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Ein Gastbeitrag von Silke aus Oldenburg

Um das kurz vorweg zu nehmen: Mein Papa hat stets sein bestes gegeben, er konnte nicht anders.

Mein Papa war zeitlebens ein sehr humorvoller und sehr großzügiger Mensch. Er hat Menschen in der Nachbarschaft immer seine Hilfe angeboten, er gab sein letztes Hemd, damit es anderen besser ging. Auf seiner Beerdigung erzählten die Leute an jeder Ecke, wie sehr sie seine sanftmütige Art schätzten.

So sehr ich mich ihre freundlichen Worte auch berührten, das kleine Mädchen in mir schlug bei ihren Beschreibungen über seine Freundlichkeit und Großzügigkeit deutlich inneren Alarm.

Auch wenn mein Vater durchaus ihren Vorstellungen und Beschreibungen entsprach, er konnte allerdings auch sehr aggressiv, verletzend und sehr gemein sein.

Er war nämlich Meister in der „Kunst der passiv-aggressiven Erziehung“.

Die Emotionen meines Vaters wechselten so schnell wie Aprilwetter. Wir wussten als Kinder nie, wie er drauf sein würde, wenn er aufwacht. Etwas so banales wie eine Verspätung oder eine leichtfertig gestreute Bemerkung konnten ihn binnen Sekunden aus der Haut fahren lassen. Unser Haus glich an manchen Tagen einem Minenfeld, alle Bewohner des Hauses schlichen auf Zehenspitzen um meinen Vater herum, um nicht derjenige zu sein, der auf die Zündschnur trat und damit die Miene zum detonieren brachte.

Ich erinnere mich noch genau daran, dass ich als Kind mal auf dem Heimweg von einem Familienessen auf dem Rücksitz des Autos saß und mich fragte, warum mein Vater plötzlich aufgehört hatte, mit dem Rest von uns zu reden, nachdem eine Kellnerin im Restaurant ihm etwas falsches serviert hatte. Ich fragte mich, warum er so eine riesen Show abziehen musste, indem er der Kellnerin weniger Trinkgeld für einen Fehler gab, der gar nicht ihre Schuld war, und warum wir alles das Dessert auslassen mussten, weil er so verärgert über die Situation war.

Ich wusste zwar, dass das Verhalten meines Vaters falsch war aber im Alter von 8 Jahren hatte ich keine Ahnung davon, wie ich die Situation hätte ändern könnte, obwohl ich es oft mit Humor und vorgetäuschtem, unbeschwertem Verhalten versuchte, wenn er sich so verhielt.

Zur Disziplinierung meines Vaters gehörte es, Zuneigung zurückzuhalten, wenn ich mich schlecht benommen hatte, oder mit passiv-aggressiven Aussagen um uns herum zu schwirren, wenn ihn etwas störte. Selten konnten wir unsere Gefühle offen oder direkt mit der Person besprechen, die unsere Gefühle verletzt hat. Ich lernte, dass eine stille Zurückhaltung das Mittel der Wahl bei Konflikten war, um Schmerzen und Wut  auszudrücken, vor allem, weil die Probleme in unserem Haus stets so gelöst wurden.

Ich schwieg solange, bis die Situation von sich aus verebbte, ohne den eigentlichen Grund für den Konflikt überhaupt klären oder besprechen zu können.

Ich habe mich jahrelang selbst belogen, indem ich annahm, dass ich durch den passiv-aggressiven Erziehungsstil meines Vaters keinen Schaden nehmen würde.

Es war eine Lüge…

Wenn mein Mann und ich uns stritten, schaltete ich mich innerlich ab, anstatt offen meine Gefühle zu zeigen.

Ich habe enormen Druck auf mich selbst ausgeübt, um allen gerecht zu werden. Als wir uns einmal zu einem Familienausflug aufmachten, war ich frustriert und in einer schlechten Stimmung, so wie mein Vater es damals gerne war. Wir kamen unserem Ausflugsziel näher und ich konnte meine schlechte Stimmung tatsächlich in eine positive Stimmung verwandeln und ich war stolz auf mich.

