Ein Gastbeitrag von Julia aus Österreich.

Meine Tochter ist jetzt ein halbes Jahr alt. 6 Monate also, die ich jetzt schon Mama bin. Als Mama fühlen tue ich mich allerdings noch keine 6 Monate. Erst seit ungefähr einer Woche kommen bei mir so richtig intensive Mamagefühle auf. Seit einer Woche habe ich zum ersten Mal das Gefühl, mein neues Leben ganz gut im Griff zu haben. Seit einer Woche bleibt mir nicht mehr die Luft weg, wenn ich nur an die Geburt denke. Ja, seit einer Woche bin ich wieder wirklich glücklich und kann herzhaft lachen.

Da die Geburt und vor allem die ersten Monate jedoch nicht spurlos an mir vorbei gegangen sind, ist es mir ein Bedürfnis meine Gefühle niederzuschreiben. Ich glaube es wird mir helfen, alles noch besser zu verstehen und zu verarbeiten. Außerdem glaube und hoffe ich, dass meine Geschichte anderen Mamas, denen es ähnlich geht, helfen kann.

Ich beginne von ganz vorne. Die Schwangerschaft.

Unsere Tochter war ein absolutes Wunschkind. Ein Monat bevor ich den positiven Schwangerschaftstest in der Hand hielt, haben mein Mann und ich geheiratet. Wir waren überrascht und überglücklich, dass es so schnell ging.

Ich fand die Schwangerschaft total aufregend, habe sie genossen und konnte es kaum bis zur Geburt erwarten. Mal abgesehen von einer ziemlich lang anhaltenden Übelkeit, hatte ich kaum Beschwerden und die gesamte Schwangerschaft verlief ohne Probleme. Ich fieberte auf jeden Ultraschalltermin hin, konnte es kaum erwarten das Kinderzimmer einzurichten und Babygewand zu kaufen. Ich bewunderte jedes einzelne Ultraschallbild und machte zig Fotos von meinem wachsenden Babybauch. Jedes Mal wenn ich einen Tritt spürte, war ich so endlos glücklich. Ich war jetzt schon so sehr verliebt in meine Tochter. Es gab für mich kein anderes Thema mehr als unsere ungeborene Tochter, Marie.

Mama sein – Diesen Gedanken fand ich schon lange vor und auch während der Schwangerschaft so aufregend. Ich habe mir ausgemalt, wie schön es sein muss, eine Mama zu sein, sein eigen Fleisch und Blut in den Armen zu halten und in den Schlaf zu wiegen. Ich stellte es mir so wunderbar vor, den ganzen Tag mit meinem Kind zu kuscheln, zu spielen und es zu umsorgen. Mit dem Kind zu lachen und es zu trösten wenn es traurig ist. Ich werde jeden Tag für mein Kind kochen und werde das mit Liebe machen. Ich würde mindestens 2 Jahre in Karenz sein und diese Zeit in vollen Zügen genießen, die Arbeit wird mir sicher nicht abgehen. Es wird mir sicher das Herz brechen, wenn ich wieder zu arbeiten beginne und nicht mehr jeden Tag, jede Stunde mit meinem Kind verbringen kann. Das Mama sein wird mich so bereichern und erfüllen. Genau so habe ich mir das Leben mit Kind immer vorgestellt.

Ich habe mich in der Schwangerschaft viel mit dem Thema Geburt auseinandergesetzt. Ich wusste genau was ich wollte und was nicht. Mein Mann, ich und die private Hebamme, für die wir uns entschieden haben – wir drei im Kreißsaal bei beruhigender Musik und bei angenehmen Licht. Ob im Bett liegend, am Bett stützend, am Gymnastikball sitzend, an der Sprossenwand hängend oder im Gebärbecken… all diese Möglichkeiten standen mir offen und ich konnte mir das wirklich gut vorstellen. Das schlimmste für mich, dachte ich, würde sein, wenn ich die ganze Zeit im Bett liegen müsse. Also haben sich meine Hebamme, mein Mann und ich einen richtig tollen Geburtsplan zurecht gelegt. Dass nicht alles 100 % genauso ablaufen wird, war mir klar aber ich hatte einfach ein gutes und sicheres Gefühl. Ich freute mich richtig auf die Geburt. Ich habe einen Geburtsvorbereitungskurs besucht und habe viel mit Mamas besprochen, die schon eine Geburt hinter sich hatten. Ich war also gut vorbereitet.

Die Beziehung mit meinem Mann war in der Schwangerschaft so intensiv wie nie zuvor. Wir redeten so viel, unternahmen viele tolle Sachen und waren einfach glücklich. Mein Mann hatte in meinem 6. Schwangerschaftsmonat einen Unfall, welcher einen langen Krankenhausaufenthalt, viele Therapiestunden und eine lange Arbeitsunfähigkeit zu Folge hatte. Diese Zeit hat uns jedoch noch viel mehr zusammen geschweißt – wir waren eine Einheit. Ich war in Frühkarenz, mein Mann im Langzeitkrankenstand und wir verbrachten so viel Zeit wie nie zuvor miteinander. Natürlich gingen wir uns in der Zeit auch oft gegenseitig auf die Nerven aber im Großen und Ganzen war es eine wunderschöne Zeit. Außerdem haben wir unglaublich viel Zeit mit der Familie und Freunden verbracht. Wir haben so viel geredet, viele Spieleabende verbracht und ließen es uns einfach gut gehen.

Drei Monate vor der Geburt kam Corona. Jedoch noch weit weg von uns. Man hat davon gehört und gelesen aber Österreich war nicht davon betroffen. Alles war so wie immer. Keiner – zumindest keiner in meinem Umfeld – hat sich besonders viel Gedanken oder Sorgen um diesem Thema gemacht.

Dann kam der Tag der Tage. März.

Es war von Dienstag auf Mittwoch in der Nacht um 00:40. 10 Tage vor dem eigentlichen Geburtstermin. Ich wurde wach, weil ich Fruchtwasser verloren habe… zumindest war ich mir nach ein paar Minuten ziemlich sicher, dass es Fruchtwasser sein muss. Nach einem kurzen Telefonat mit meiner Hebamme machten wir uns auf den Weg ins Krankenhaus. Schmerzen hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch gar keine. Ich war einfach nur unglaublich aufgeregt und glücklich, dass es jetzt endlich soweit ist.

Im Krankenhaus angekommen wurden ein paar Tests gemacht. Ich und Baby waren wohl auf. Wehen waren allerdings noch keine in Sicht, deswegen sollten wir uns im Zimmer noch ein wenig ausruhen und Kräfte sammeln. Ich war natürlich viel zu aufgeregt, um ein Auge zu schließen. Hätte ich es bloß gemacht. In den frühen Morgenstunden begannen dann die Wehen… oder im Nachhinein betrachtet, die Vorstufe der Wehen. Es tat weh… ziemlich sogar… aber definitiv nichts, was man nicht aushalten konnte. Ich konnte die Schmerzen gut weg atmen, so wie ich es im Geburtsvorbereitungskurs gelernt hatte. Ich konnte zwischen den Wehen durchatmen und zur Ruhe kommen, konnte ein bisschen etwas essen und trinken, konnte noch auf und ab gehen und mich auf die liebevolle Zuwendung und Unterstützung meines Mannes einlassen. Die diensthabende Hebamme hat immer wieder nach uns gesehen und war total nett und hilfsbereit. Ich habe mich einfach sicher gefühlt.

Die ersten 8 Stunden – vom Blasensprung an – waren nun also vergangen. Diese Stunden waren lange, schmerzhaft aber dennoch gut auszuhalten. Von einer Wehe zur nächsten hat sich die Intensität der Schmerzen, dann plötzlich verdoppelt, verdreifacht… die Schmerzen wurden fast unerträglich. Für mich war dies das Zeichen, dass es nun nicht mehr lange dauern wird. Fehlanzeige… mein Muttermund war zu diesem Zeitpunkt gerade mal 2 Zentimeter offen, also weit entfernt vom Ziel. Dies war der Moment, in dem ich zum ersten Mal meinen Mut verloren habe… aber nur kurz. Mit der nächsten Wehe, sammelte ich meine Kräfte und meinen Mut wieder und es ging weiter.

Der Kreißsaal. Die Wehen waren mittlerweile so heftig und stark, dass wir vom Zimmer in den Kreißsaal gewandert sind. Ich konnte kaum noch gehen, weil die Schmerzen einfach so unbeschreiblich stark waren. Trotzdem versuchte ich mich am Gang zusammenzureißen, schließlich bekam ich „nur“ ein Kind… zig andere Frauen haben das schon geschafft ohne sich so anzustellen. Endlich haben wir es in den Kreißsaal geschafft… der schöne Kreißsaal mit dem tollen Gebärbecken, der Sprossenwand und den vielen hilfreichen Utensilien zur Geburtshilfe und dem Bett, in dem ich mich, wie ich in der Schwangerschaft noch dachte, nicht wohl fühlen würde. In diesem Moment aber war es eine pure Erleichterung, als ich endlich das Bett erreicht hatte. Ich wollte einfach nur liegen und mich während der Wehen in das Seil, das vor mir hing, hängen… und dann wieder liegen. Das ging nun eine Weile so… bei jeder Wehe krallte ich mich mit den Händen in dieses Seil und schrie. Ich dachte in der Schwangerschaft übrigens auch nicht, dass ich schreien würde. Aber ich tat es… wieder und wieder, bei jeder Wehe, es ging nicht anders. Unsere private Hebamme war mittlerweile da und saß neben mir und war für mich da. Für mich war klar: Jetzt aber. Jetzt kann es nicht mehr lange dauern. Wir sind schließlich schon ne Weile im Kreißsaal, meine Hebamme ist da und die Wehen sind mittlerweile wirklich so gut wie unerträglich.

