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Linda, 34 aus Geesthacht hat sich Gedankten über das Thema gemacht, wie schnell man doch seine Meinung ändert.

Das mit dem Verurteilen ist so eine Sache. Ich bin und war immer jemand, der lauthals erklärt, wie vorurteilsfrei er doch ist und das ja jeder machen könne, was er wolle. Wenn sich aber jemand rausnimmt über mich urteilen zu wollen, werde ich fuchsteufelswild. Keinem steht es zu, über mich zu urteilen, vor allem nicht, wenn man mich gar nicht richtig kennt…

Wenn ich aber ganz ehrlich zu mir selbst bin, dann muss ich mir etwas eingestehen. Ich be- und verurteile ständig Leute. Es ist ein Vollzeitjob mit vielen Überstunden. Wenn du auch ganz ehrlich bist, wirst du merken, dass es dir wahrscheinlich genauso geht. Es ist etwas, was einfach in unserer Natur liegt… Ich schäme mich etwas dafür, weil ich mir auch ständig ein Urteil über Themen erlaube, von denen ich eigentlich gar keine Ahnung habe. Aber neeee, Linda ist natürlich allwissend und wenn SIE sich in der jeweiligen Situation befinden würde, DANN würde sie natürlich alles besser machen… Ja nee, is klar…

Besonders besserwisserisch war ich, wie viele andere auch, als ich noch kinderlos war. Ich urteilte über Mütter mit unordentlichen Dutt ( „Also, dass muss doch echt nicht sein, selbst mit acht Kindern, die alle einen Kita- Killervirus aus Magen- Darm und Grippe haben, kann man ja wohl mal auf sich achten und sich mal die Haare waschen!“), Kinder und Fernsehkonsum ( „Also wenn ich mal Mutter bin, werden meine Kinder erst nach ihrem Uni- Abschluss mal ab und an eine halbe Stunde fernsehen dürfen. Wenn man Kinder in die Welt setzt, dann möchte man sich doch mit ihnen beschäftigen und sie nicht nur vor der Flimmerkiste parken.“  und natürlich Süßigkeiten („Da muss man sich auch nicht wundern, wenn die Kinder hyperakativ und fett werden, wenn sie das schon im Kindesalter so lernen). Diese schlauen Sprüche gab ich natürlich von mir, während ich mit fettigen Haaren, Jogginganzug und einer Tüte Chips auf der Couch lag und mir Bildungsfernsehen á la „Bauer sucht Frau“ oder „Berlin Tag und Nacht“ reinzog.

Es ist leicht, jemanden zu verurteilen, wenn du nicht einmal in ihren Schuhen gelaufen bist oder ihre Kinder großgezogen hast. Das ist mit heute bewusst geworden. Ich knie mich in meinen dreckigen, löchrigen Leggings nieder und entschuldige bei den Eltern die ich damals für folgende Dinge verurteilt haben:

1. Reisen
Bevor ich Mutter wurde: “ Man kann doch auch mit Kindern reisen und die Welt sehen! Wenn man spontan Fernweh bekommt oder einen billigen Flug findet, kann man doch reisen, wohin man will. Maxicosi und Tragetuch eingepackt und los geht es! Diese Eltern, die gar nicht mal mehr ihren Ort verlassen, gehen gar nicht!

Jetzt, wo ich Mutter bin: Ich reise nie – zumindest noch nicht! Wir haben es einmal gemacht, aber es war wirklich nicht schön. Ich wurde krank, und mein Sohn hat mich die ganze Nacht wachgehalten, weil er sich in der neuen Umgebung nicht wohl fühlte. Ich erkenne jetzt auch den Zeitaufwand und die Vorbereitung, die Reisen mit Kind mit sich bringen. Selbst wenn die Reise nur zum Supermarkt um die Ecke geht.

2. Keime
Bevor ich Mutter wurde: „Keime sind keine große Sache. Sie stärken das Immunsystem. “

Jetzt, wo ich Mutter bin: Keime sind überall und ich muss immer mein Desinfektingszeug in der Tasche haben. Ich habe sogar Desinfektionsmittel auf die Kleidung meines Sohnes gesprüht. Ist das zwanghaft? Vielleicht…, aber zumindest habe ich so ein paar Keime von ihm entfernt. Es gibt einfach kaum etwas schlimmeres, als ein krankes Kind.

3. Bestechung
Bevor ich Mutter wurde: „Ich kann nicht glauben, dass sie ihm einfach einen Keks gegeben hat, damit er im Einkaufswagen sitzen bleibt. Das Kind sollte einfach im Wagen bleiben und lernen, sich ruhig zu verhalten, weil die Eltern es so gesagt haben. “

Jetzt, wo ich Mutter bin: Folgendes: Ich packe jede Art von Süßigkeiten und Knabberkram in meine Tasche, wenn wir unterwegs sind. Mein Sohn will nicht still halten? Hier ein Keks… Überraschenderweise hört er nicht auf mich, nur, weil ich ihm etwas gesagt habe. Damit konnte man vorher aber auch nicht rechnen?!

4. Kinder-Leinen
* Ich weiß, dass dies umstritten ist, aber da müssen wir jetzt beide durch *

Bevor ich Mutter wurde: „Das ist absurd! Wer legt seinem Kind BITTE eine Leine an, als wäre es ein Tier. “

Jetzt, wo ich Mutter bin: „Das ist eine geniale Erfindung, die Leben retten kann.“ Ich habe das immer noch nicht selbst ausprobiert und ich glaube auch nicht, dass ich es wirklich tun werde. Sag niemals nie….. Ich sehe den großen Nutzen dieser Leinen, besonders an sehr belebten Orten, wo ein Kleinkind tatsächlich schnell verloren gehen kann.

