Von Anna aus Krefeld

Die Eifersucht erreichte ihren Höhepunkt, als die zweite Runde der Schwangerschaftsbekanntmachungen über uns hereinbrach. Zu dem Zeitpunkt war meine Tochter zwei Jahre alt, ich war 37, aber weder mein Mann noch ich hatten das Thema eines zweiten Kindes je angerissen. Stattdessen verfolgte ich eine total billige Taktik, ich versuchte es mit beiläufigen Kommentare zu den unpassendsten Momenten: Ich erwähnte beiläufig alle schönen Jungs und Mädchennamen, und fragte ihn nach seinen Vorlieben. Als ich eine Salmonellenvergiftung hatte, weil ich schlechtes Hühnchen gegessen hatte, hoffte ich insgeheim, dass meine Symptome darauf hinwiesen, dass ich erneut schwanger war. Mein Mann betete, dass sie es nicht taten.

Unsere Vermeidung der Diskussion, gefolgt von unserer Unfähigkeit, uns auf den anderen einzulassen, war nahezu herzzerreißend. Es schien eine fundamentale Spaltung in unserer Ehe zu symbolisieren: Fast alle, die wir kannten, hatten bereits mehr als ein Kind. Warum konnten wir uns nicht einigen?

Vieles, was in meinem Kopf vorging, war natürlich Projektion. Man weiß nie, was mit der Entscheidung eines Paares einhergeht, ein weiteres Baby zu bekommen. Welche Probleme werden auftreten, welche Kompromisse müssen eingegangen werden, welche Wunden werden aufreißen, welche Hoffnungen werden in den Neuankömmling gesetzt, was für ein Leben kommt auf das Paar zu? Welche Katastrophen kommen auf das Paar zu?
Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es zwei verschiedene Gruppen von Eltern gibt: Diejenigen, für die ein weiteres Kind eine Welle der Verwüstung auslöst – Sämtliche Ansichten werden durcheinander gerüttelt, aber dennoch bleibt die Ehe glücklich – und dann gibt es diejenigen, bei denen ein weiteres Baby wie eine Bombe einschlägt. Ich bin nicht sicher, wie viel diese Kategorien über die Solidität einer Ehe, über die Umstände, die sie umgeben, über das Baby selbst oder über die zwei besonderen Parteien in der Beziehung aussagen, aber mein Mann und ich fanden uns beide definitiv in der letzteren Gruppe wieder. Die Bombe.

Obwohl wir am Anfang unserer Beziehung sehr verliebt ineinander waren und schnell zu einem echten Dream-Team wurden, mussten wir uns dennoch eingestehen, dass wir uns gegenseitig kaum kannten, als wir bereits ein Jahr nach unserem ersten Date heirateten. Ein Jahr später, als unsere Tochter geboren wurde, kannten wir uns schon ein bisschen besser. Das ist doch heute auch nicht ungewöhnlich: Man findet sich, kommt zusammen, heiratet und bekommt ziemlich zügig ein Kind – Ich bedauere unser Tempo auch nicht. Aber eine kleine, hilflose, schreiende, dritte Person wirbelt ein frischgebackenes Ehepaar gehörig durcheinander und zaubert ihnen ganz besondere „Herausforderungen“ aufs Tablett.

Bei unserer Hochzeit hat uns meine Mutter, die seit fast 50 Jahren mit meinem Vater verheiratet ist, diesen Ratschlag gegeben: „Sei nicht überrascht, wenn du überrascht wirst.“ Ich dachte, das wäre ein Witz. Offensichtlich war es das nicht – Überraschungen sind in jeder langfristigen Beziehung unvermeidlich. Es ist ein zugegeben spannender, allerdings auch manchmal verwirrender Teil einer Ehe.

Ich habe in den drei Jahren, seitdem meine Tochter auf der Welt ist, viel über meinen Mann gelernt. Er ist ein toller Vater, allerdings ist seine Ausdauer in Sachen Geduld wirklich sehr begrenzt. Ein weiteres Baby wäre ein Wagnis für seinen Geduldsfaden- außerdem kostet ein zweites Kind auch Geld, welches wir leider gar nicht haben. Neben der finanziellen Belastung würden die Nächte zunächst wieder kürzer und lauter werden – das alles übersteigt seine Vorstellungskraft, er bestätigt mir dies auch öfter bereitwillig.

Wir konnten ja vorher nicht ahnen, dass sich mein immer kleiner werdendes Fruchtbarkeitsfenster mit der langwierigen Ausbildung meines Mannes überschneidet. Er war quasi jahrelang an den Schreibtisch gefesselt und lernte nahezu ganze Sommermonate durch. Da war an kein weiteres Kind zu denken, das leuchtete mir ein.

Meine Karriere endete quasi mit der Geburt meiner Tochter, als Mutter eines Kleinkindes ist der Aufstieg in die Chefetagen ziemlich unmöglich. Ich war schockiert, wie viel von der finanziellen Last auf den Schultern meines Mannes gelandet war und wie viel Verantwortung innerhalb der Elternschaft auf meiner gelandet war.

Ich wollte nie nur ein Kind haben. Ich weiß nicht, was ich ohne meine ältere Schwester machen würde und insgeheim bedauere ich alle Einzelkinder. Einzelkinder sind doch bestimmt sehr einsam, oder? Außerdem haben sie im Alter niemanden mehr an ihrer Seite, wenn die Eltern nicht mehr da sind. Traurig, oder?

Ich weiß, dass dies weitgehend eine Illusion ist – viele Geschwister erfüllen diese Funktion nicht füreinander. Viele Geschwister haben gar keine gute Beziehung zueinander. Freunde und Ehepartner füllen diese Lücken dann später auf.

In jedem Fall scheint ein zweites Kind um unserer Tochter Willen nicht Grund genug zu sein.