3 Zentimeter. Mein Muttermund war die letzten langen, mühsamen, schmerzhaften und unerträglichen Stunden genau einen Zentimeter mehr offen. Das zweite Mal, dass ich meinen Mut verloren habe. Ich brach in Tränen aus, verstand nicht, warum es so war wie es war und konnte mir nicht vorstellen diese Schmerzen noch länger ertragen zu müssen. Laut meiner Hebamme müsse ich mich mehr entspannen, dass mein Muttermund locker wird und sich öffnen kann. Wir machen also Turnübungen. Erst hielt ich das für einen schlechten Scherz… aber gut, ich will immerhin alles tun, dass es endlich geschafft ist. Diese Turnübungen – ich weiß bis heute nicht ob ich meine Hebamme geschimpft habe – aber in dem Moment, das weiß ich, wollte ich das. Diese Übungen haben die Wehen so dermaßen verstärkt, dass ich außer weinen und schreien nichts mehr konnte. Ich konnte vor lauter Schmerz keinen klaren Gedanken mehr fassen und ließ einfach alles über mich ergehen. Ich wollte es einfach nur mehr hinter mich bringen.

4 Zentimeter. Die Turnübungen brachten also genau einen Zentimeter. Dies war der Moment, wo ich zum dritten und letzten Mal meinen Mut verlor. Ich habe ihn danach nicht mehr gefunden. Ich weinte wieder… oder noch immer… ich weiß es nicht mehr. Es war nun 18:00 Uhr… 17 Stunden nach dem Blasensprung also. Neben mir waren nun nicht mehr nur mein Mann und unsere Hebamme, da war noch eine zweite Hebamme, eine Ärztin, eine Anästhesistin, eine Assistenzärztin… ich konnte zu dem Zeitpunkt nicht mehr wirklich klar denken. Ich wusste nur, dass es nichts Gutes zu bedeuten hat, wenn so viele Leute da sind.

Kreuzstich (PDA). Nachdem einfach nichts half, dass sich mein Muttermund endlich weiter öffnet, hieß es nun, dass ich einen Kreuzstich bekomme. Ich hatte zwar Angst davor, aber schlimmer als die Wehen konnte dieser Stich ja nicht sein. War er auch nicht. Obwohl der Kreuzstich die Schmerzen nur auf einer Seite linderte, war das schon eine enorme Erleichterung. Zumindest kurzfristig. Nicht lange hat es gedauert, bis die Schmerzen wieder fast genauso schlimm waren wie vorher. Die Nadel wurde nochmal nachjustiert… und dann, endlich, die pure Erleichterung. Ich hatte so gut wie keine Schmerzen mehr. Ich spürte die Wehen schon noch, aber ich musste mich nicht mehr mit meinem ganzen Körpergewicht in das Seil hängen, um die Schmerzen irgendwie auszuhalten. Ich spannte während der Wehen nur mehr sämtliche Muskeln an und verzog das Gesicht. Und in den Wehen-Pausen fiel ich immer wieder in so eine Art Sekundenschlaf – der wurde mit der Zeit zu einem Minutenschlaf, weil ich dann sogar die Wehen verschlafen habe. Ich machte meine Augen nur mehr selten auf und wenn doch habe ich auch nicht viel wahrgenommen. Ich war einfach zu erschöpft – wobei erschöpft ist hier ein Hilfsausdruck. Ich kann diesen Zustand nicht beschreiben. In dieser Phase dachte ich nicht mal mehr daran, dass ich eigentlich meine Tochter gebären sollte. Ich war einfach so erleichtert, keine Schmerzen mehr zu haben und war so unbeschreiblich müde… ich wollte einfach nur schlafen. So blöd und übertrieben das auch klingen mag, ich dachte, ich überlebe das nicht. Ich dachte ich schlafe jetzt gleich ein und werde nicht mehr wach. Dieser Gedanke machte mir enorme Angst. Aber meine Erschöpfung war größer als die Angst. Immer wieder redete irgendwer mit mir… die Ärztin, die Hebamme und mein Mann, der mir immer wieder aufbauende Worte sagte und mich streichelte. Das alles war mir aber so egal. „Bitte lasst mich einfach schlafen“, war das einzige was ich noch denken konnte.

6 Zentimeter. Wow Immerhin hat die Entspannung durch den Kreuzstich ganze 2 Zentimeter gebracht. Immerhin ja schon mehr als die Hälfte, von dem was wir brauchen.

Künstliche Wehen. Wie bitte? Künstliche Wehen? Ich hatte doch genug heftige natürliche Wehen, aber die haben wir unterdrückt und jetzt soll ich Künstliche Wehen bekommen? Zack… so schnell war ich von meinem schläfrigen, abwesenden und Trance-ähnlichem Zustand zurück in die Realität geholt. Klar denken konnte ich immer noch nicht, aber zumindest wusste ich wieder, dass ich hier bin um unsere Tochter zur Welt zu bringen. Nun gut. Die Wehen wurden also wieder stärker und stärker… Ich glaube die Schmerzen an sich waren nicht ganz so schlimm wie zuvor, aber mit der Kombination meiner – mittlerweile unbeschreiblichen – Erschöpfung waren sie dennoch weitaus schlimmer. Mittlerweile war es 21:00 Uhr, also 20 Stunden nach dem Blasensprung. Wir haben bis Mitternacht Zeit, hieß es, wenn es bis dahin nichts wird, dann wird es ein Kaiserschnitt. Der Gedanke an einen Kaiserschnitt riss meine Gedanken hin und her. Einerseits wäre das Ganze dann endlich vorbei, ohne dass ich mich noch groß dafür anstrengen oder Schmerzen erleiden müsste. Andererseits habe ich mittlerweile 20 Stunden gelitten und gekämpft – zumindest die meiste Zeit davon – und jetzt soll es erst recht ein Kaiserschnitt werden, der eine schmerzhafte Narbe hinterlässt? Nein, bitte nicht. Ich schaffe das irgendwie. Die nächsten 3 Stunden kämpfte ich also weiter mit den Wehen, mit den Schmerzen und meiner Erschöpfung. Ich hatte nichts mehr unter Kontrolle, fühlte mich so machtlos und konnte nichts mehr so wirklich wahrnehmen. Alles lief irgendwie an mir vorbei. Das einzige das mir noch in Erinnerung geblieben ist – von diesen 3 Stunden von 21:00 bis 00:00 Uhr – waren die Kabel und Schläuche, die dank dem Kreuzstich da waren. Zwei Venenzugänge, die EKG Kabel, die Blutdruckmanschette. Und auch das CTG musste ab dem Kreuzstich durchgehend angebracht sein, um die Vitalzeichen unserer Tochter, kontrollieren zu können. Ihr ging es übrigens die ganzen 24 Stunden über bestens – ganz im Gegensatz zu mir, zu diesem Zeitpunkt. Ich schrie wieder bei jeder Wehe, allerdings nicht mehr so laut weil meine letzten Kräfte mich allmählich verlassen hatten. Ich hing mich wieder und wieder in mein Seil. Bei jeder Wehe kämpfte ich mit einem anderen Kabel. Erst riss ich mir eins der EKG Kabel runter. Der Monitor bimmelt. Dann verrutschte eines der CTG Pads, wieder bimmelte der Monitor. Dann pumpte sich die Blutdruckmanschette wieder auf. Und weil das alles nicht genug ist, riss ich mir bei jeder zweiten Wehe einen der Venenzugänge raus. Diese wurden natürlich sofort ersetzt, damit ich mir den Zugang bei der nächsten Wehe wieder raus reißen konnte. Zu diesem Zeitpunkt war ich außer todmüde und erschöpft, auch noch mächtig genervt und zornig. An meinen Muttermund habe ich da schon gar nicht mehr gedacht. Ich hab eigentlich an gar nichts mehr gedacht, außer – wie immer der gleiche Gedanke – dass ich schlafen will. Die Schmerzen, die Geburt, Kaiserschnitt oder nicht… all das war mir zu dieser Zeit so egal. Ich konnte einfach nicht mehr.

