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Ein Gastbeitrag von Saskia aus Münster

Ich war die ganze Nacht wach…. kotzend.

Ich werde ein Buch darüber schreiben. Zwei bis drei Kapitel sind meiner Verachtung für den Magen-Darm-Trakt gewidmet und ein Happy End wird es nicht geben. Wenn ein Verleger mich fragen würde, welche Zielgruppe ich mit meinem Buch ansprechen will, würde ich folgendes antworten: „Mütter, die, wie ich, Magenschleimhäute hassen.“ Er würde eh nichts von meiner Arbeit wissen wollen. Und das ist in Ordnung so. Ich selber habe auch noch nie eine Kategorie in einer Buchhandlung gefunden, die sich an „Menschen, die Erbrochenes hassen!“ richtet.

Meine Reaktion auf eine mögliche Magen-Darm-Grippewelle ist etwas, das man sich aus einem Kriegsfilm vorstellen könnte. Ein Soldat übergibt ein trauriges Telegramm an die Familie; Es folgen Schreie, Heulkrämpfe, begleitet von einem heiser krächzend hervor gebrachten: „Waaaaaarrrruuuum?“  So ungefähr habe ich mich verhalten, als die Kita mit am Montag anrief um mir zu erzählen, dass mein Sohn sich übergeben hatte. Die arme Frau am anderen Ende versuchte verzweifelt, mich zu trösten.

Während ich hier liege, bricht mein Leben außerhalb der Schwelle meines Schlafzimmers zusammen. Mein Mann ist ein Wunder. Wenn er muss, dann rockt er hier den Haushalt, wechselt Windeln und er kocht sogar. Aber es ist natürlich nicht dasselbe, wie wenn ich es mache.

Männer haben einfach einen anderen Blick auf Dinge, wenn sie die Verantwortung für den ganzen Laden übernehmen müssen. Beide Kinder kamen immer wieder in mein verseuchtes Zimmer. Sie bekamen zwar Ärger, aber sie versuchten es natürlich weiter. Ich höre meinen Mann sagen: „Du kannst da nicht mehr reingehen! Mama liegt im Sterben!“ Ich bin zu krank, um aufzustehen und dem dämlichen Idioten ein paar Takte zu sagen. Außerdem liege ich vielleicht ja wirklich im Sterben. Vielleicht sollten sie tatsächlich vorgewarnt werden.

Die Wäsche stapelt sich. Kinder weinen. Mein Kopf hämmert. Übelkeit ist mein ständiger Begleiter.

Und ich gebe dir die Schuld.

Ich kenne dich und deine Familie. Einer oder zwei von euch haben sich die ganze Nacht übergeben aber Zuhause geblieben seid ihr deswegen leider nicht. Du bist zum Kita Flohmarkt gehumpelt und sahst weniger reizend als sonst aus. Deine Haut war grau, der Schweiß sammelte sich auf deiner Stirn, und deine Augen waren glasig. Du hast deinen verseuchten Butterkuchen auf die frische weiße Tischdecke gestellt. Als ich fragte, ob es dir gut geht, sagtest du: „Oh mein Gott, mein Mann und die Jungs haben sich die ganze Nacht übergeben! Sie waren so krank! Aber, die Mädchen wollten unbedingt mit zum Flohmarkt, da konnte ich nicht nein sagen. Hoffentlich werden wir heute Nacht alle wieder zur Ruhe kommen. Ich fühle mich nämlich auch etwas unwohl.“
Mein erster Instinkt war, dich mit einer unbenutzten Kuchengabel aus dem Kuchenbasar zu verjagen.

Ich habe auch überlegt, mir Handschuhe anzuziehen und dich an den Haaren an die frische Luft zu zerren.

Stattdessen bin ich abgehauen.

Du hast mich angeguckt. Ich packte ein Kind und unsere Jacken ein, und lies meinen Butterkuchen einfach dort stehen. Alles war verseucht. Es war wahrscheinlich eh zu spät, aber ich musste es wenigstens versuchen. Ich musste meine Familie retten. Ich pfiff und gab meinem Mann das Signal, dass dies keine Übung ist. Seine Kiefermuskeln zuckten, er scannte den Raum und ignorierte das Gespräch, an dem er gerade beteiligt war: ALARM. Er bemühte sich nicht, sich zu entschuldigen, seine wachen Augen suchten die Turnhalle nach unserem Jüngsten ab. Er schnappte ihn sich und gleichzeitig schmiss er sich die Wickeltasche über die Schultern. Die Uhr lief, die Sporen der Krankheitserreger suchten bereits nach einem Brutplatz.

Lieber Gott, bitte nicht in unseren Schleimhäuten, bitte.

Als unser Auto aus dem Parkplatz fuhr, sah ich eines unserer Kinder hinter uns herlaufen. Ich schrie meinen Mann an: „Fahr einfach, FAHR!“ Wir haben noch zwei. Hier geht´s ums Überleben der Stärksten.

Die Erreger haben gewonnen.

Es war zu spät für uns. An Tag vier erlag ich der Krankheit. Von meinem Sterbebett aus kämpfe ich mit meiner Liebe zum Herrn und mit meinen negativen Gefühlen für dich. Deshalb werde ich JETZT meine letzte Energie verwenden, um dir dieses Plädoyer zu widmen:

Du solltest nie die Öffentlichkeit betreten und sagen, dass ihr die ganze Nacht wach wart, weil Teile eurer Familie mit Erbrechen beschäftigt waren!

Du kannst es mir schreiben. Du kannst mir auch gerne eine Email schicken. Du kannst es mir am Telefon sagen. Sende es per Brieftaube, wenn es sein muss aber du musst es mir nicht persönlich sagen, verdammt. Bleib zu Hause. Du wirst beim Kuchenbasar nicht so dringend gebraucht. Die Welt wird sich ohne dich nicht aufhören zu drehen.

Du hast mein Imperium erfolgreich mit deinen terroristischen Methoden zum Erliegen gebracht.
Ich werde mich erholen. Ich esse Imodium akut wie andere Leute Smarties. Das Ibuprofen-Zäpfchen beginnt endlich zu wirken. Ich werde jetzt schlafen. Eines Tages werde ich meinen Hass auf dich und deine unrechtmäßige Kontamination meines Lebens loslassen. Ich werde weitermachen – es gibt die Zeit vor einer Magen-Darm-Grippe, die Zeit danach und die Zeit bis zum nächsten Mal. In der Zwischenzeit werde ich irgendwann unter der Wäsche hervorkehren, geduldig auf die Ankunft des Teppich-Dampf-Reinigungsgerätes warten und um die verlorenen Tage weinen.

In der Zwischenzeit stelle ich mir dein Gesicht vor, wie es tief in der Schüssel hängt. Ich bete, dass du mein Spiegelbild in der Schüssel mit deinen halb verdauten Cornflakes schweben siehst, während du dem Ende nah bist.

Nächstes Mal bleibst du gefällig zu Hause. Bleib einfach zu Hause.

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