5. Schreien

„Ich kann nicht glauben, dass sie ihr Kind einfach schreien lässt. Warum sagt sie ihm nicht einfach, dass es aufhören soll ?! “

Jetzt, wo ich Mutter bin, würde ich mein Baby immer noch nicht schreien lassen. Bei einem Kleinkind in der Trotzphase ist das leider etwas ganz anderes…. Ich lasse meinen mühevoll gepackten Einkaufswagen im Stich, packe meinen Wutzwerg und verlasse fluchtartig das Gebäude. Ich arbeite daran,  mehr Selbstvertrauen zu bekommen und anstatt sofort zu gehen, versuche ich manchmal mit ihm über das, was vor sich geht, zu reden, aber wir alle wissen, dass es Wutanfälle gibt, gegen die kein Kraut gewachsen ist. Ich musste nun schon so oft schmerzlich lernen, dass sie nicht einfach aufhören, nur weil man es ihnen „sagt“. Was für ein Schock!

6. Restaurants (das Chaos auf dem Boden)
Bevor ich Mutter wurde: „Ich kann nicht glauben, dass diese Eltern ihren Kindern im Restaurant erlauben, soviel Essen auf dem Boden zu verteilen. Können sie ihnen nicht Manieren beibringen und ihnen zeigen, wie man mit Besteck isst? “

Jetzt, wo ich Mutter bin: Ich entschuldige mich hiermit offiziell für die atomare Unordnung, die wir unter einem Restaurant-Tisch veranstaltet haben (weil Manieren und Besteck-Versuche leider alle gescheitert sind) und dafür, dass wir einfach gegangen sind, bevor das Chaos entdeckt wurde.

7. Nickerchen
Bevor ich Mutter wurden: „Musst du wirklich deinen ganzen Tag nach dem Nickerchen deines Kindes planen? Das kann doch nicht so wichtig sein. Lass es einfach im Auto schlafen. “

Jetzt, wo ich Mutter bin: Ich plane jeden einzelnen Tag nach dem Mittagsschlaf des Kindes. Wir müssen während des Mittagsschläfchens zu Hause sein, weil Auto-Nickerchen alles nur noch schlimmer machen und wir wissen alle wie grausam es ist, wenn wir gar ein  Nickerchen auslassen. Der komplette Tag geht den Bach runter. Nickerchen sind das Größte und das Wichtigste aller Zeiten und es ist mir sehr peinlich, dass ich das jemals in Frage gestellt habe.

8. Verabredungen
Bevor ich Mutter wurden: „Wenn du mit deinen Freunden essen gehen willst, gehe einfach. Dein Kind wird sich schon anpassen. “

Jetzt, wo ich Mutter bin: Ich orientiere alles, was ich vorhabe, um den Zeitplan meines Sohnes herum. Ich habe gelernt, dass ein Zeitplan und Routinen ihm Sicherheit vermitteln. Wenn es also nicht in unseren Zeitplan passt, machen wir es einfach nicht. Du musst Prioritäten setzen. Jetzt verstehe ich auch völlig, warum meine Freunde „Nein“ zum Mittagessen im Restaurant gesagt haben.

9. Schutz
Bevor ich Mutter wurden: „Können die Kinder nicht einfach auf der Straße spielen oder könnt ihr sie nicht einfach mal bei einem Babysitter lassen?“

Jetzt, wo ich Mutter bin: Ich werde meinen Sohn niemals aus den Augen lassen. ich weiche ihm quasi nie von der Seite. Ich bin ein Helikopter Mama hoch zehn. Es ist so, seitdem er seinen ersten Schrei auf dieser Welt machte. Plötzlich waren mir all die Gefahren auf der Welt bewusst und mir wurde schlagartig klar, dass es meine Verantwortung ist, ihn davor zu beschützen.

 

10. Schmutzige Gesichter
Bevor ich Mutter wurden: „Warum wischen die nicht das Gesicht ihres Kindes ab? Das ist doch nicht so schwer.“

Jetzt, wo ich Mutter bin: Es gibt einfach nicht genug Feuchttücher auf der Welt, um das Gesicht meines Sohnes rund um die Uhr sauber zu halten. Also, am Ende lasse ich es einfach so oder benutze meine Spucke-auf-Finger-Methode.

 

Die „bevor ich Mutter“- Version von mir klingt ziemlich kacke. Ich denke, es stimmt, was man sagt: Ein Kind macht dich zu einem besseren Menschen. Seitdem ich ein Kind habe, weiß ich, was für eine unfassbar arrogante Kuh ich doch damals was. Unfassbar.

Ich bitte alle Eltern da draußen um Entschuldigung. Alle Menschen, die noch keine Eltern sind, bitte ich um folgendes: Bitte verurteilt uns nicht. Und falls doch…Ihr dürft euch später schämen, wenn ihr nämlich bemerkt, wie falsch ihr lagt.

Die Moral von der Geschichte? Lasst uns alle ein bisschen mehr Gnade und Verständnis zeigen. Wir haben keine Ahnung, was diese andere Person gerade durchmachen muss.

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