Presswehen. Punkt Mitternacht war es dann endlich so weit. Mein Muttermund war zwar erst 8 cm offen, aber ich durfte endlich zu pressen beginnen. Die ersten drei, vier Presswehen war es eine richtige Erleichterung. Eine Erleichterung endlich aktiv etwas tun zu können. Endlich etwas anderes tun zu können, außer die Wehen weg zu atmen, was ich ohnehin nicht mehr geschafft habe. Also nun endlich pressen, pressen, pressen. Schon nach nur wenigen Presswehen stellte ich allerdings fest, dass ich einfach nicht mehr konnte. Ich hatte keine Energie mehr, es ging einfach nicht mehr. Also vergingen einige Wehen ohne zu Pressen. Alle redeten auf mich ein… die Hebamme, die Ärztin. Mein Mann war einfach da, an meiner Seite, und versuchte irgendwie für mich da zu sein und stark zu sein. Ich glaube, er hat sich noch machtloser gefühlt als ich. Für einen Kaiserschnitt war es nun aber zu spät, die Kleine war immerhin schon im Geburtskanal. Das Köpfchen war schon zu sehen. Dann wird es also eine Saugglockengeburt oder eine Zangengeburt, meinte die Ärztin irgendwann, während ich vergebens versuchte zu pressen. Mir war selber klar, dass es jetzt vorangehen muss, denn sonst würde es unserer Tochter nicht mehr gut gehen… und es wäre meine Schuld… diese Gedanken gingen mir durch den Kopf. Also nahm ich noch einmal meine ganze Kraft zusammen und presste. Ich hing mich in mein Seil, schrie, riss mir wieder mal einen Venenzugang raus und glaubte, mein Kopf explodiert vor lauter Anstrengung. Gefühlte hundertmal hieß es schon: „das letzte Mal. Noch ein bisschen. Einmal noch. Ein kleines bisschen noch. Mehr, mehr, mehr.“ Ich fragte mich nur mehr, wann ist denn jetzt wirklich das letzte Mal, ich kann nicht mehr. Irgendwann, ich weiß nicht wie viele Presswehen später, war es dann endlich wirklich das letzte Mal. Ich nahm ein aller letztes Mal das Häufchen übrig gebliebene Kraft zusammen und presste. Die Ärztin half mir, indem sie sich mit ihrem ganzen Oberkörper auf meinen Bauch schmiss. Und dann war es endlich geschafft. Unsere Tochter war nach 24 Stunden endlich da.

Der ganze Schmerz ist vergessen sobald man sein Kind in den Armen hält, weil man von Liebe und Glück erfüllt ist.“ Dies war einer dieser Sätze, welche ich in der ganzen Schwangerschaft immer und immer wieder zu hören bekam. Deswegen freute ich mich so sehr auf den Moment, wenn ich das erste Mal meine Tochter in den Armen halten würde und von Liebe, Glück und Muttergefühlen überströmt werde. Nur leider blieb dieser Moment aus. Ich empfand kein Glück, keine Liebe und auch keine Muttergefühle. Ich bekam meine Tochter in den Arm gelegt, sah sie an und fühlte einfach nichts von diesen Dingen. Natürlich war ich erleichtert, dass die Geburt jetzt endlich geschafft war, aber das war auch schon alles. Während die Ärztin meine gerissene Schamlippe nähte, konzentrierte ich mich darauf, unsere Tochter ordentlich im Arm zu halten, woran mich die ganzen Kabel und Venenzugänge immer noch hinderten. Der Anblick unserer Tochter und die Tatsache, dass ich sie endlich in meinen Armen halten konnte, änderte allerdings nichts – aber wirklich gar nichts – daran, dass das Nähen sehr schmerzhaft war. Und auch die Nachgeburt war nicht einfach so auf einmal da. Nein, dies erforderte wieder drei Presswehen und Schmerzen, welche ich durchaus noch sehr gut wahrnehmen konnte. Nun gut. Da war sie nun… unsere Tochter. Sie wurde gewogen, gemessen und an meine Brust angelegt, alles war gut. Nur eben nicht meine Gefühlswelt. Anstatt der Liebe, die ich empfinden sollte, wollte ich einfach nur schlafen. Ich war jetzt weit über 24 Stunden am Stück wach, war einfach todmüde, erschöpft und genervt vom Schreien meiner Tochter. „Ich will bitte einfach nur schlafen“, mehr konnte ich nicht empfinden. Sofort hatte ich ein furchtbar schlechtes Gewissen, dass ich so fühlte. Ein schlechtes Gewissen gegenüber meiner Tochter, gegenüber meinem Mann und gegenüber all den Verwandten und Freunden, die seit Monaten davon sprachen wie schön es sein wird, wenn ich meine Tochter zum ersten Mal in meinen Armen halte. Ich schämte mich und hätte am liebsten geweint. Aber auch wenn ich selber nicht so empfand, ich wusste es ja, wie man sich eigentlich fühlen sollte und wie man sich als frischgebackene Mama verhalten sollte. Also tat ich das. Ich ließ meine Tochter also an meiner Brust nuckeln und schaute sie dabei ganz verliebt an, ich kuschelte sie und lächelte. Wir kamen dann vom Kreißsaal ins Zimmer, wo mein Mann, meine Tochter und ich zur Ruhe kommen konnten. Endlich schlafen, dachte ich. Unsere Tochter lag neben mir und ich kuschelte mich an sie. Klingt super schön. Doch auch das konnte ich nicht genießen. Ich konnte nicht bequem liegen, war sofort genervt, wenn sie nicht schlief sondern wach war. Weil ich so unbequem lag und mich kaum bewegen konnte, riss ich mir wieder mal den Venenzugang raus und blutete das ganze Bett an. Dann kam immer wieder eine Schwester, die meinte: „Ich muss Blut abnehmen, legen Sie bitte ihre Tochter an“… dies, das und das. Also von Schlafen und Erholung war ich weit entfernt, obwohl ich so verdammt müde war. Zu diesem Zeitpunkt hätte ich am liebsten meine Tochter bei den Schwestern abgegeben, um mich einfach alleine für die nächsten Stunden hinlegen zu können. Am späten Morgen/Vormittag bin ich dann doch in so etwas Ähnliches wie Schlaf gefallen. Solange bis eine der Tagschwestern die Tür aufriss, die Vorhänge zur Seite zog und sagte: „So. Jetzt ist es langsam Zeit aufzustehen. Raus aus den Federn.“ Ich dachte ich hör nicht richtig. Weiß die denn nicht, dass es noch keine 10 Stunden her ist, dass ich ein Kind geboren habe? Weiß die denn nicht, dass ich stundenlang gekämpft habe und mein Mann und ich endlich Schlaf nachholen wollten? Scheinbar war das egal. Also kämpften wir uns aus dem Bett und waren wieder auf den Beinen. Ich fühlte mich trotz ein dem bisschen Schlaf, immer noch genau so müde wie zuvor und vom einem Glücksgefühl fehlte nach wie vor jede Spur.

Die Tage im Spital. An diese Tage kann ich mich nur sehr schlecht erinnern.

Tag 1. Donnerstag. Ganz gut weiß ich auf jeden Fall noch, dass ich furchtbare Angst davor hatte, dass mein Mann nach Hause fährt. Ich hatte Angst davor, mit unserer Tochter alleine zu sein. Hatte Angst davor, etwas falsch zu machen. Und ich hatte eine riesige Angst davor, mit meinen Gefühlen alleine zu sein. Ich wusste nicht was ich mit meiner Tochter anfangen sollte. Ich wusste nicht wie ich mit ihr umgehen sollte. Natürlich war mir klar wie man ein Baby wickelt, stillt, wäscht und alles was eben zu machen ist. Ich wusste aber nicht was ich machen sollte, wenn meine Tochter gerade frisch gewickelt, satt und zufrieden war. Es gab für mich keinen logischen Grund, meine Tochter stundenlang in den Armen zu halten, wenn sie es nicht ‚gefordert‘ hat. Solange sie die Nähe zu mir nicht gefordert hat, habe ich sie ihr auch nicht gegeben. Ich konnte es nicht. Ich spürte einfach keine Verbindung zu meinem Kind, keine Muttergefühle und keine Liebe. Nichts. Diese Tatsache machte mich so wütend und traurig und ich war entsetzt von mir selbst. Ich fragte mich immer wieder ob das normal ist oder ob etwas mit mir nicht stimmt. Am liebsten wäre es mir gewesen, wenn mein Mann jede Minute des Spitalaufenthalts, bei uns sein hätte können. Aber das ging nun mal nicht, es waren zu Hause noch eine Dinge zu erledigen und auch die Amtswege mussten erledigt werden. Ich ließ mir nicht anmerken, wie ich mich fühlte und blieb also mit unsere Tochter im Krankenhaus. Mein Mann war noch nicht lange weg, dann kam schon die Nachricht, dass keine Besuche mehr erlaubt sind – bis auf die Papas, die dürfen weiterhin kommen. Dies wurde wegen Corona so bestimmt. Schien also doch alles bisschen schlimmer geworden zu sein. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich noch gar nicht wirklich über Besuch nachgedacht, dafür war ich noch viel zu müde, hatte zu viele Schmerzen und war noch viel zu überfordert mit der Gesamtsituation. Aber diese Nachricht ließ mich sofort in Tränen ausbrechen. Gott, wie gerne hätte ich meine Mama bei mir gehabt und auch alle anderen. Aber hauptsächlich meine Mama. Ich habe nicht damit gerechnet, wie sehr ich meine Mama in diesem Moment brauchen würde. Ich war selbst gerade Mama geworden, aber ich fühlte mich so alleine, verlassen, unsicher… Ich fühlte mich wie ein Häufchen Elend und ich wünschte mir keinen Menschen mehr bei mir, als meine Mama. Nachrichten schreiben und telefonieren ist einfach nicht das Gleiche, aber es war zumindest besser als nichts. Wenn ich also gerade nicht gestillt habe, meine Einlagen gewechselt habe, meine Brustwarzen eingecremt oder meine Tochter auf mir liegen hatte, telefonierte ich also mit meiner Mama und dem Rest der Familie. Und sobald wir entlassen werden und wieder zu Hause sind, können uns alle besuchen kommen, für uns da sein und unsere kleine Tochter kennen lernen. Darauf freute ich mich ungeheuer und der Ausblick auf diesen Moment gab mir Kraft. Es haben alle gemerkt, dass es mir nicht unbedingt gut ging, auch wenn ich es nicht gewagt habe, auszusprechen was ich wirklich fühlte oder eben auch nicht. Es hat jeder das Gleiche zu mir gesagt: Geburt. Wochenbett. Hormone. Das ist alles ganz normal. Das legt sich wieder. Von Anfang an habe ich nicht geglaubt, dass das alles ganz normal sein kann, aber vielleicht war bei mir einfach alles ein wenig stärker ausgeprägt und es legt sich wieder!? Gegenüber den Schwestern und Hebammen habe ich es auch nicht geschafft, zu sagen, wie ich mich wirklich fühle. Die würden mir bestimmt auch nur sagen, dass das an den Hormonen liegt und ganz normal sei. Und diesen Satz konnte ich nicht mehr hören. Zur Vereidigung aller, die dies gesagt haben… wahrscheinlich hätten sie das nicht gesagt wenn ich ausgesprochen hätte, was ich wirklich gefühlt habe. Nämlich dass ich todunglücklich bin, dass ich genervt bin von meiner neugeborenen Tochter, dass ich sie nicht liebe und dass ich am liebsten nach Hause will – aber alleine. Selbst heute, wo ich nicht mehr so fühle und weiß, dass es einfach der Beginn einer schlimmen Wochenbettdepression war, könnte ich in Tränen ausbrechen, weil ich mich immer noch dafür schäme.