„Mein Vater wäre für den Rest des Tages schlecht gelaunt gewesen. Die Autofahrt lag mir so bevor aber ich merke, dass ich mich zusammen reißen kann, ich bin nicht wie mein Papa“, sagte ich zu meinem Mann.

Plötzlich hörte ich meine Kinder flüstern: „Mami ist schlecht gelaunt; wir sollten still sein und einfach abwarten, bis sie wieder glücklich ist“. Ich habe diesen Satz nicht das erste Mal gehört.

 

Ich verhielt mich anscheinend doch genau wie mein Vater.

Diese Erkenntnis hat mir das Herz gebrochen.

Ich habe die Locken meines Vaters, seinen Sinn für Humor und seine Liebe für gutes Essen geerbt, aber leider erbte ich noch etwas viel schlimmeres: Einen passiv-aggressiven Erziehungsstil, der, wenn er nicht beendet werden würde, die Beziehung zu meinen Kindern und meinem Mann langfristig beeinträchtigen könnte, wenn er es nicht schon längst getan hatte.

Ich wusste, dass ich Hilfe brauchte, um den Kreislauf der passiv-aggressiven Erziehung durchbrechen zu können.

De Erkenntnis, dass man eine passiv-aggressive Mama ist, ist eine Sache.

Die ersten Schritte zu unternehmen, um den eigenen Erziehungsstil zu ändern, hingegen ist kräftezehrend und sehr anstrengend.

Mit der Hilfe meines Mannes fanden wir eine tolle Familientherapeutin, die über ein Jahr lang mit uns zusammenarbeitete, nicht nur um bessere Kommunikationswege zu finden, sondern auch, um mir zu helfen, die Schmerzen meiner Kindheit bewältigen zu können.

Sich der passiven Aggression zu stellen bedeutet, die körperlichen Symptome zu erkennen, die deinen Geist dazu bringen, sich quasi abschalten zu wollen. Es bedeutet, zu erkennen, dass eine angestrengte Körperspannung und vermehrtes Schwitzen die Art und Weise sind, wie dein Körper dir mitteilen möchte, dass sich das kleine Mädchen tief in dir verängstigt und bedroht fühlt.

Es bedeutet, die Mauern, die du um dich herum gebaut hast, niederzureißen, manchmal einen Stein nach dem anderen um irgendwann ein neues stabiles Haus erbauen zu können. Es bedeutet, selbst dafür Sorge zu tragen, dass das innere Kind sich endlich in Sicherheit wiegt.

Es bedeutet, Grenzen für die Menschen in deinem Leben zu setzen, die dich immer noch als dieses kleine Mädchen behandeln, Menschen, die immer noch ihre Zuneigung zurückhalten, wenn du sie enttäuscht hast.

Es bedeutet, offen mit deinen Kindern darüber zu sprechen, woher deine Angst vor Konfrontation kommt, ihnen in die Augen zu schauen und zu sagen: „Mami findet manchmal noch nicht die richtigen Worte aber ich arbeite daran!“

Es bedeutet, dem kleinen Mädchen in dir eine Stimme zu verleihen: „Ich will, dass du meine Gefühle kennst, und ich will gehört und gesehen werden.“

Es bedeutet, harte Arbeit in das Auspacken des emotionalen Gepäcks zu stecken, damit sich die Last auf deinem Rücken nicht mehr so schwer anfühlt.

Es bedeutet, zu erkennen, dass du nicht mehr überall überflüssige Trinkgelder in Restaurants hinterlassen musst, weil du etwas gutmachen möchtest, was dein Vater verbockt hat. (Ich gebe trotzdem immer noch zu viel Trinkgeld. Manche Angewohnheiten bleiben)

Es bedeutet, sich selbst öfter zu sagen, dass du kein Monster oder eine schlechte Mama bist, nur weil deine Eltern Fehler gemacht haben.

Es bedeutet, deinem Vater zu vergeben, weil du erkennst, dass sein Vater ihn genauso behandelt hat.

Es bedeutet, die Hand dieses kleinen Mädchens zu greifen und auf die Art von Familienleben zuzugehen, die du, deine Kinder und dein Mann verdient haben.

Es bedeutet, den Kreislauf zu unterbrechen. Und das schaffst du auch.

Ales Liebe.

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