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Ein Gastbeitrag von Elisa aus Rosenheim

Ich ging an diesem besagten Morgen mal wieder an einem Paar Socken vorbei, welches direkt vor der Couch ausgezogen wurde. Ich finde alte Socken am Morgen irgendwie nicht sehr lecker. Auf dem Beistelltisch neben unserer Couch verteilten sich die Reste einer Chipspackung und einer riesigen Portion Erdnüsse. Die Armlehnen unseres Sofas waren mit kleinen Fettäuglein übersät und mein Mann saß schlafend vor dem Fernseher. Mein Blutdruck fing direkt an zu steigen.

„Oh, nein, nicht schon wieder“, dachte ich mir…….

Es gab eine Hänsel- und Gretelspur aus Brotkrumen und Käsestücken, die zurück in die Küche führte….Auf der Ablage in der Küche stand eine offene Butter, aufgerissene Kekspackungen und zwei Bananschalen lagen auch mit dabei. Es reichte mir! Ich wusste, dass er Nachtschicht hatte aber es war mir wirklich EGAL, meine Wut musste raus!

Ich hörte die Toilettenspülung im Flur und dann tauchte mein Mann auf.

„Sorry, Schatz. Meine Schicht ging länger als erwartet. Ich wollte das gerade alles aufräumen“, sagte er.

Ich hielt kurz inne, um die Situation einschätzen zu können. Er wirkte erschöpft und trug in der Tat immer noch seine Arbeitskleidung.

„Mach dir keine Sorgen“, antwortete ich. „Geh und ruhe dich aus.“

Der arme Kerl sah aus, als könnte er etwas Gnade gebrauchen, und so glaubte ich ihm und hielt mich zurück.

Es kommt ein Tag, an dem jedes Paar eine Entscheidung treffen muss: Entweder man trennt sich oder man vereint beide Leben miteinander. Beides geht nicht. Und wenn man sich entscheidet, die Zahnbürsten einzupacken und den Sprung in eine gemeinsame Zukunft zu wagen, dann gibt es alle möglichen Dinge, die DANN ans Tageslicht kommen. Ein frisches Zusammenleben kann eine herausfordernde Zeit des gemeinsamen Entdeckens und der Streitigkeiten sein. Jedenfalls war es bei uns so.

Vor zehn Jahren zogen wir zusammen, heirateten und ich entdeckte einen Mann in meinem Haus, dessen Mutter immer alles für ihn erledigte.

Am Anfang unserer Beziehung fiel mir das noch gar nicht auf. Im Laufe der Zeit störte mich sein Chaos aber immer mehr und ich dachte, es fehlt ihm an Respekt mir gegenüber. Jede Socke auf dem Boden und jede dreckige Schüssel fühlte sich wie eine persönliche Attacke gegen mich an. Ich meine, wer kommt bitte von der Arbeit nach Hause, veranstaltet ein totales Fiasko an Lebensmitteln und lässt dann jede einzelne Zutat auf der Arbeitsplatte liegen?

Nur ein Idiot tut so was, dachte ich mir.

Wenn er sich auszog, dann warf seine Kleidung auf den Boden und neben den Wäschekorb. Er machte sich seinen Kaffee für die Arbeit fertig und ließ stets die offene Milchpackung und den offenen Kaffee einfach so stehen. Jedesmal spürte ich meine Stirnader pulsieren, wenn ich in die Küche kam. Unsere Beziehung lag quasi im Sterben – ein qualvoller Tod, hervorgerufen durch seine Unachtsamkeit.

Und dann kam meine Schwiegermutter irgendwann das erste Mal zu Besuch.

Verdammte Axt, wenn das keine augenöffnende Erfahrung war, weiß ich auch nicht! Ich war Zeuge und sah zu, wie mein Mann seine Socken auf den Boden warf und ich sah zu, wie sie sie aufhob. Er war fertig mit dem Abendessen, und sie räumte die Teller ab, stellte alles in die Spülmaschine und sie stellte die Reste des Essens in den Kühlschrank. Als er sich später am Abend noch etwas zu knabbern aus dem Schrank holte, räumte sie in Windeseile alle Krümel weg.

Als meine Schwiegermutter ihrem erwachsenen Sohn durch unser Haus verfolgte um sein Chaos hinter ihm zu beseitigten, da wurde mir plötzlich Folgendes klar: Mein Mann ist das Produkt ihrer Erziehung. 19 Jahre lang wurde er zu einem hilflosen Chaoten erzogen. Und obwohl sein Handeln in unserem Haus durchaus respektlos war, so hatte er wahrscheinlich selber gar keine Ahnung, dass ich mich schlecht behandelt fühlte. All dies war eine Frage der Konditionierung.

Und ich wollte diese Konditionierung im Keim ersticken.

Als das Wochenende vorbei war und meine Schwiegermama wieder wohlbehalten bei sich Zuhause angekommen war und ich meinen Mann wieder für mich alleine hatte, nutzte ich die erste Gelegenheit, um mit ihm zu sprechen. Er saß auf der Couch neben mir und ich konnte mich nicht zurückhalten und sagte:

„Ich fragte mich immer, was du wohl denkst, wenn andere Menschen dein dreckiges Geschirr wegräumen. Ich habe nie verstanden, was du wohl denkst, wenn du dich mitten im Schlafzimmer ausziehst und deine Klamotten direkt neben den Wäschekorb schmeißt. Ich hatte immer das Gefühl, dir wie ein Dienstmädchen unter die Arme greifen zu müssen. Aber nachdem ich gesehen habe, wie deine Mutter dich das ganze Wochenende verfolgt hat, verstehe ich jetzt, woher diese Erwartungshaltung deinerseits kommt. Deine Mutter mag das alles gerne für dich getan haben, Hagen, sie ist eben deine Mutter. Ich liebe dich sehr…. aber ich werde nie wieder dein Dienstmädchen sein. Ich bin nämlich nicht deine Mutter, ich bin deine Frau.“

Es war sehr still im Zimmer…….

„Verstehst du das?“, fragte ich nach…..

Er lächelte schüchtern.

„Bist du böse, weil ich neulich nicht unser Chaos nach dem Frühstück im Bett beseitigt habe?“

Es dauerte ein wenig, bis mir klar wurde, dass er zu scherzen versuchte. Wir mussten beide lachen, weil wir, ehrlich gesagt, total schlecht im Streiten sind, Außerdem ist es irgendwie lustig, wenn man einem erwachsenen Mann sagen muss, dass man ihm ab jetzt nicht mehr für den Rest seines Lebens den Hintern abwischen wird. Sinnbildlich. Er konnte weiter aber nichts sagen, weil er wusste, dass ich ins Schwarze getroffen hatte.

Als ich an dem Abend ins Bett ging, fragte ich mich noch kurz vor dem Einschlafen, ob meine Botschaft wirklich angekommen ist oder ob wir die nächsten Jahre vielleicht Dauergäste bei der Eheberatung sein werden.

Die Antwort ist: Es war ein bisschen von beidem. Keiner von uns ist perfekt. Wir beide bringen gelegentlich etwas Unordnung auf den Tisch. Aber gestern Nachmittag, als unser  Sohn eine Müslipackung öffnete und die Verpackung einfach liegen las, trat mein Mann plötzlich in Erscheinung und sagte:

„Komm schon Paul, hebe das bitte auf. Deine Mama ist nicht unser Dienstmädchen.“

Ein Fortschritt.

Wir werden das packen. Hoffentlich.

 

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