Tag 2. Freitag. Ich zählte die Minuten bis es endlich so weit war, dass mein Mann wieder bei uns war. Endlich. Endlich war da ein Mensch bei mir, den ich liebe und der mir ein bisschen Halt und Sicherheit gibt. Ich weiß nicht mehr viel von diesem Tag. Was ich aber noch gut in Erinnerung habe, sind die Nachwehen. Was? Beim ersten Kind Nachwehen? Ja ich hatte ganz, ganz schlimme Nachwehen, nur war mir lange gar nicht bewusst, dass es sich bei diesen Schmerzen um Nachwehen handelt. Bei jedem Mal stillen waren die Schmerzen der Nachwehen so stark, dass ich gleich wieder an die Geburt dachte. Nur beim zurück denken an die Geburt, blieb mir die Luft weg und hätte ich sofort wieder zu weinen anfangen können. Während mein Mann da war ging es mir aber dennoch – den Umständen entsprechend – gut. Bis wieder der Abend kam, Ende der Besuchszeit und Zeit zum Verabschieden. Ich glaube die Türe war noch nicht mal ins Schloss gefallen und ich brach wieder in Tränen aus. Ich war wieder alleine mit meinen Gefühlen, meinen Hormonen und der Tatsache, dass ich Mama bin und trotzdem todunglücklich bin. Nachts wurde bei Marie der Gelbsuchtwert kontrolliert, weil dieser zuvor schon etwas erhöht war. Wenn er zu hoch sei, hieß es, dann kommt sie für 4 Stunden weg von mir, in irgend so ein Inkubator-Teil. Ich solle mir keine Sorgen machen, das sei Routine und ganz ungefährlich. Nach der Aussage, dass meine Tochter dann 4 Stunden von mir weg sei, habe ich gar nicht mehr wirklich zugehört, weil der Gedanke an 4 Stunden ohne sie so toll war. 4 Stunden richtig schlafen. 4 Stunden bequem liegen. Ich wünschte mir sogar, dass der Wert zu hoch ist und sie meine Tochter mitnehmen müssen. Ich fand die Nähe zu meinem eigenen Kind so erdrückend und schlimm, dass ich ihr sogar gewünscht hätte, dass sie 4 Stunden alleine irgendwo liegen muss. Ich dachte in diesem Moment nicht mal darüber nach, wie schlimm das für die sein könnte. Ich dachte nur daran, wie gut es mir tun würde. Ich war tatsächlich enttäuscht, dass der Wert in Ordnung war und meine Tochter bei mir bleiben konnte. Ob das auch wegen der Hormone war und ganz normal war? Wahrscheinlich nicht.

Tag 3. Samstag. Nachdem ich die halbe Nacht wach lag, weil ich wieder die meiste Zeit mit stillen, Brustwarzenpflege, Nachwehen und weinen verbracht habe, war ich einfach nur froh, dass jetzt Morgen ist und es nicht mehr lange dauert bis mein Mann wieder kam. Bei der Visite hieß es dann, dass nun auch die Väter nicht mehr zu Besuch kommen dürfen – eine weitere Corona-Maßnahme weil sich die Lage immer weiter zuspitzte. Ich versuchte es mit aller Kraft, aber es gelang mir nicht, meine Tränen zurück zu halten. Die Ärzte und Schwestern sahen meine Enttäuschung und versuchten mich aufzubauen. Ich könne ja morgen nach Hause gehen wenn alles passt und dann ist es nur ein Tag, das sei nicht so schlimm. So richtig zum schluchzen und heulen fing ich erst dann an, als die Visite vorbei war. Für mich brach eine Welt zusammen. Ja es war „nur“ ein Tag. Aber für mich waren das etliche Stunden, in denen ich wieder alleine war mit meinen Gefühlen, meinen Ängsten und meinem schlechten Gewissen. Ich habe zwar meinem Mann auch nicht gesagt, wie ich mich wirklich fühlte, aber das war egal. Wenn er da war, war das alles leichter zu ertragen für mich. Meine Angst war dann nicht so groß und meine Gedanken nicht so laut. Deswegen war es wirklich schlimm für mich, zu erfahren, dass er den ganzen Tag nicht kommen durfte. Ich habe ja keine Nachrichten gesehen oder Zeitung gelesen, dafür hatte ich keine Zeit und keine Kraft. Hätte ich das früher schon mal gemacht, dann hätte ich gewusst wie schlimm die ganze Corona-Situation mittlerweile war. Die Leute hatten Angst, waren verwirrt und alles brach irgendwie in ein Chaos aus. Hamsterkäufe wurden getätigt weil plötzlich in Frage stand, wie lange die Geschäfte noch offen haben. Die Regale in den Supermärkten waren leer geräumt. Absoluter Ausnahmezustand. Ich konnte das alles gar nicht wirklich glauben… ich habe ja auch nicht mit eigenen Augen gesehen, wie es da draußen zuging. Sofort machte ich mir Gedanken, was wir noch alles brauchen könnten. Was wenn es mit dem Stillen Probleme gibt und wir auf Fläschchen umstellen müssen? Was wenn uns die Windeln ausgehen? Was wenn die Schnuller, die wir gekauft haben doch nicht die richtigen sind? Ich telefonierte also mit meinem Mann und schicke ihn noch schnell einkaufen, bevor alles ausverkauft war oder die Supermärkte geschlossen sind. Der Gedanke an geschlossene Shops machte mir wirklich Angst, aber ich hoffte einfach, an alles gedacht zu haben.

Tag 4. Sonntag. Der Tag der Entlassung. Es hieß, wenn es mir und meiner Tochter gut gehe, dürfen wir heute nach Hause gehen. Bei der Visite meinte der Arzt, dass mein Blutbild nicht ideal sei, ich hätte zu viel Blut verloren und es wäre gut, wenn ich zumindest noch einen Tag da bleiben würde. Außerdem sei das Krankenhaus gerade der sicherste Ort, angesichts der Umstände mit Corona und den vielen Ansteckungen. Mir war das alles egal. Ich wollte einfach nach Hause. Ich hielt nicht noch einen Tag ohne Besuch aus, also flehte ich den Arzt – mit Tränen in den Augen – an, dass er uns bitte heim gehen lassen sollte. Immerhin ist mein Mann, der immer noch im Krankenstand war, zuhause und kann mich unterstützten. Und die Hebamme würde zu uns kommen, Hausbesuche machen. Sie würde nicht nur für unsere Tochter da sein, sondern bestimmt auch für mich, wenn etwas sein sollte. Auch das Stillen funktionierte schon ganz toll. Ja meine Brustwarzen schmerzten ziemlich, aber das war doch normal, da musste ich eben durch. Ich hatte bereits den Milcheinschuss und das Anlegen klappte schon ganz gut. Nun gut, dann dürfen wir nach Hause gehen, sofern die Untersuchungen meiner Tochter in Ordnung wären. Der Kinderarzt kam also auf die Station und führte die letzten Untersuchungen durch. Ich betete, dass alles gut ist und wir gehen können. Bitte, bitte lass alles gut sein, ich halte es hier keinen Tag länger aus! Ich dachte nur daran, dass ich nicht im Krankenhaus bleiben will. Ich dachte nicht daran, was ein schlechtes Ergebnis für unsere Tochter bedeuten könnte. Ich machte mir keine Sekunde Sorgen um mein Kind. Ich machte mir nur Sorgen darüber, noch einen Tag hier bleiben zu müssen. Ob das auch ganz normal war? Ob das auch nur wegen den Hormonen war? Ich glaube nicht. Wir hatten Glück, alle Untersuchungen fielen gut aus und es stand fest, dass wir noch heute Vormittag entlassen werden. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Schnell packe ich also alles zusammen und stillte meine Tochter nochmal. Während meine Tochter im Bett lag und schlief, saß ich beim Tisch und warte auf meinen Mann. Ich war so glücklich, endlich heim zu dürfen, in meine eigenen 4 Wände, zu meinem Mann und unserer Katze. ‚Zuhause angekommen, werden wir uns es zu dritt kuschelig und gemütlich machen, werden uns erholen und dann sind wir ganz bald bereit, unsere Familie und Freunde willkommen zu heißen. Es wird zuhause alles besser werden. Wir können unsere Tochter allen vorstellen, die uns wichtig sind.‘ Ich dachte mir, wenn ich sehe wie sich alle über unsere Tochter freuen, sie kuscheln und sich in sie verlieben, dann werde auch ich endlich Liebe und Muttergefühle entwickeln.

