Ein Gastbeitrag von Maria aus München

Ich möchte heute eine Beobachtung des gestrigen Tages mit euch teilen. Ich hatte meine beiden Kinder in die Kita gebracht und wollte eben noch mal schnell ins Shoppingcenter fahren, um einige Besorgungen zu erledigen. Es war ein ganz normaler, alltäglicher Moment in einem belebten Einkaufszentrum mitten in Deutschland. Ich gönnte mir einen Kaffee und setzte mich auf eine der Bänke und begutachtete das bunte Treiben.

In einem Klamottenladen direkt vor mir konnte ich ein kleines Mädchen mit ihrer Mama beobachten. Dem Kind war der Müsliriegel auf den Boden gefallen und es schrie und weinte ganz furchtbar. Sie war wirklich außer sich vor Zorn.

Es schien so, als hinge ihr ganzes Leben vom diesem Müsliriegel ab. Und als sie erkannte, dass dieser Müsliriegel nicht mehr zu gebrauchen war, ging es erst richtig los. Es folgte ein Wutausbruch, der sich gewaschen hatte. Sie schluchzte, schlug um sich und hatte auch noch einen bösen Schluckauf –  Sie sah aus, als müsse sie sich mitten im Laden übergeben.  Es war fast ein bisschen beeindruckend. Als Mama kennt man diese Wutanfälle ja.

Alle Leute in dem Laden guckten die Mutter des Mädchens an. Die Verkäuferin schaute mitleidig und hatte Angst um ihre Waren. Es war laut, sehr laut.

Ich hatte kurzweilig das große Bedürfnis der Mama meine Hilfe anzubieten. SO ist das Leben mit einem Kleinkind, willkommen in der Realität.

Aber dann passierte etwas total Erschreckendes….. Die Mutter des Mädchens schrie das Kind in einer Lautstärke an, dass ich innerlich zusammen zuckte. Ihre Stimme übertönte alle Geräusche und sie war noch viel lauter als das Geschluchze des Mädchens.

„Siehst du, dass dich alle anstarren? Willst du wissen, warum sie das tun? Sie starren uns alle an, weil du dich wie ein Baby benimmst! Warum tust du das? Kannst du dich nicht einmal benehmen? Was ist denn los? Ist die Windel wieder voll oder was?“

Sie fegte den Müsliriegel mit dem Fuß unter ein Regal und zeigte mit dem Finger direkt in das Gesicht des Kindes.

„Du hörst sofort auf zu heulen und du benimmst dich SOFORT wie ein großes Mädchen, HÖRST DU?!“

Das kleine Mädchen hörte sofort auf zu schreien und sie war ruhig aber die Tränen rannten ihr weiter über ihr kleines, erschrockenes Gesicht. Sie schluchzte und versuchte, sich zu beruhigen. Sie senkte ihren Lockenkopf und blickte nach unten. Sie wurde soeben vor zahlreichen Menschen gedemütigt.

„Dieses ganze Theater wegen einem blöden Müsliriegel, ich fasse es nicht!“, schnaufte die Mutter und schob den Buggy wütend aus dem Laden.

Ich war fassungslos. Kurz fürs Protokoll: Ich bin keine perfekte Mutter. Ich verliere auch mal die Beherrschung, treffe schlechte Entscheidungen und entschuldige mich regelmäßig bei meinen Kindern dafür, wenn ich mal wieder über die Stränge geschlagen habe. Die Mutter dieses Mädchens kam mir allerdings sehr bekannt vor.

Und das kleine Mädchen kam mir ebenfalls bekannt vor.

Dieses kleine Mädchen erinnerte mich an mich selbst.

Und diese Mama war meine Mama.

Es gibt einen Grund, warum ich diesen Gastbeitrag heute schreibe.

Jedes Elternteil muss für sich selbst herausfinden, wie es seine Kinder erzieht oder nicht erzieht. Und wir alle haben Momente, in denen wir trotz unserer Erziehungsphilosophien auch mal die Fassung verlieren, ja, auch in der Öffentlichkeit.

