Eigentlich habe ich noch 2 Posts die ich unter die Leute bringen wollte.

Einmal unser Besuch im Freilichtmuseum und dann der Tag an dem wir Eltern mal wieder endlich was gefühlt cooles gemacht haben.
Doch dann wurde ich gestern von einer auf die nächste Sekunde alt und fühlte mich doch schon leicht uncool.

Natürlich weiß man, dass Kinder groß werden und dass die uns Eltern ganz anders sehen als wir uns selbst. Da kann man sich noch so voll im Trend fühlen und denken man sei cool und die Kinder müssten einen anbeten weil man ja viel modernere Eltern ist als die eigenen früher, die ja schon megapeinlich waren.

Wenn ihr Kinder habt die noch in der Grundschule sind oder kleiner genießt es, es geht ganz schnell vorbei. Klar merkt man die Veränderung, doch das Erwachen ist dann plötzlich von einer auf die nächste Sekunde.

Diese Sekunde war bei mir gestern.

Natürlich werde ich Euch nicht haarklein berichten was bei uns die ganze Zeit schon so los ist, ich weiß, dass mein großes, kleines Mädchen sich mit nur 9 Jahren schon auf den Weg zum Teenager gemacht hat. Für meinen Geschmack recht früh, aber das ist vielleicht auch ein Tribut daran, dass sie ein klein wenig früher erwachsen werden muss, oder Dinge verstehen muss durch ihre Schwester mit Down Syndrom, die an andere Kinder noch nicht herangetragen werden.

Ich merke dies immer öfter zur Zeit wenn ich mich mit Eltern ihrer Schulfreundinnen unterhalte, wenn ich von Dingen berichte, die Louisa schon für sich entscheidet, oder welche Wege sie inzwischen einschlägt, weil sie einfach andere Denkmuster hat bekomme ich als Antwort ganz oft „Aber sie sind noch Kinder, sie können das noch gar nicht begreifen.“ Doch sie kann das aber schon.

Ganz oft merke ich gerade wie sie selbstsicher wird und auch Aktionen ihrer Freundinnen mit einem Blick betrachtet, die Erwachsene darauf haben würden. Natürlich ist sie 5 Minuten später plötzlich wieder das kleine Mädchen das eigentlich nur Spaß haben möchte – Pubertät eben.

Als wir am Samstag im Freilichtmuseum waren hatte ich einen Blick auf ein unbeschwertes Kind, das mit ausgebreiteten Armen einen Waldweg hinunter lief und mit diebischer Freude dabei ihre Stimme im laufen „mithüpfen“ ließ „aa–aa–ahhh–aaahhhh-aaa“. In dem Moment war es ihr auch egal ob das jemand beobachten konnte und was man darüber denkt. Sie war glücklich und kindlich frei, schön zu betrachten mit dem Wissen, dass diese Momente einfach weniger werden.
Natürlich hat dieses fröhliche Kind vor der Abfahrt noch gefragt ob sie ihre Schuhe mit den doch recht hohen Absätzen anziehen darf, hüstel, ich musste ihr erklären, dass auch ich flache Treter anziehe um besser auf den unebenen Wegen laufen zu können und dass man solche Schuhe nicht zu so einem Ausflug anzieht, damit wäre sie auch nicht den Waldweg runter gerannt, hihi.

Ich achte auch inzwischen ganz genau darauf was ich poste, schließlich möchte ich nicht, dass ihr später daraus mal ein Strick gedreht wird. Das Internet vergisst nicht und ich frage mich manchmal wie wenig Respekt Eltern vor ihren Kindern haben, wenn sie bestimmte Bilder zB in facebook veröffentlichen, gerade die von Kindern mit Down Syndrom. Da werden 12 jährige im Schlafanzug beim schlafen in seltsamer Haltung öffentlich gepostet, Text: „Heute war es sehr anstrengend! Wie witzig“
Ganz ehrlich? Louisa würde mir heute schon sonst was erzählen und ich frage sie auch vor der Veröffentlichung von Bildern (auch dieser Blogpost) ob die für sie okay sind, so ein Bild wäre für sie nicht okay und daran sieht man leider auch welche Gefühle manche Eltern ihren behinderten Kindern gegenüber haben, sie behandeln sie immer noch wie Kleinkinder und halten sie damit noch zusätzlich unselbständiger.

Auch Jolina ist kein Kleinkind mehr und auch wenn einige Verhaltensmuster noch sehr kleinkindlich sind und sie mir nicht mit Sprache deutlich erklären kann was sie empfindet muss ich doch akzeptieren, dass sie eben schon ein großes Mädchen ist und ich in gewissen Dingen aufpassen muss sie nicht selbst zu unterschätzen.
Daher habe ich auch Probleme wenn Eltern ständig Bilder posten mit den Unterschriften „Niedlich“, „So süß“ usw, wenn andere es so kommentieren ist es ja lieb gemeint und nett, aber sehen diese Leute ihre eigenen Kinder nur als süß und niedlich, sind sie sonst nichts für sie was sie unter ein Foto schreiben könnten? Eine kleine Katze ist auch süß, aber ein Kind darauf zu reduzieren zeigt mir wie wenig Wertschätzung man den Fähigkeiten des eigenen Kindes da entgegenbringt. Ich persönlich brauche auch keinen fremden Beifall um zu wissen, dass meine Töchter toll sind, ich sie abgöttisch liebe und natürlich die schönsten Kinder der Welt sind. Ich bin doch ihre Mutter und alle Mütter sind so, nun ja, die meisten.

Aber puhhh, ich schweife ja schon wieder ab.

Also, ich hoffe Louisa ist dieser post jetzt oder später nicht peinlich, aber ich gebe mich da keiner Illusion hin, in absehbarer Zeit wird wohl alles peinlich sein was ich mache. Das passiert ganz automatisch, sobald die Kinder älter werden, wird man selbst zum ober mega, teils auch Giga peinlichen Freak.
Zur Zeit ist nur Jolina peinlich, also manchmal, oder dann doch immer öfter, uuupps, genau das wovor ich nach Jolinas Geburt eigentlich Angst hatte.

„Mama, Jolina darf NICHT nackt ins Planschbecken! Zieh ihr SOFORT etwas an!“
„Wieso, ist doch nur unser Garten, da sieht sie doch keiner.“
„Doch die Jungs in der Nachbarschaft könnten über die Hecke schauen, das ist voll peinlich!“

oder

„Boahhh Jolina, mach den Mund zu beim kauen, das ist peinlich wenn das jemand sieht.“

oder

„Manchmal ist es schon peinlich wenn meine Freunde Jolina nicht verstehen.“

Ich weiß, dass es ein ganz natürlicher Prozess ist und kleine Geschwister immer nerven, aber Jolinas Behinderung hat hier natürlich eine große Palette an Angriffsmöglichkeiten, die dann schon ganz schön verletzend sein können, vor allem für die Eltern, doch ich weiß auch, dass sie es nicht bösartig meint, natürlich muss ich dann erzieherisch eingreifen und etwas dazu sagen, aber ich verstehe sie, war ja schließlich auch mal jung, vor gefühlt 200 Jahren.

Jetzt aber zu der Sekunde in der ich plötzlich ALT war.

Hier gibt es mehr von Jolinas Welt

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