Endlich Zuhause. Die ersten Stunden hat unsere Tochter noch tief und fest geschlafen und ich konnte in der Zeit alles auspacken, verräumen und einfach ankommen. In dieser Zeit bekam ich eine Nachricht von unserer Hebamme. Aufgrund von Corona seien die Hausbesuche abgesagt, sofern diese nicht unbedingt notwendig waren. Also sofern Baby und Mutter nicht krank waren, würde Alles nur telefonisch oder per Nachrichten geklärt. Diese Nachricht gab mir, noch nicht mal 2 Stunden zu Hause angekommen, wieder einen Dämpfer. Das Kind sollte doch bei diesen Hausbesuchen gewogen werden, denn in den ersten Tagen spielt die Gewichtszunahme eine wichtige Rolle. Und auch alles andere… Die Hebamme hat doch tausendmal mehr Erfahrung als ich, um festzustellen zu können, ob es unserer Tochter gut geht. Das alles machte mir große Sorgen aber wir würden das schaffen, wir könnten ja telefonieren. Wir brauchen aber unbedingt eine Babywaage um das Gewicht verlässlich kontrollieren zu können. Die Geschäfte, das wussten wir ja schon, würden ab morgen geschlossen sein. Also habe ich, ohne länger darüber nachzudenken, eine Babywaage im Internet bestellt. Die drei Tage bis sie da war, haben wir versucht das Gewicht mit der normalen Waage und der Küchenwaage festzustellen. Diese Angaben waren aber so unzuverlässig, dass wir es gleich lassen hätten können. Unsere Tochter schlief immer noch. Also ging gleich die erste Nachricht an meine Hebamme raus. „Soll ich sie schlafen lassen, oder soll ich sie wecken zum Stillen?“ „Alle drei Stunden stillen, also wecken.“ hieß es. Sofort hat sich alles in mir zusammen gezogen und verkrampft. Ich wollte sie nicht wecken. Ich genoss es gerade so, dass sie schlief und ich sie nicht beachten musste. Aber ich weckte sie natürlich trotzdem und legte sie an. Beim Stillen stellte ich dann fest: Es war nichts anders als im Spital. Ich stille meine Tochter, sah sie dabei an und fühle nichts. Wobei, nichts stimmt nicht ganz. Ich fühlte mich bei jedem Mal stillen, unwohl und wie eine Maschine. Für mich war Stillen reine Nahrungszufuhr für mein Kind und nicht, wie bei anderen Mamas, eine intensive Kuschelzeit, bei der man Bindung aufbauen konnte. Sofort fühlte ich mich wieder schlecht und hatte Gewissensbisse, weil ich so fühlte, wie ich es tat. Der erste Tag zuhause verging also irgendwie so. Die kleine hat die meiste Zeit geschlafen und ich habe versucht mich in meinem Zuhause voller Babyzeug zurechtzufinden.

Montag. Lockdown. Dass der Montag viele Veränderungen bringen würde, war uns ja schon klar. Dass es allerdings so wird, wie es tatsächlich war, war uns nicht bewusst. Mir zumindest nicht. Ich hatte nach der Geburt keinen Kopf und keine Nerven dafür, recht viel über diese ganze Corona Sache nachzudenken. Vielleicht wäre ich nicht ganz so erschrocken und perplex gewesen, wenn ich vorher schon mal die Medien verfolgt hätte. Tat ich aber nicht und deshalb waren die Umstände und Maßnahmen ein Schock für mich. Alle Geschäfte, bis auf Lebensmittelgeschäfte, waren geschlossen. Neben den Shops auch alle Restaurants, Cafés, Kinos, einfach alles. Das einzige wo man noch hin konnte waren Lebensmittelgeschäfte, Apotheken und Arztpraxen. Und dort musste man einen Mund-Nasenschutz tragen und Abstand halten. Gut, es sollte schlimmeres für mich geben. Ich machte mir zwar schon Gedanken darüber, wie ich unserer Tochter Gewand kaufen sollte, wenn wir doch noch nicht an alles gedacht hatten, oder sie schnell aus der ersten Kleidergröße rauswächst, aber dann wird eben einfach im Internet bestellt. Das haben wir dann auch oft genug gemacht. Lebensmittel konnte man weiter ohne Probleme kaufen und somit machte ich mir auch darüber keine Sorgen. Jedoch waren das noch nicht alle Maßnahmen. Es hieß alte, vorerkrankte und immungeschwächte Menschen seien besonders gefährdet von dem Corona-Virus. Diese sollten, so gut es geht, zu Hause bleiben. Außerdem sollten bzw. mussten eigentlich alle zuhause bleiben. Es gab nur 4 Gründe warum man sein Zuhause verlassen durfte: Arbeit, Einkaufen, Spazieren und anderen helfen. Und diese Dinge durfte man auch nur alleine machen bzw. mit den Menschen, mit denen man unter einem Dach wohnt. Sozialkontakte wurden verboten. Es sei einfach zu gefährlich, hieß es. Diese Nachricht riss mir, in der Sekunde, den Boden unter den Füßen weg. Mir wurde klar, was das bedeutete. Unsere Familie und Freunde könnten uns nicht besuchen kommen. Ich konnte nicht endlich meine Mama sehen und sie einfach in den Arm nehmen. Es würde in den nächsten Wochen keiner unsere Tochter kennen lernen. Es würde uns keiner in unserer, noch sehr neuen und ungewohnten, Elternrolle unterstützen können. Bis 14. April sollten diese Maßnahmen bleiben, also 4 Wochen lang. Ich konnte es einfach nicht glauben, für mich brach eine Welt zusammen. Ich weinte. Ab diesem Zeitpunkt, weinte ich eigentlich so gut wie immer. Es ging mir so schlecht. Die einzige Aussicht auf Besserung war für mich, wenn ich endlich von meiner Familie in den Arm genommen werden konnte. Und dann wurde das einfach so verboten. Mein Mann war eine super tolle Unterstützung, er nahm mich immer in den Arm, wenn ich weinte und einfach nicht mehr konnte. Ich kann mit ihm über alles reden. Aber in dieser Zeit hätte ich einfach meine Familie gebraucht. Wir telefonieren dann eben so oft es ging, aber das war einfach nicht das Gleiche. Meistens ging es mir nach den Telefonaten schlechter als davor, weil ich dann die Stimmen meiner Liebsten hören konnte, aber genau wusste, dass ich nicht zu ihnen konnte. Außerdem schaffte ich es am Telefon nicht, meine Gefühle so auszudrücken, wie ich es hätte tun sollen. Zudem hatte ich an diesem Tag den wirklichen Milcheinschuss. Scheinbar war das im Krankenhaus nur eine Vorstufe davon. Ich produzierte so viel Milch, dass ich vermutlich Drillinge ernähren hätte können und ich hatte furchtbare Schmerzen. Ohne Scherz, dies waren die schlimmsten Schmerzen in meinem Leben, gleich nach der Geburt. Diese Schmerzen wurden von Tag zu Tag schlimmer. Habe ich wohl einen Milchstau? Oder habe ich eine Entzündung? Soll ich deswegen – in Zeiten von Corona – zum Arzt gehen? Darf ich das überhaupt? Meine Hebamme meinte, ohne mich gesehen zu haben – weil das ging ja nicht – das sei ganz normal, ich soll dies und dies machen und in wenigen Wochen wird das Stillen ein Kinderspiel. Wie in wenigen Wochen? So lange soll das dauern? Ich stillte alle 3 Stunden und wenn ich mal nicht stillte, verlor ich trotzdem Milch wie eine Kuh, weshalb ich mich 5-mal am Tag umzog. Ich streifte meine Brüste aus, legte mir Topfen auf die Brüste und schmierte meine Brustwarzen ein. Und wenn ich das alles erledigt hatte, waren auch schon wieder 3 Stunden um und ich stillte wieder. Das einzig positive war, dass mein Mann immer noch im Krankenstand war und ich somit nicht alleine mit unserer Tochter zuhause war. Er arbeitet nämlich in einem Betrieb, der von dem Lockdown nicht betroffen war.

Es vergingen also die Tage und die Wochen. Der Gedanke, dass zuhause alles besser wird, war ein Irrglaube. Ich war die ganzen 4 Wochen nicht einmal draußen. Alle Einkäufe erledigte mein Mann. Für unsere Tochter und mich sei es zu gefährlich. Die kleine hatte ohnehin noch kein Immunsystem und ich sei noch zu immunschwach weil ich so viel Blut verloren hatte. Also verließ ich das Haus nur für Spaziergänge, welche ebenso nur eine Runde um den Block waren, weil ich bei längerem Gehen einfach noch zu viele Schmerzen hatte. Ich weiß nicht wie es ohne Lockdown gelaufen wäre, ob es mir dann besser gegangen wäre, ob es dann vielleicht nicht ganz so schlimm geworden wäre, aber in diesen 4 Wochen fiel ich in eine Depression – solche wünsche ich meinem schlimmsten Feind nicht.

