Ein Gastbeitrag von Hannah Z.

Freunde der Sonne, lasst uns heute mal den Tatsachen ins Auge blicken. Als Eltern, als Lehrer und als eine Gemeinschaft von vernünftigen, erwachsenen Menschen sollten wir uns heute mal folgendes eingestehen: Wir ignorieren unsere Kinder von Zeit zu Zeit und das bereits seitdem die Menschen Höhlenwände bemalt haben. Ich sage euch was: Nur so konnten wir als Spezies überleben. Denn wenn wir uns jede verdammte Sekunde NUR um die Kinder gekümmert hätten, dann hätte sich ein Säbelzahntiger von hinten angeschlichen und uns verspeist. Das ist eine Tatsache.

Okay, vielleicht wäre es auch ein Höhlenbär oder so gewesen, ich kenne mich in Raubtierbiologie der Eiszeit einfach nicht genug aus, egal, die Tatsache bleibt: Wenn wir NONSTOP damit beschäftigt gewesen wären, unsere Kinder anzustarren, hätte uns etwas GROßES, BEHAARTES, gefressen. Außerdem hätte dann niemand Kleidung genäht und Beeren gesammelt.

Im Grunde genommen ist das zeitweise IGNORIEREN unserer Kinder unser evolutionärer Vorteil gewesen.

Ein weiterer Fakt ist, dass Handys heutzutage eine große Ablenkungsmöglichkeit sind.

Wenn ich auf dem Spielplatz in mein Handy gucke, dann wäre ich sehr erfreut, wenn ihr mir nicht eure missgünstigen Blicke zuwerfen könntet, während mein Sohn die Rutsche hochklettert. Rückwärts versteht sich. Ihr wisst doch am besten, dass er bereits seit fünf Uhr morgens wach war und im 2-Sekunden-Takt „Mama? Maaaa-Maaaa? Mahama? Guck mal, Mammmmmaaaaaaa!“rief. Und ihr wisst selber ganz genau, dass wir Mamas öfter „Ja, das hast du suuuuuper gemacht!“ sagen, ohne wirklich hingeguckt zu haben. Und warum? Genau: Weil das zweitweise Ignorieren unserer Kinder eine Überlebensstrategie ist. Wir würden durchdrehen, wenn wir es nicht täten.

Nehmen wir  zum Beispiel unsere Eltern. Die hatten keine Handys. Aber auch unsere Mütter hatten bereits Telefone mit denen sie stundenlang mit der besten Freundin gequatscht haben.Du erinnerst dich garantiert daran.

Wenn die Mutter wieder viel zu lange mit Kathrin telefoniert hat und du ihr dringend eine Zeichnung zeigen oder um etwas Kleingeld für den Eiswagen bitten wolltest, DANN musstest du ihre Aufmerksamkeit erlangen, und das bedeutete für dich: „Mamaaaa, Maaaaamiiiii, Maaahhaaaammaaa, Ma-Maaaaaammmaaaaaaaaa“ zu rufen, bis sie mit der einen Hand den Hörer abdeckte und zischte: „Ich telefoniere mit Kathrin, verdammt!, WAS willst du?“ Dann wurde schnell um eine Mark gebettelt und die Chancen standen gut, diese auch zu erhalten, weil Mamas so ziemlich alles tun, um noch weitere 15 Minuten Ruhe genießen zu können.

Erinnert ihr euch noch an die „Schwarzwaldklinik?“ An „Dallas“ oder „Denver?“ Diese Serien gehörten eindeutig NUR der Mutter und in dieser Zeit durften jene auch nicht gestört werden und wenn man es doch tat, wurde man mit einem „Meine Serie läuft gerade, WAS wollt ihr?“ angezischt.

Der Spielplatz damals? Unsere Mütter hatten keine Handys. Sie schmissen uns quasi aus dem Haus und riefen uns hinterher, wir sollen gefälligst ne Runde auf den Spielplatz gehen. Dann setzten sie sich auf die Couch, vermutlich mit einer weiteren Folge dieser schrecklich schwülstigen Serie oder einem schmuddeligen Liebesroman, den wir nicht lesen durften, weil dort unaussprechliche Dinge passierten. Vielleicht war deine Mutter tatsächlich auch fleißig und nutzte ihre kinderlose Zeit, um die Wäsche zu machen, zu bügeln oder zu backen.

Wie auch immer es bei dir war: Deine Mutter hat dich bewusst ignoriert und brauchte Zeit für sich, Zeit, in der sie sich mal NICHT um dich kümmern musste, weil auch sie sonst komplett verrückt geworden wäre.

Zurück zu der Mutter aus der Neuzeit am Handy. Diese Mama passte sich den Begebenheiten der Neuzeit an und wacht über ihre Kinder, denn leider können wir unsere Kinder NICHT mehr alleine auf Spielplätze schicken. Wir Mamas von heute schweben in einer sozial akzeptablen Distanz über unseren Kindern, während wir gleichzeitig mit Svenja/Steffi/Maren über den Facebook-Messenger chatten, dumme Katzenvideos anschauen und/oder etwas Lustiges lesen: Alles auf demselben Gerät.

Unsere Mütter hätten wahrscheinlich ihr letztes Hemd verkauft, um Zugang zu diesem magischen kleinen Telefon zu bekommen. Das Telefon hat noch nicht mal ein Kabel am Hörer und man kann dem kleinen Junior so viel überzeugender vorspielen, dass man ihm zum fünfzigsten Mal dabei zusieht, wie er die Rutsche runterrutscht. „Jahaaaa, toll!“

Der Nachteil? Das Urteil der Anderen ist unser Nachteil. Also, haltet bitte den Mund, ihr Anderen, denn ihr macht alle das Gleiche, und unsere Eltern, Großeltern und Ur-Ur-Ur-Großeltern haben ebenfalls das Gleiche getan. Nur jetzt kommt die Ablenkung in einem kleinen, handlichen, smarten Gehäuse daher, das man in der Hand halten kann. Es sieht hübsch aus. Man kann damit die Öffnungszeiten der Supermärkte googeln und gleichzeitig mit Svenja, Steffi und Maren chatten. Gerade in Zeiten von Corona ist dieser Zugang zu KOMMUNIKATION immens wichtig.

Insofern hört bitte auf, die andere Mama an ihrem Handy zu verurteilen. Hört auf so zu tun, als hättet ihr eure Kinder niemals bewusst ignoriert, weil ihr was Spannendes auf dem Handy gesehen habt. Unsere Eltern haben uns bereits ignoriert. Unsere Großeltern haben unsere Eltern ebenfalls ignoriert. Die Kette lässt sich evolutionär ewig fortführen.

Nimm dein Handy in die Hand, tu es ohne Schuldgefühle. Ohne Scham. Wisse, dass deine Vorfahren das schon immer gemacht haben. Tausche dich mit deinen Freundinnen aus und ignoriere dabei ruhig mal den Junior. Er wird es überleben. Wir haben es ebenfalls überlebt.  Und unsere Vorfahren vor uns auch. Gönn dir!

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