Ein Gastbeitrag von Svenja H.

Eines Abends brachten wir die Kinder ins Bett und hatten dabei geöffnete Fenster. Ich hielt meinen Kindern einen energischen Vortrag über das Zuhören, als ich die Türklingel hörte. Mein erster Gedanke war: „Oh Mist. Was von meinen Erklärungen haben die Nachbarn wohl gehört?“ Das süße ältere Paar hatte ein Lächeln auf den Gesichtern, als sie bei uns vor der Tür standen und ich ihnen aufmachte: „Habt ihr gerade gehört, was ich meinen Kindern über das Zuhören gesagt habe? War ich etwa zu laut?“ Sie lächelten wie ältere Paare eben lächeln, wohl wissend, dass sie längst ihren Job in Sachen Kindererziehung hinter sich hatten. „Nein. Sollen wir was dazu sagen?“ Ich habe einfach spontan mitgelacht, während mein Mann gerade dabei war, sich aus Scham irgendwo zu verstecken. Die Kinder standen währenddessen mit nassen Haaren im Flur und wussten auch nicht, was sie denken sollten.

Ich bin eine tolle Mutter. Versprochen. Ich bin nur ab und an mal wütend und schreie ein klitzekleines Bisschen.

Als ich selber noch ein Kind war, gab ich mir selbst hoch und heilig das Versprechen, dass ich NIE eine Mama sein werde, die rumschreit. NIEMALS. Und ganz ehrlich: Wer noch nie ein Kind geboren hat, darf meine elterlichen Fähigkeiten bitte niemals in Frage stellen. Das ist unfair.

Kinder stellen dein Leben und vor allem deine Vorsätze ganz gehörig auf die Probe. Und die Mütter, die niemals schreien? Tja, es scheint sie irgendwo zu geben – davon bin ich überzeugt, ich glaube nur, dass sie über eine andere DNA verfügen als ich. Ich stelle mir dann immer vor, dass diese Mütter bestimmt mega humorlos und altbacken und längst nicht so cool wie ich sind.

Ich habe das große Bedürfnis, die ganze Welt wissen zu lassen, dass ich wirklich, wirklich eine großartige Mutter bin. Es ist nur so: Kinder bringen mich doch ein wenig mehr auf die Palme, als ich es erwartet habe. Und auch wenn ich bereits alles probiert habe, um mir diese schlechte Angewohnheit abzutrainieren und auch wirklich tolle Fortschritte gemacht habe, so konnte ich mir das Schreien in 11 Jahren Mamasein noch nicht komplett abgewöhnen.

Das hier ist der älteren Dame auf dem REWE Parkplatz gewidmet, die mich mit bösen Blicken gestraft hat, weil ich meine 3-Jährige Tochter angeschrieben habe, sie möge sich bitte endlich in diesen gottverdammten Kindersitz setzen: Ich verspreche dir, ich bin eine wirklich tolle Mutter. Du hast nicht mitbekommen, dass wir bereits fünf Minuten lang diskutiert haben und ich sie mit Argumenten überhäuft habe. Und dann hat sie sich irgendwann so  langsam wie ein Faultier bewegt und jeden Schritt extra langsam gemacht, um mir zu zeigen, dass sie am längeren Hebel sitzt. Bitte vergib mir aber das halten meine Nerven nicht mehr aus.

Ich verspreche euch, ich liebe meine Kinder, und ich arbeite weiter hart daran, es mir abzugewöhnen.

Das hier geht an unsere Nachbarn, die mitbekommen hat, dass ich meine Kinder angeschrien habe, weil sie sich nicht davon überzeugen liessen, alle Zähne gründlich zu putzen und sie stattdessen Papas Rasierschaum im ganzen Badezimmer verteilt haben: Ich bin ich echt ne gute Mama. Versprochen. Ich schreie nur deswegen, weil meine Kinder die Aufmerksamkeitsspanne von Waldameisen haben.

Meiner Freundin aus der Nachbarschaft, möchte ich sagen, dass ich meine Contenance verloren habe, als die Kinder aus unserem Viertel versucht haben, meinen Sohn kopfüber in die Mülltone zu stellen. Mal ehrlich, diese Kinder haben meinen Ärger doch ernsthaft verdient, oder? Das geht doch gar nicht, das verstehst du doch wohl? In solchen Fällen hilft Schreien total gut weil sich Kinder dann meist so erschrecken, dass sie aufhören, so gemein zu sein.

Das hier geht an diesen Callcenter Mitarbeiter am anderen Ende der Leitung, der mir einfach nur ne Vertragsverlängerung aufquatschen wollte und ich mein Kind angeschrien habe, es möge mich bitte eine Minute in Ruhe telefonieren lassen: Ich bin eine gute Mutter. Sie lassen mich nur nie telefonieren und das nervt.

Ich muss sagen, dass ich meine Schreien bereits um einiges reduziert habe. Ich denke, es ist wichtig sich als Mutter Ziele zu setzen und zu versuchen, diese auch zu erreichen. Ja, Kinder anzuschreien ist auf Dauer wirklich schädlich – Ich bin mir dessen bewusst. Deshalb versuche ich ja auch verzweifelt, mit dem Schreien aufzuhören. Aber ich habe auch gelernt, mich aufrichtig zu entschuldigen.

Ich habe gelernt, dass es Zeit braucht, um schlechte Angewohnheiten komplett abzulegen. Ich habe aber auch gelernt, dass ein gelegentliches Schreien, weil sie z.B. stundenlang nicht nach Hause kommen und mir nicht Bescheid gesagt haben, niemanden dauerhaft schädigen wird.

Ich bin unvollkommen. Es gehört zu mir. Und deshalb schreie ich manchmal. Ich bin eine gute Mutter. Und wenn ich aus der Haut fahre, dann gibt es dafür wahrscheinlich einen guten Grund.

Ich werde auch weiterhin daran arbeiten, nicht die Art von Mutter zu sein, die ihre Kinder  anschreit. Solange man sich aufrichtig entschuldigen kann und sonst verdammt lustig und cool ist, gibt es wahrlich schlimmeres.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.