Ich versuche, so gut ich kann, zu schildern wie ich mich fühlte.

Das Stillen wurde in den nächsten Tagen nicht besser, sondern immer schlimmer. Diese Schmerzen, dieses Unwohlsein, dieses Verpflichtungsgefühl gegenüber meiner Tochter weil nur ICH sie ernähren kann. Ich traute mich nicht mal duschen gehen, denn was ist wenn sie ausgerechnet in dieser Zeit Hunger bekommt? Ich muss stets bereit sein, dachte ich. Und das obwohl ich immer, wenn klar war, dass ich wieder stillen muss, in Tränen ausbrach. Ich brach in Tränen aus wegen den schlimmen Schmerzen und den grausamen Gefühlen die ich während dem Stillen immer hatte. Es ging sogar so weit, dass ich während dem Stillen eine richtige Wut gegenüber meiner Tochter empfand. Ich empfand es so, als wäre sie Schuld, dass ich diese Schmerzen ertragen musste. Und deswegen hatte ich solch eine Wut. Immer und immer wieder. Und bei jedem Mal Brüste ausstreifen und Topfen auflegen brach ich wieder und wieder in Tränen aus. Nach einer Woche war klar – und zwar nicht nur mir, sondern auch meinem Mann: So kann es nicht weiter gehen. Ich habe beschlossen abzustillen. Ich hatte richtig Angst davor, meiner Hebamme das zu sagen, denn in der heutigen Zeit gilt man ja schon als Rabenmutter, wenn man nicht stillt. Aber ich musste es ihr sagen, denn ich brauchte Tipps, wie ich das am besten machen kann. Ich habe sie angerufen, habe ihr geschrieben. Fünf Stunden später hatte sie dann Zeit, meine Fragen zu beantworten. In diesen 5 Stunden hatte ich bereits gefühlte 500 Berichte im Internet gelesen, hatte mir ein Rezept verschreiben lassen und die Tablette zum abstillen geschluckt. Mir ist bewusst, dass die Hebamme nicht nur uns zu betreuen hatte und mit Corona alles schwierig war, aber 5 Stunden in meinem damaligen Zustand, das war eine halbe Ewigkeit und ich konnte nicht mehr auf die Antwort warten. Also habe ich das selbst in die Hand genommen und es war mir völlig egal ob es richtig oder falsch war, was ich tat. Ich wollte einfach, dass es aufhört. Ich wollte, dass es besser wird. Ich wollte einfach nicht mehr stillen und war mir sicher, dass jetzt mit der Flasche alles besser werden würde. Immerhin würde ich dann keine Schmerzen mehr haben und mein Mann konnte mich besser unterstützen, weil auch er die Flasche geben konnte. In dem Moment, in dem ich diese Tablette zum Abstillen schluckte, war ich so dermaßen erleichtert und froh. ‚Es kann jetzt alles nur besser werden.‘ dachte ich.

Es wurde nichts besser. Es wurde anders. Es wurde noch schlimmer. Das Flasche-Geben war natürlich nicht schmerzhaft für mich und mein Mann konnte mich jetzt wirklich mehr entlasten, aber das war nicht die Lösung meines Problems. Meine Depression war durch das Abstillen nicht verschwunden. Im Nachhinein betrachtet auch dumm, dass ich das glaubte. Obwohl ich beim Flasche-Geben keine Schmerzen mehr ertragen musste, empfand ich dabei trotzdem nur negative Gefühle. Ich war genervt weil sie so ewig lange brauchte; war sofort wütend, wenn sie Milch rauslaufen ließ und wollte sie während dem Füttern nicht mal ansehen. Also führte jede Flaschengabe wieder zu einem Heulkrampf. Wieder und wieder. Selbst wenn mein Mann ihr die Flasche gab, war es nicht anders. Dann saß ich daneben und kämpfte ebenfalls mit den Tränen. Ich konnte während dessen nichts anderes machen, was mir gut getan hätte, weil ich immer sofort ein schlechtes Gewissen hatte, wenn sich mein Mann um unsere Tochter kümmern musste. Ich wollte sie ihm nicht aufhalsen. Mein Mann freute sich auf unser Kind und sie war auch für ihn ein absolutes Wunschkind, aber trotzdem hatte ich das Gefühl, dass ich ihm Arbeit aufhalse. Ich hatte Angst, dass es ihm zu viel wird. Ich hatte Angst, dass er dann gleiche Gefühle wie ich entwickelt. Ich hatte Angst, dass er uns dann verlassen würde. Mein Mann ist einer der verständnisvollsten und liebevollsten Menschen, die ich kenne und er würde uns niemals einfach so, mir nichts dir nichts, aufgeben – Das weiß ich. Aber in meiner damaligen Gefühlslage brachte ich diesen Gedanken, er könne uns verlassen, einfach nicht los und diese Angst brachte mich fast um. Deswegen habe ich, so gut ich konnte, darauf geachtet, dass ich die meiste ‚Arbeit‘ mit unserer Tochter hatte. Ich fütterte, wickelte und schaukelte sie also so gut wie immer. Solange, bis die Heulkrämpfe nur mehr vielleicht 10 Minuten auseinander lagen, meine Depression sich maßlos verschlimmerte und ich einfach nicht mehr konnte.

Also war es unser Ziel, dass ich einfach zu mehr Schlaf kommen musste. Immerhin ist Schlaflosigkeit nicht zu unterschätzen und verschlimmert einen ohnehin schon labilen psychischen Zustand drastisch. Unsere Tochter hatte die ersten Wochen/Monate absolut keinen Tag- Nachtrythmus. Es machte keinen Unterschied ob es 9 Uhr Vormittags, 6 Uhr Abends oder 3 Uhr Früh war. Mir war bewusst, dass so kleine Babys einfach Zeit brauchen bis sie einen Rhythmus entwickeln. Trotzdem habe ich im Internet immer wieder von gleichaltrigen Babys gelesen, die schon durchschliefen. Selbst im Bekanntenkreis hörte ich immer wieder davon, dass die Babys durchschliefen und die Familien bereits einen richtig strukturierten Tagesablauf hatten. Bei uns war es nicht so. Das brachte mich wieder zum verzweifeln und machte mich so wütend. Warum konnte es bei uns nicht so leicht sein, wie bei so vielen anderen? Warum ist ausgerechnet unser Baby so mühsam und anspruchsvoll? Wieder richteten sich meine Wut und meine negativen Gedanken gegen unsere Tochter, weil einfach nichts so war, wie ich es mir vorstellte. Mein Mann war immer noch im Krankenstand, also hatten wir zumindest den Vorteil, dass wir uns die Nächte aufteilen konnten. Er blieb, so lange er es schuf, wach und ich konnte in der Zeit schon mal vorschlafen und übernahm dann meistens so ab 4 oder 5 Uhr Früh. Genug Schlaf hatte ich dennoch noch lange nicht, in meinem Zustand hätten vermutlich auch 20 Stunden Schlaf am Stück nichts geändert. Aber dennoch war es eine enorme Unterstützung.

Die Tage vergingen und vergingen weiter. Mein Zustand hatte sich nicht gebessert. Es wurde schlimmer. Meine Gedanken wurden immer schlimmer. Ich weinte jeden Tag mindestens einmal. Anfangs hab ich mich dabei noch versteckt. Aber mittlerweile weinte ich, egal ob ich gerade unsere Tochter im Arm hielt, oder mein Mann neben mir saß. Oft merkte ich schon gar nicht mehr, dass ich weinte, bis mich mein Mann in den Arm nahm. Ich war am Ende. Jeder Tag, jede Nacht war gleich. Mein größtes Ziel jeden Tag war es, unsere Tochter zum Schlafen zu bringen. Das dauerte oft Stunden. Wenn sie dann endlich in meinen Armen eingeschlafen war, war es eine riesige Herausforderung, sie in ihr Bett zu legen, ohne dass sie dabei wieder wach wurde. Wenn es nicht funktionierte, bekam ich auf der Stelle den nächsten Wut- und Heulanfall. Ich wusste, dass sie sicher besser und leichter geschlafen hätte, wenn ich sie in meinen Armen schlafen lassen hätte. Aber das war für mich nicht möglich. Ich wollte sie nicht bei mir haben und ich wollte sie nicht spüren. Ich fühlte mich so gefangen, wenn ich sie im Arm hielt. Ich wollte sie nicht mal sehen, wenn sie schlief, deshalb schlief sie schon ab der zweiten Woche in ihrem eigenem Bett, in ihrem eigenem Zimmer. Wenn sie dann endlich mal schlief, saß ich nur wie versteinert da. Ich überlegte was ich zuerst machen sollte. Soll ich zuerst etwas essen? Soll ich in Ruhe duschen gehen? Soll ich mit meiner Familie telefonieren? Oder soll ich einfach selber schlafen? Letzteres wäre wahrscheinlich am klügsten gewesen und es haben mir auch immer alle gesagt: „Wenn dein Kind schläft, dann versuche selber auch zu schlafen.“ Das war aber das letzte, was ich wollte. Ich war zwar todmüde aber ich wollte meine freie Zeit, ohne Kind, nicht mit Schlaf verschwenden. Ich wollte diese Zeit so effektiv, wie möglich nutzen. Im Endeffekt, war es nicht nur einmal so, dass unsere Tochter bereits wieder wach war, bis ich entschieden hatte, was ich hätte machen wollen und dann erst recht nicht tat. Dies führte dann wiederum zu Wut auf meine Tochter, die natürlich absolut nichts dafür konnte. Für mich war sie aber schuld daran. ‚Warum kannst du nicht länger schlafen? Warum bist du schon wieder wach?‘ Es war einfach zu viel für mich, ich konnte nicht mehr.