Aber es gibt eine Sache, die ich niemals tolerieren und akzeptieren kann. Eine Sache, die in meinen Augen ein absolutes NO GO ist.

Kein Kind hat es verdient, angeschrien und verspottet zu werden, weil es versucht, seinen Emotionen Ausdruck zu verleihen!

Es ist nicht immer einfach, Eltern zu sein, das weiß ich. Es kann verdammt anstrengend sein, für alles verantwortlich sein zu müssen. Ja, kleine Kinder und der gesamte Haushalt und vielleicht auch noch ein Job fordern verdammt viel Einsatz und Nerven.

Aber weißt du, was noch viel anstrengender als das alles ist? Richtig, selbst ein kleines Kind zu sein ist viel anstrengender als alles, was ich aufgezählt habe.

Kinder fühlen, wie ein Sturm aus Emotionen sich in ihnen breit macht aber sie sind noch nicht in der Lage diesen selbst einordnen und bewältigen zu können.

Es ist unsere Aufgabe, unseren Kindern die Fähigkeiten beizubringen, wie man mit Emotionen umgehen kann. Es obliegt unserer Verantwortung, ruhig zu bleiben, wenn der Sturm hereinbricht, und diese kleinen Seelen geduldig aus dem aufbrausenden Meer der Gefühle zu führen.

Wir Eltern machen aus unseren Kindern emotional stabile und hoffentlich irgendwann auch selbstsichere Erwachsene. Das ist allein unser Job. Niemand sonst wird unseren Kindern beibringen können, wie man sich unbeschadet durch die Flutwellen großer Gefühle navigiert. Das ist der Job der Eltern.

Es ist kein einfacher Spaziergang, weil das Gehirn von kleinen Kindern tatsächlich noch verdammt explosiv ist. Sie sind noch viel zu klein, um sich der Kraft der Gefühle selbstsicher stellen zu können. Sie wachsen und entwickeln sich jeden Tag weiter.

Indem wir Kindern beschämen und sie in der Öffentlichkeit nieder machen, senden wir völlig falsche Signale. Scham ist kein gutes Signal! Das, was sie in der Situation brauchen, ist eine Bestätigung, dass das, was sie fühlen, ECHT ist. Sie müssen nicht dafür beschimpft werden, weil sie vorübergehend nicht in der Lage waren, diese Gefühle kanalisieren zu können. Sie brauchen Empathie und eine kindgerechte Anleitung für einen gesunden Umgang mit ihnen.

Und natürlich war die Reaktion des Mädchens überzogen. Ganz klar. Aber sie ist noch ein Kind!

Kinder verfügen noch nicht über den Entwicklungsstand, den wir uns über Jahrzehnte angeeignet haben. Und genau daran müssen wir denken, BEVOR wir ein Kind in der Öffentlichkeit nieder machen: Sie können nicht anders!

Also bitte liebe Mamas, Papas und andere Verwandte, um dieser Kinder willen, lasst uns unseren voll entwickelten Frontallappen und unsere gewachsenen Fähigkeiten dazu nutzen, wenigstens unsere Gefühle kontrollieren zu können, damit unsere Kinder genau diese Fähigkeiten von uns lernen können. Nehmt euch die Zeit und geht sachte mit den Gefühlen eurer Kinder um und führt sie behutsam durch ihre Wutanfälle. Bringt ihnen bei, dass Emotionen gesund und normal sind und dass es viele verschiedene Möglichkeiten gibt, um Trauer, Wut und Verletzung ausdrücken zu können.

Kein Wutausbruch und kein verlorener Müsliriegel rechtfertigt einen dermaßen unkontrollierten Wutausbruch.

Wir sind erwachsen, ein Kind ist ein Kind und es verdient eine angemessene Reaktion und ganz viel Respekt und Liebe.

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