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Von Dr. Martin Claßen, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin Links der Weser und Mitglied im Expertenrat der Deutschen Kontinenz Gesellschaft.

Wenn Kinder im Grundschulalter nachts noch ins Bett machen, obwohl sie längst trocken sein sollten, fragen sich viele Eltern, ob das ihr Fehler ist. Oder ob ihr Kind womöglich seelische Probleme hat.

Aus meiner Praxis weiß ich: Die meisten Eltern trauen sich dann aus Scham nicht oder erst sehr spät zu einem Arzt – obwohl Kind und Eltern unter dem Bettnässen leiden. Die Folge sind Missverständnisse und Spannungen zwischen ihnen. Oft wachsen daraus Schuldgefühle und Ängste, die massiv am Selbstwert des Kindes nagen.

Dabei ist das Bettnässen keine Ausnahme, sondern weit verbreitet – es wird sich nur zu wenig darüber ausgetauscht, zeigt meine Erfahrung. Machen Kinder nach dem fünften Lebensjahr noch mehrmals monatlich nachts ins Bett, ohne dass tagsüber Probleme bestehen oder beispielsweise ein Harnwegsinfekt vorliegt, spricht man von Enuresis, wie es medizinisch heißt. Rund zehn Prozent aller Grundschulkinder können ihre Blase nachts nicht regelmäßig kontrollieren – Jungen doppelt so häufig wie Mädchen. Bettnässen ist in diesem Alter das zweithäufigste körperliche Problem nach Allergien und sehr gut behandelbar.

 

Welche Ursachen gibt es fürs Bettnässen?

1. Die Harnblase ist für das Alter noch zu klein und kann zu wenig Harn       speichern.

2. Die Kinder schlafen zu tief; es fehlt der Weckreiz einer vollen Blase oder er wird zu spät wahrgenommen. Die Ursache kann eine verzögerte Reifung von Nervenbahnen sein. Dies ist die häufigste Ursache.

3. Das Hormon ADH = Antidiuretischen Hormon wird in der Hirnanhangdrüse nicht ausreichend gebildet. Dadurch wird nachts zu viel Urin produziert, das Kind macht ins Bett.

4. Ein nicht zu unterschätzender Faktor sind falsche Trinkgewohnheiten:
Viele Kinder nehmen im Laufe des Tages kaum Flüssigkeit zu sich und löschen ihren Durst erst am Abend. Trinken Kinder tagsüber zu wenig, fehlt ein wichtiger Reiz, der normalerweise das altersbedingte Wachstum der Blasen anregt. Abends wird das Trinken dann nachgeholt. Die Folge: Die Blase wird durch die große Menge an Flüssigkeitüberlastet. Alles, was in den letzten zwei Stunden vor dem Zubettgehen getrunken wird, wird nachts dann ausgeschieden.

5. Früher glaubte man häufig, dass psychische Ursachen oder Verhaltensstörungen die Ursache vom Einnässen sind. Das ist meist nur der Fall, wenn Kinder nach einer längeren trockenen Phase wieder einnässen.

Die Punkte 1.-3. können auch in Kombination auftreten. Oft litt ein Elternteil als Kind unter Enuresis, was für vererbte Faktoren spricht. Waren beide Eltern betroffen, wird es das Kind mit einer Wahrscheinlichkeit von 75 Prozent auch sein.

 

Es ist etwas ins Bett gegangen – wie können Eltern dem Kind helfen?

Wenn das Kind ins Bett gemacht hat, sollten Sie ruhig reagieren und signalisieren, dass das passieren kann. Strafen, Beschimpfungen oder Drohungen dagegen erhöhen den Druck auf das Kind, bewirken nichts und schwächen sein Selbstbewusstsein.

Ich rate Eltern immer, ihren Kindern deutlich zu machen, dass sie für das nasse Bett nicht verantwortlich sind. Versuchen Sie, die Stärken Ihres Kindes zu betonen: In welchen Dingen ist es genauso gut wie andere oder ihnen vielleicht sogar voraus? Zeigen Sie diese Ihrem Kind auf, um sein Selbstbewusstsein zu stärken. Zudem kann es für Ihr Kind tröstlich sein, zu erfahren, dass auch andere Familienangehörige dieses Problem früher hatten.

Wenn Kind und Familie Geduld haben, können Sie zunächst einige Monate wieder nachts eine Windel verwenden, tagsüber aber die Blase durch regelmäßiges Trinken trainieren.

Gründe für eine ärztliche Untersuchung

Wenn auch tagsüber Probleme mit der Kontrolle der Blase oder dem Darm bestehen, wenn Ihr Kind oder Sie unter dem Problem leiden, ist eine professionelle Beratung beim Kinderarzt sinnvoll.
Ich möchte Eltern gerne die Angst vor diesem Schritt nehmen: Für Kinderärzte ist Bettnässen kein befremdliches Thema, sondern gehört zum Praxisalltag.

In der Regel wird der Urin untersucht, Blase und Nieren per Ultraschall dargestellt und es werden z. B. folgende Fragen gestellt:

  • Wie oft kommt das Bettnässen vor? Gabe schon einmal eine längere trockene Phase?
  • Wie oft geht mein Kind am Tag zur Toilette, muss es nachts aufstehen?
  • Rennt das Kind tagsüber mit hohem Tempo auf die Toilette, schafft es aber nicht immer rechtzeitig?
  • Sind schon einmal Harnwegsinfekte aufgetreten?
  • Wie sind die Trinkmengen über den Tag verteilt?
  • Gibt es Zeichen einer allgemeinen Entwicklungsverzögerung?Psychische oder Verhaltensauffälligkeiten? Begleiterkrankungen? Operationen?
  • Gibt es Probleme bei der Stuhlentleerung oder eine Stuhlinkontinenz?
  • Gibt es familiäre Stresssituationen oder Schulprobleme?

Wer sich auf diese Fragen vorbereitet und ein „Trink- und Urinprotokoll“ mit seinem Kind führt, erleichtert dem Arzt die Diagnose. Ein Blasentagebuch zum Download sowie weitere Infos zum Thema Bettnässen finden Sie auf der Homepage der Deutschen Kontinenz Gesellschaft.

Welche Therapien gibt es?

Steht die Ursache fest, ist das nächtliche Einnässen meist gut therapierbar. Dafür wird beispielsweise ein neues Trinkverhalten erlernt oder eine Weckapparattherapie eingesetzt. Dabei schläft das Kind mit einem Alarmgerät. Trifft ein Tropfen Urin den Sensor, löst er einen lauten Alarm aus. Das Kind muss geweckt und zur Toilette gebracht werden. Das Gehirn verknüpft dann den Harndrang mit dem Aufwachen. Seltener müssen Medikamente verschrieben oder gar operiert werden.

Meine jahrelange Praxiserfahrung zeigt: Die Erfolgsaussichten, dass Ihr Kind innerhalb weniger Monate auch nachts trocken ist, sind groß. Bettnässen ist kein Tabuthema, sondern gehört bei vielen Kindern zu Entwicklung dazu.

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