April/Mai. In der letzten Woche, vor dem voraussichtlichen Ende der Ausgangsbeschränkung, spitzte sich die Lage zu. In den nächtlichen Stunden, wenn unsere Tochter wieder mal nicht schlief, versuchte ich sie gar nicht mehr zum Schlafen zu bringen. Ich saß einfach nur da, schaute sie an und weinte. Ich hätte ihr niemals wehgetan, solche Gedanken hatte ich nie. Diese Gedanken hatte ich ‚nur‘ gegenüber mir selbst. Aber mein Umgang mit ihr war trotzdem alles andere als liebevoll. Manchmal schrie ich sie sogar an. Ein unschuldiges kleines Neugeborenes… und ich schrie sie an. Ich hasste mich selbst dafür aber ich konnte einfach nicht anders. Wie gesagt, ich habe unserer Tochter nie wehgetan oder nur darüber nachgedacht ihr weh zu tun. Aber wenn sie schlief, wenn sie länger schlief als gewohnt, und das Babyphone schon seit Stunden keinen Ton von sich gab, dann dachte ich an den plötzlichen Kindstod – der Alptraum für alle Eltern. Es gibt wohl nichts Schlimmeres. Aber für mich war der Gedanke an den plötzlichen Kindstod kein Alptraum. Ich habe es mir sogar gewünscht. Ich habe mir gewünscht, dass meine eigene Tochter stirbt. Ich weiß nicht wie es tatsächlich gewesen wäre, aber ich war überzeugt davon, dass ich keinerlei Trauer empfunden hätte, wenn es passiert wäre. Mir bleibt – während ich diese Zeilen schreibe – die Luft weg und ich kämpfe mit den Tränen, weil ich nach wie vor entsetzt bin von mir selbst. Auch wenn ich heute nicht mehr so fühle, aber es schockiert mich selbst, dass ich so gefühlt habe.

So konnte es nicht weiter gehen. Ich nahm also meinen ganzen Mut zusammen und schrieb meiner Hebamme. Ich schrieb ihr, dass es mir nicht gut geht, dass ich nur mehr weine und dass ich meine Tochter nicht lieben kann. Ich schrieb ihr also nicht das ganze Ausmaß meiner Gefühlslage aber ich machte ihr deutlich, dass ich Hilfe brauche. Dieses Mal bekam ich die Antwort schneller. Allerdings beinhaltete die Antwort lediglich 3 Nummern, an die ich mich bitte wenden sollte. Das seien drei Kontakte, welche Onlineberatung anbieten, denn was anderes ging natürlich nicht in Zeiten von Corona. Was sollte ich mit diesen Nummern? Wer waren diese Leute überhaupt? Sollte ich mit wildfremden Menschen, die nicht mal wissen wer ich bin, über meine Depressionen reden… und das übers Telefon? Es hat mich schon so viel Mut gekostet, mich an meine Hebamme zu wenden, also schaffte ich es natürlich nicht, mich an einen dieser Kontakte zu wenden. Ich schaffte es ja nicht mal, meiner Familie die Wahrheit zu sagen. Einige wussten zwar, dass es mir schlecht ging, aber ich denke keinem war das Ausmaß meiner Depression bewusst. Auch meinem Mann nicht. Wäre Ihnen das Ausmaß bewusst gewesen, hätte ich gesagt was ich wirklich fühlte und zwar ALLES, hätten sie mich sicher dementsprechend unterstützt. Keine Frage, es waren alle für mich da, sagten mir aufbauende Worte und trösteten mich… übers Telefon… Corona. Dafür bin ich auch unendlich dankbar. Aber heute weiß, ich hätte mehr Unterstützung gebraucht, ich hätte professionelle Hilfe gebraucht, aber ich habe es nicht geschafft, diese zu fordern.

Genau ein Monat nach der Geburt unserer Tochter, brach ich dann endgültig zusammen. Nach 4 Wochen in den eigenen vier Wänden, ohne jemanden zu sehen, außer meinem Mann und meiner Tochter, konnte ich nicht mehr. Es waren nur mehr 3 Tage bis zum voraussichtlichen Ende, der Ausgangsbeschränkung. Diese 3 Tage waren aber zu viel, außerdem zeichnete sich schon ab, dass sich diese nochmal um fast 3 Wochen verlängern sollte. Wir beschlossen, die Ausgangsbeschränkung nicht länger einzuhalten und fuhren zu unserer Familie. Eine Woche später kam meine Mama aus Wien zu uns und unterstützte mich in den ersten Tagen, an denen mein Mann wieder zu arbeiten begann. Dieser Moment, wo ich endlich meine Familie wieder in den Arm nehmen konnte… ich kann es nicht in Worte fassen, welch ein Stein mir vom Herzen gefallen ist. Ich sagte nichts. Ich nahm sie einfach nur in den Arm, weinte und ließ mich fallen. Ich war bestimmt nicht die einzige, die in dieser Zeit jemanden so schrecklich vermisste, dass es weh tat – es ging allen so. Aber wenn man in einer Depression steckt, dann ist das nochmal etwas anderes. Etwas ganz anderes. Dieser Besuch war zwar sicher nicht die Lösung des Problems und auch nicht das Ende meiner Depression, aber ich bin mir sicher, dass wir damit schlimmeres verhindert haben. Und keine Maßnahmen der Welt, hätten mich davon abhalten können, das zu tun.