Als ich mit unserer Tochter schwanger wurde, wollten mein Mann und ich etwas Schönes aus unserer Bindung erschaffen – und wir taten es. Diese Entscheidung ist jetzt in einer unausweichlichen, dreidimensionalen Realität verankert. Obwohl du nie genau weißt, wo die Reise deiner Ehe enden wird-  ein weiteres Kind verliert nie seinen Sinn für die Magie des Lebens, finde ich. Nach dem ersten Kind, hast du wenigstens eine Vorstellung davon, wie das Leben mit Kindern aussehen wird: Einerseits herzzerreißend fröhlich und andererseits zuweilen auch ein eigener kleiner Höllenritt.

Wie alle Mamas, weiß ich nur zu genau, was es bedeutet, ein Baby zu bekommen.

So viele Frauen ziehen zwei (oder mehr) Kinder alleine groß oder werden nur durch den finanziellen Beitrag des Vaters unterstützt. Ich wünschte, ich könnte ein wenig so wie diese Frauen sein, die einfach für sich festgelegt haben: „Ich will das so sehr, dass ich mich zur Not auch allein darum kümmern werde!“ – die schlaflosen Nächte, die teure Kinderbetreuung, die abgeschriebene Karriere. Aber leider bin ich nicht so. Ich weiß, dass zwei Kinder jeden Sinn für Ordnung und Ausgeglichenheit erschüttern würden, zumindest phasenweise. Trotzdem hält mich das nicht davon ab, zumindest öfter über eine größere Familie nachzudenken.

Und doch – vielleicht ist das der springende Punkt – selbst wenn ich jemand wäre, der glücklich darüber wäre, die Erziehung von zwei Kindern weitestgehend alleine zu wuppen, würde ich es mir selbst übel nehmen. Es ist nicht die Grundlage, auf der ich unsere Familie aufbauen möchte. Ich war immer der Hauptelternteil, aber ich brauche meinen Mann zum glücklich sein. Ich muss von Herzen glücklich sein, um mich um einen weiteren Menschen kümmern zu können. Davon bin ich überzeugt.

Mein Mann sagt, dass er meinem Glück nicht im Wege stehen möchte, dennoch sieht seine Art der perfekten Familiengröße anders aus, als meine. Er kann sich nicht vorstellen, woher wir Zeit, Geld und Energie nehmen sollen, um das alles nochmal durchzustehen. Ich hingegen denke, wir würden das schon schaffen, genauso, wie wir es beim ersten Kind geschafft haben. Irgendwie wird’s schon gehen.

In jedem Fall ist diese Situation ganz schön traurig. Natürlich ist diese Sorge nicht so schlimm wie Unfruchtbarkeit oder Fehlgeburten, aber dennoch ist sie traurig. Es ist ein stiller Kummer, wirklich erkennen zu müssen, wer du und wer dein Partner wirklich ist – was du eigentlich immer wolltest aber dein Partner anscheinend nicht. Plötzlich tun sich Grenzen auf, die du so nicht erwartet hättest.

Da die meisten zweiten Kinder meiner Freunde bereits geboren wurden, hat mein Neid und meine Sehnsucht etwas nachgelassen. Die Schwierigkeit des Lebens mit zwei kleinen Kindern ist allgegenwärtig. Ich sehe auch, worunter diese Paare leiden: Schlafmangel, Mastitis, Zwietracht in der Ehe, nicht eine einzige Sekunde für sich selbst zu haben, das Gefühl für immer gestresst sein zu müssen. Auch wenn ich jetzt weiß, dass alles irgendwann leichter wird, so weiß ich auch, dass dieses erste Jahr mit einem Baby wirklich eine Belastung sein kann.

Erst in den letzten Wochen habe ich begonnen, mich mit der Realität anzufreunden, dass unsere Tochter das einzige Kind sein könnte, das wir jemals haben werden, und dass dies in Ordnung sein könnte. Vielleicht ist der Kampf um weiteres Kind nicht die Art von Kampf, den ich gewinnen will, denn was würde es uns letztendlich kosten?

Obwohl die Mutterrolle immer wieder dunkle, verzweifelte Momente hat, liebe ich die Zeit, die ich mit unserer Tochter verbringen darf. Ich habe sie noch mehr zu schätzen gelernt, weil ich ihre Kindheit nicht mehr durch die Linse dessen sehe, was wir irgendwann nochmal erleben werden. Ich versuche nicht meine Geduld, meinen Schlaf, mein Geld, meine Ausdauer oder meinen guten Willen für eine weitere Runde aufzubewahren. Ich genieße es einfach, bei ihr zu sein, meinem Baby, meinem One Hit Wonder – Dieses magische Geschenk, welches sowohl ihr Vater als auch ich uns so sehr gewünscht hatten.

1 Kommentar

  1. Ich habe im Netz bis jetzt nicht viel brauchbares über dieses Thema gefunden. Da gibt es Frauen, die ihrem Mann heimlich ein weiteres Kind unterjubeln, solche, die sich trennen und wieder andere, die total an der Situation zerbrechen. Nichts, das wirklich ein Option ist, wenn man seinen Partner liebt und für Kompromisse in der Beziehung bereit ist, damit diese auch noch die nächsten 40 Jahre funktioniert. Dieser Artikel erzählt jedoch von einer Frau, die zwar viel Schmerz und Kummer verspürt, aber die Liebe zu ihrem Mann doch ins Zentrum stellt.. Sie fängt an, all das Schöne zu geniessen, das sie bereits im Leben hat – nämlich ihr FamilienGLÜCK mit einem Mann, den sie lieb (und der vermutlich auch sie sehr liebt) und einer wunderbaren Tochter. Inspirierend, motivierend, ermutigend – Danke.

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