ein hilfsbereiter Mensch und bin mir eigentlich für nichts zu schade.
Wie oft höre ich meine Mutter sagen: „Tanja, lass das lieber, du übernimmst dich noch!“
Dieser Satz, war mir am besagten Tage, wie auf die Stirn gemalt.
Des Öfteren hatte ich bereits etwas für unsere Kita getan, ob es nun das Backen eines Kuchens war der das aktive mit Einbringen meinerseits im Elternbeirat.

Ich bin 35, habe eine kleine Tochter und bin Hausfrau und Mutter.
Naja, oft nehme ich den Mund zu voll und sage eher „Ja“ als „Nein“
Fataaaal!
Es war der Abend vor dem „Horrortag“, als es auf meinem Handy klingelte und die Kitaleitung mich anrief: „Frau Hemmel, wir brauchen Ihre Hilfe, beide Erzieherinnen sind krank und den Kindern wurde morgen doch der große „Zootag“ versprochen. Wir haben keinen Ersatz bis 15.00 Uhr. Hätten Sie Lust morgen auszuhelfen und mit auf die Kinder aufzupassen? Es ist nichts besonderes, jedes der Kinder darf sich als irgendein Tier verkleiden und es gibt für Kaffee und Kuchen…Sie sind unsere letzte Hoffnung!!“

Ich sehe mich noch heute, wie ich mir meinen schlaffen Dutt zurecht zupfe und ohne nachzudenken eine lautes „Ja gerne“in den Hörer rufe. Ich verglich mich mit einem Soldaten, wenn die Pflicht ruft.
Ich stand da und erwiderte wie eine erfahrene Pädagogin auf den Hilferuf der Leitung: „Och na klar, ihr wisst doch, wie sehr ich Kinder liebe, meine Kleine ist auch schon ganz aufgeregt und probiert schon ihr Ponykostüm an..Das kriegen wir hin..Ich bin um 8.00 Uhr da.

An dem Abend wusste ich noch nicht, was mir bevorstand und so setzte ich mich entspannt mit meinen Mann vor den Fernseher.
Nun gut, der morgen stand schneller vor meiner Tür, als ich es gedacht hatte, ich machte mich fertig, nahm mein kleines Pony und ab ins Auto.
Ich musste etwas lachen, da das Kostüm von meiner Tochter etwas zu gross war. Sie watschelte etwas breitbeinig, da die Beine des Ponys zu lang waren und Falten schlugen…Ausserdem wischte der lange Wollschwanz über den Boden.

Ich hatte super Laune, nicht zuletzt wegen meines kleinen „Leier-Ponys“.
Sie war natürlich mächtig stolz, ein kleines Pferd zu sein und sie wieherte schon im Wagen.
Endlich in der Kita angekommen, begrüsste mich die Leiterin sehr herzlich, zeigte mir den bunt geschmückten Raum, die Getränke und worauf ich achten sollte. Eine junge Erzieherin war auch dabei, sie wirkte jedoch sehr verloren und ging Kaffee kochen.
Lea, mein „Leier-Pony“ lief gleich los und fing an, mit einem anderen Mädchen zu spielen. Sie war als weisses Huhn verkleidet. Hinten sass noch ein Junge..Er war eine Art Bär…

Na, so voll ist es ja nicht, dachte ich mir und schnappte mir eine Tasse Tee.
An dieser verschluckte ich mich fast, als die Tür auf ging und weiteres “Getier“ in den Raum kam und alle sich auf den Kuchen und die Süssigkeiten stürzten. Die Kita Leitung, verabschiedete sich und ich war mit der Bande alleine.

Es dauerte nicht lange bis zehn weitere „Kindertiere“ hereinstürmten. Der Lautstärkepegel wurde bedeutend stärker und ich sagte mir selbst:“Du hast das schon alles im Griff“.
Punkt 9.00 Uhr und alle waren da..25 Kinder!!!

Inzwischen hatte ich meine Tasse Tee schon längst vergessen und ich fand mich inmitten von Hühnern, Bären, Pferden, Affen, Schlangen, Kühen und ja..einer Prinzessin wieder.

Einer fragte: „Wer bist Du?“..Gerade wollte ich dem süssen Nashorn ganz gelassen antworten, als hinter meinem Rücken ein lauter Streit ausbrach: Es klang wie ein Streit zwischen einer Schlange und einem Schmetterling!
Der Schmetterling schrie: „Die hat mir den Flügel verknickt“, die Schlange stand da und schüttelte mit dem Kopf. Ich versuchte Ruhe in das Geschehen einzubringen und bog den Flügel wieder gerade.
“Ahhhhh, und jetzt ein Stück Kuchen“, dachte ich noch, als einer der Jungs, er war ein Bär, es sich im Waschraum nebenan zur Aufgabe gemacht hatte, Luftballons mit Wasser aufzufüllen..Diese knallte er dann mit voller Wucht gegen die Kacheln. Während sich im Waschraum schon eine laute Traube gebildet hatte um dem nassen Geschehen beizuwohnen, arbeitete ich mich zu dem „Bären“ durch und bekam auch gleich die nächste Ladung ins Gesicht.
Die Kinder konnten sich vor Lachen nicht mehr halten, ich sah aus wie ein Clown. Mit verschmierter Wimperntusche und nassem Dutt (sofern es noch einer war) versuchte ich bestimmend zu sein und wurde lauter um alle aus dem Waschraum herauszubekommen. Auch der Bär musste raus, allerdings hatte der junge Mann es nicht so eilig und ich merkte, dass er mich nicht für voll nahm…Schon gar nicht so, wie ich aussah.