Irgendwann im Juni. Meinen Kontrolltermin beim Frauenarzt, der nach einer Geburt zu machen ist, hätte ich bereits im Mai haben sollen. Dieser wurde aber wegen Corona abgesagt. Ich wurde angerufen, gefragt ob es mir so weit gut gehe und gebeten, den Termin zu verschieben. Die Ordinationsgehilfin betonte mehrmals, dass ich natürlich schon kommen konnte, wenn ich Probleme hätte, aber wenn alles in Ordnung sei, wäre es in dieser Zeit besser, wenn wir den Termin verschieben. Ich fand es zwar zu diesem Zeitpunkt schon nicht in Ordnung, dass wegen Corona viele andere wichtige Dinge so schleifen gelassen wurden, aber es ging mir körperlich ja gut. Die Psyche war ein anderes Thema und wahrscheinlich wäre der Frauenarzt auch nicht der richtige Ansprechpartner dafür gewesen. Körperlich ging es mir mittlerweile aber wieder ganz gut und deswegen war es ok für mich. Ein paar Tage später bekam ich dann, zum zweiten Mal nach der Geburt, meine Periode. Das ging relativ schnell, da ich so früh abgestillt habe, damit hatte ich gerechnet. Die Periode war – wie beim ersten Mal – sehr stark, stärker als vor der Geburt. Aber auch das hat mich nicht überrascht, weil ich bereits gelesen hatte, dass sich die Blutungen nach einer Geburt, sehr verstärken können. Also machte ich mir am ersten Tag keine weiteren Gedanken darüber. Doch dann kam der zweite Tag: Bereits beim Aufstehen am Morgen habe ich es nicht mehr aufs WC geschafft, ohne das Bett, den Boden und mich voll zu bluten. Im ersten Moment dachte ich mir noch, es sei nicht so viel dabei, immerhin kennt – glaube ich – jede Frau das Problem, dass es während der Periode oft schnell gehen muss in der Früh. Aber es wurde schlimmer. Ich ging auf die Toilette, wechselte den Tampon und kaum war ich draußen, musste ich schon wieder zur Toilette. Obwohl ich dann schon einen Tampon und zusätzlich eine extra große Binde trug, blutete ich trotzdem innerhalb einer Stunde drei verschiedene Hosen an. Ich habe noch nie so viel Blut auf einmal gesehen. Ich dachte der Wochenfluss war viel, aber selbst der war ein Witz gegen diese Blutungen. Ich beschloss also ins Krankenhaus zu fahren. Ich weckte meinen Mann, dass er sich währenddessen um unsere Tochter kümmern konnte. Er hat mir noch angeboten, mich ins Krankenhaus zu bringen, aber der Gedanke daran, die Kleine transportfertig zu machen und alles einzupacken war mir einfach zu mühsam. Also fuhr ich, nach einem kurzen Telefonat mit der Ambulanz, alleine los. Dass ich zuhause nochmal die Einlage wechselte, änderte natürlich nichts daran, dass ich bis zum Krankenhaus wieder voller Blut war. Ich zog extra eine schwarze Hose an, dass man das Blut nicht sieht, falls etwas auslaufen sollte. Gut dass ich das tat, das Blut lief mir nämlich schon beinahe die Beine runter. Es war mir sowas von unangenehm und ich kämpfte schon wieder mit den Tränen. Ich fühlte mich mehr als unwohl. Endlich hatte ich das Corona bedingte Anmeldeprozedere hinter mich gebracht und lief nochmal schnell zur Toilette, bevor ich zur Gynäkologie-Ambulanz weiter ging. Von der Toilette bis zur Ambulanz, das waren ungefähr 100 Meter, war wieder alles voller Blut. Also sofort wieder auf die Toilette. Obwohl ich schon extra große Binden verwendete, waren diese immer noch zu wenig. Auf Grund von Corona musste man im Flur warten, bis man vom Arzt aufgerufen wurde. Und natürlich musste man einen Mund- Nasenschutz tragen. Vor mir waren schon zwei Damen, die offensichtlich wegen einer Ultraschallkontrolle da waren. Sie saßen auf den bereitgestellten Stühlen. Für mich kam es nicht in Frage, mich hinzusetzen, ich würde alles voll bluten. Ich fühlte mich so dermaßen unwohl und hoffte einfach nur, dass man nicht sieht, dass meine schwarze Hose schon voller Blut war. Mir wurde langsam schwindelig – der Mund-Nasenschutz und die Tatsache, dass ich mich nicht hinsetzen konnte, waren da nicht gerade förderlich. Ich versuchte mich zusammen zu reißen und hielt mir die Tränen zurück. Wieder spürte ich, wie das Blut läuft und läuft. Ich ging wieder zur Toilette, wo gerade eine Praktikantin die Seifenspender nachfüllte. Ich bat sie, mir bitte, bitte eine große Einlage zu bringen. Ich brach dabei in Tränen aus, weil ich mich so schäbig fühlte und auch Angst hatte. Die Praktikantin sah mir meine Verzweiflung scheinbar an und holte eine Schwester dazu. Diese brachte mir dann frische Sachen, versuchte mich zu beruhigen und brachte mich dann endlich in den Ambulanzraum, wo ich mich auf einer Liege hinlegen konnte. Ich war so erleichtert, dass ich nicht mehr auf dem Gang stehen musste. Bei der ärztlichen Untersuchung kam dann raus, dass meine Gebärmutter voller Blutkoageln war, diese mussten weg. Deswegen musste ich Tabletten schlucken und bekam Infusionen, die mir dabei helfen sollten. Ich musste die Nacht im Krankenhaus bleiben, für den Fall dass die Tabletten und Infusionen nicht halfen. Dann müsse eine Curettage vorgenommen werden. Ich hatte solche Angst. Am nächsten Tag, dann aber die Entwarnung: es musste keine Curettage gemacht werden und ich durfte wieder nach Hause. Im ersten Moment war ich sehr erleichtert, aber dann war ich fast traurig, dass ich wieder heim musste zu meiner Tochter. Ich wäre lieber im Spital geblieben. Diese „Auszeit“ tat mir gut. Obwohl mir diese eine Nacht im Krankenhaus psychisch nicht schlecht getan hat, ärgere ich mich bis heute über diese Sache. Wäre mein Kontrolltermin nicht abgesagt worden, dann hätte man bei diesem schon gesehen, dass etwas nicht passt. Ja, ich wurde gefragt ob es mir gut ging und es ging mir ja auch gut. Gewisse Dinge kann man aber eben nicht spüren. Und nur weil etwas keine Schmerzen verursacht, heißt es nicht, dass es nicht gefährlich sein kann. Und nur weil man keine Schmerzen hat, heißt das nicht, dass man gesund ist. So eine Kontrolle nach der Geburt ist einfach wichtig, das weiß man und vor allem Frauenärzte wissen das. Aber wegen Corona war das scheinbar egal. Alles was nicht Corona war, war egal. Bis heute ist es teilweise so und das macht mich wahnsinnig wütend. Aber nun gut. Ich wurde also vom Krankenhaus entlassen, der Alltag hatte mich wieder und die Tage und Wochen vergingen.

Juni/Juli/August. Es wurde langsam alles wieder halbwegs normal. Alle Geschäfte hatten wieder geöffnet. Die Leute gingen wieder raus. Sozialkontakte wurden langsam wieder normal. Eigentlich waren wir von Normalität noch weit entfernt – das sind wir heute noch. Aber gut. Mein Mann geht wieder arbeiten. Ich war mit unserer Tochter zuhause, erledigte den Haushalt und die Einkäufe. Langsam entwickelte sich also in den nächsten Tagen und Monaten, so etwas wie ein normaler Alltag. Es ging mir nicht gut, aber es ging mir besser. Ich weinte nicht mehr jeden Tag. Manchmal vergingen sogar 3 Tage am Stück, an denen ich nicht weinte. Ich war immer noch sehr oft traurig, genervt und wütend. Immer noch, brachten winzige Kleinigkeiten das Fass zum überlaufen. Ich empfand immer noch keine Muttergefühle, geschweige denn Liebe für meine Tochter. Dennoch ging es mir ein bisschen besser und es war alles nicht mehr ganz so schlimm. Vielleicht lag es daran, dass mein Mann wieder arbeiten ging und mir gewisse Dinge einfach nicht mehr abnehmen konnte. Oder es lag an dem zunehmenden Alter meiner Tochter. Ich weiß es nicht. Ich war einfach froh, dass es nicht mehr ganz so schlimm war. Die Gedanken an den plötzlichen Kindstod und daran mir selbst etwas anzutun, waren zwar noch nicht ganz weg aber sie wurden seltener. Es war ein ständiges auf und ab. Aber die guten Tage nahmen zu. Es gab immer noch bei weitem mehr schlechte, als gute Tage aber es ging in die richtige Richtung. Langsam aber sicher.

September. Heute. Nach 6 Monaten bin ich nun an dem Punkt, dass ich sagen kann: Ich habe es geschafft. Es hat sich alles geändert. Heute bin ich eine stolze Mama, eines wunderschönen Mädchens. Heute kann ich sagen, dass ich meine Tochter über alles liebe und ich sage es nicht nur so, sondern fühle auch so. Ich habe richtige Muttergefühle entwickelt und es macht mir Freude, meine Tochter zu umsorgen. Es macht mir Freude, sie zu füttern, zu wickeln, zu baden und sie in den Schlaf zu schaukeln. Es gab keinen bestimmten Tag, an dem plötzlich alles besser war. Die Muttergefühle und die Liebe waren nicht von einen auf den anderen Tag einfach da. Es war ein langer Weg bis dahin und es hat sich, denke ich, langsam so entwickelt. Aber jetzt fühlt es sich einfach so wunderbar an. Es ist so ein schönes und unbeschreibliches Gefühl, sein eigen Fleisch und Blut in Armen zu halten. Meine Tochter erfüllt mich jetzt einfach mit Liebe. Natürlich ist selbst jetzt nicht alles immer nur schön. Ich stehe immer noch nicht gerne mitten in der Nacht auf, ich würde immer noch manchmal gerne länger als bis 6:30 Uhr schlafen und ich genieße es nach wie vor sehr, wenn meine Tochter mal bei ihrer Oma ist. Ich bin definitiv nicht die Mama, die ich mir immer vorgestellt habe, zu sein. Ich koche nicht jeden Tag, meine Tochter bekommt Fertiggläschen. Ich finde es nicht immer super spaßig, mit meiner Tochter zu spielen, manchmal ist es auch ziemlich langweilig. Ich werde nicht 2 Jahre oder noch länger in Karenz bleiben. Selbst wenn wir es uns leisten könnten, würde ich trotzdem früher wieder arbeiten gehen, weil ich meine Arbeit vermisse und mich darauf freue wieder arbeiten zu gehen. Also es ist nichts so, wie ich dachte. Ich bin definitiv nicht die geborene Mutter und Hausfrau, aber das macht nichts. Denn ich gebe trotzdem jeden Tag alles dafür, dass meine Tochter glücklich ist. Es werden definitiv noch viele anstrengende Phasen auf uns zukommen und ich werde noch des Öfteren an meine Grenzen kommen, aber ich denke bzw. hoffe, dass es nie wieder so schlimm wird, wie es schon mal war.

Ich weiß nicht, wie es ohne Corona gewesen wäre, aber zwei Dinge weiß ich. Ohne Corona, wäre es vermutlich nicht ganz so tragisch gewesen. Ohne Corona wären uns so manche unnötige Situation vielleicht erspart geblieben. Und wenn mein Mann die ersten Wochen nicht zuhause gewesen wäre, dann wäre alles ganz anders gelaufen. Dann hätte ich das nicht geschafft. Ich bin ihm bis heute so unendlich dankbar dafür, dass er die Kraft, die Geduld und die Liebe hatte, die ich nicht hatte. Mein Mann wird diese Dankbarkeit vermutlich in Frage stellen, denn zeigen konnte ich sie während meiner Depression nicht. Ganz im Gegenteil. Alles was ich fühlte oder nicht fühlte bekam er mit voller Wucht ab. Ich habe mich selbst dafür gehasst, dass ich oft so undankbar und zornig ihm gegenüber war, obwohl er alles tat, dass es mir gut ging. Es gab eine Zeit, da habe ich wirklich in Frage gestellt, ob unsere Ehe das überlebt. Wäre mein Mann nicht so verständnisvoll und geduldig, dann hätte sie das wahrscheinlich auch wirklich nicht. Aber wir haben es geschafft und ich bin zuversichtlich, dass wir es weiterhin schaffen werden.

Ich liebe meinen Mann und meine Tochter über Alles. Und nur das zählt schlussendlich.

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