Im „Zooraum“ angekommen, überschlugen sich dann die Ereignisse,…Mein Gott ich bin selber Mutter, bin ich so unfähig?? Die Antwort lautete: Ja…Bei 25 Kindern, kann einer Person schnell der Mut ausgehen.
Auch glaube ich, dass Kinder es ganz schnell spitz kriegen, dass sie als Gruppe mehr Macht über dich haben. Wie es so ist, einer fängt damit an und der Rest macht mit!
Ich hätte „Pechmarie“ darstellen können, so wie ich aussah. Weder hatte ich eine gute Idee, die Masse in Griff zu bekommen, noch hörte man auf mich. Die einen wollten Geschichten hören, die anderen Zoo spielen und einige amüsierten sich köstlich über die nasse Frau, die so tat, als ob sie alles im Griff hatte. Naja, an Kaffee oder Kuchen war auf keinen Fall zu denken und die Zeit schleppte sich dahin. Ich wollte auf keinen Fall, dass einem der Kinder etwas passierte, also hatte ich die Augen überall.

Als ich dann die zündende Idee hatte “RINGEL-RANGEL-ROSE“ zu spielen, verlief das alles andere als erwähnenswert. Ich bildete mit allen Tieren einen grossen Kreis und begann zu singen. Es dauerte ungefähr drei Minuten, da sich auf einmal alles verselbstständigte. Die Pferde hatten sich gegenseitig an den Schweif gepackt und rissen sich diese nacheinander raus.
Ich gebe zu, ich musste lachen, da einige nun mit einem Loch auf dem Po herumliefen. Andere begannen sich auf einander zu schmeissen…ja…Ich glaube, so etwas wie einen völlig verbogenen Schmetterling und ein Prinzessin , mittlerweile ohne Krone, in dem Haufen erkennen zu können.
Die Tische sahen aus wie ein Schweinestall und die Ballons und Luftschlangen lagen auf dem Boden und hingen nicht mehr an der Decke..
Es war ein Desaster und ich war mitten drin. Zwei Mädchen sassen in einer Ecke und versuchten sich gegenseitig mit kleinen Plastikschere die Haare abzuschneiden. Die Lautstärke war so unerträglich, dass ich mir irgendwann einfach einen Stuhl nahm und mich nahezu regungslos hinsetzte und in die Menge starrte.
Meine Mutter fiel mir ein: „Tanja, Du übernimmst Dich“ und ich dachte mir:“Ach Mama, wie recht Du hast“
Zwar konnte ich das Chaos im Raum nicht mehr beseitigen, aber es war endlich 15.00 Uhr und die Spätschicht begann. Die Leitung und einige Mütter traten in den Schweinestall. Frau Schulz, die Kita-Leitung, suchte mich in der Menge. In der Hand hielt sie einen kleinen Strauss als Dankeschön.
Gott, war mir das peinlich…Ich erhob mich und trat mit verklebten, nassen Haaren vor die Damen und fragte: „Na? Schon vorbei, das ging aber schnell“.
Frau Schulze sah sich kurz den Raum an und das, was von den Tieren noch übriggeblieben war und sagte etwas irritiert: „Meine Güte, was hat hier denn für ein Tornado gewütet?“

Mittlerweile war mir alles so peinlich, ich wollte nur noch mein Kind nehmen und die Flucht ergreifen. Währen einige Mütter abgeknickte Flügel und Wollschwänze aufhoben und nach den restlichen Teilen der Kostüme suchten, bekam ich dann den kleinen Strauss und man bedankte sich bei mir.
Ihr kennt bestimmt dieses Gefühl:“Nun werde ich für den Mist auch noch belohnt“.
Egal, ich verabschiedete mich kurz und verkniff mir die Erwähnung, dass die Kita gerne wieder auf mich zukommen könnte, falls mal wieder Hilfe gebraucht wird.

Als ich dann endlich im Wagen sass und meine Kleine hinten einschlief, bekam ich von meinem elenden Anblick einen Schreck und musste trotzdem über diesen Tag lachen…so mit mir selber im Auto..
Es ist schon ein Unterschied ob man ein Kind hat oder auf 25 aufpassen soll.
So etwas mache ich nie wieder.

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