Ein Gastbeitrag von Vera aus Hannover

Lasst uns mal über Halloween sprechen. Ja genau, dieses eine Fest, was es in unserer Kindheit noch gar nicht gab. Halloween 2019. An diesem Tag gab es bei uns ganz normales Frühstück. Nein, es gab keine Gruselblut-Suppe mit Spinnenbeinen und Schleim. Es gab normales Frühstück, später gab es Mittagessen (ebenfalls ziemlich normal) und später gab es stinknormales Abendbrot. Klar, die Kinder sind gegen 18 Uhr um die Häuser gezogen und kamen mit gefühlten sieben Tonnen Süßigkeiten zurück. Ende. Das war unser Halloween. Warum ich euch das erzähle?

Nun, als die Kinder in der Woche nach Halloween nach Hause kamen, wurde ich quasi überwältigt von totalen Halloween Eskalationen in der Nachbarschaft: Ganze Häuser wurden in Spinnennetze getaucht, Badewannen voller Kunstblut geflutet und anscheinend ließen sich die Eltern der Kinder von professionellen Maskenbildnern bis zur Unkenntlichkeit in Gruselmonster verwandeln.

Ich fühlte mich verraten. Verdammt, hätte ich das alles auch machen sollen? Für die Kinder? Ich hätte mir ja mal ein bisschen mehr Mühe geben können, oder?

Nein, verdammt. Diese Superlativen in Sachen Deko-Übertreibungen bei jeder noch so kleinen Feierlichkeit gehen mir so dermaßen auf den Keks! Muss denn aus jeder Mücke ein glitzernder, LED leuchtender, Farben wechselnder Elefant gemacht werden? Muss denn alles immer gleich so übertrieben perfekt sein? Und: Wie konnten wir damals bitte überleben?

Es kann ja jeder so leben wie er will aber es nervt mich, wenn mein Sohn einen Tag nach Halloween mit einem langen Gesicht am Tisch sitzt und mich fragt, warum denn Leopolds Eltern überall im Haus sämtliche Türen schwarz angestrichen haben und einen extra Schauspieler, der als Zombie verkleidet eingestellt wurde , nur um Kinder zu erschrecken und wir, ja wir, haben nichts dergleichen vorzuweisen.

„Weil die ein bisschen verrückt sind und anscheinend zu viel Geld haben. Komm, iss dein Frühstück!“

Ich werde bei diesem „Wie-kann-ich-das alles-noch-ein-bißchen-krasser-gestalten-Bingo“ NICHT mitmachen. Ich meine, wir redeten gerade von Halloween, es gibt ja aber noch ganz andere Situationen…..

Situation: Weihnachten
Ein dicker Mann in einem roten Anzug kommt auf einem von Rentieren gezogenen Schlitten durch den Schornstein gekrabbelt und besucht jedes Kind auf der Welt. Er hinterlässt Geschenke unter einem geschmückten Tannenbaum in deinem Haus UND magischerweise wusste er ganz genau, was das jeweilige Kind sich so sehr gewünscht hat. Toll!

Fazit: NICHT GENUG MAGIE! Da es im Dezember und vor allem am Heiligabend meistens nicht schneit, besorgt Papa GEFÄLLIGST eine Schneekanone, die er pünktlich um 18 Uhr zündet und das ganze Haus in einer dicke Schneeschicht hüllt. Echte Rentiere werden dem Zoo entliehen und stehen abfahrbereit an einem extra gekauften Schlitten vor der Einfahrt. Singende Weihnachtselfen bieten zartes Weihnachtsgeträllere und sie spielen Harfe. Stilecht wurde der echte Weihnachtsmann aus einer nahegelegenen Agentur gebucht, der nun versucht, sich selbst in den Schornstein zu quetschen. Wehe, der passt da nicht durch…..Katastrophe!

Situation: Kind verliert Milchzahn 
Klar, die Zahnfee kommt. Unterm Kopfkissen liegt am nächsten Morgen eine Kleinigkeit in Form eines 2 Euro Stückes für die Spardose.

Fazit: MEHR MAGIE BITTE. Zunächst bitte Unmengen von Glitzer (Feenstaub!) im Kinderzimmer verteilen. Die Zahnfee hinterlässt einen 28 Seiten handgeschriebenen Brief. In dem Brief mit persönlicher Ansprache geht sie selbstredend auf die Zahnhygiene, ihre eigene Historie, sowie die Problematik der globalen Erderwärmung ein. Anstelle von Geld hinterlässt sie einen Berg voller Spielzeug am Fußende des Bettes. Ales in allem ein Wert von mindestens 300 Euro.

Situation: Ostern
Ein niedlicher Hase versteckt Eier im Garten, während wir alle noch schlafen. Niemand kennt den wirklichen Grund dafür aber alle freuen sich. Die kleinen Schokoeier befinden sich stilecht in einem Korb aus Plastikgras (Vererbt! Gras ist bereits 40 Jahre alt und bereits leicht gelb).

Fazit: DAS ist doch wohl nicht dein Ernst! Alles, was ihr an Ostern essen werdet, hat gefälligst Hasenohren! Der Garten gleicht einem Mienenfeld voller bunter, glitzernder KÖRBE voller GESCHENKE! Es ist Frühlingsweihnachten, verdammt! Alle Kinder tragen Hasenkostüme und auch ihr Eltern steht dem in nichts nach! In einer Zoohandlung kauft ihr 32 weiße Kaninchen, die man bitte noch mit Lebensmittelfarbe bunt einfärbt, das kann doch wohl nicht so schwer sein…….

Noch ist der Tag der Deutschen Einheit ein normaler Feiertag aber wartet ab, ich gebe dem Ganzen noch zwei Jahre, bis unsere Nachbarn als Mauern verkleidet durch die Straßen rennen und die Skorpions samt Davon Hasselhoff im Schlepptau „I´ve been Looking for Freedom“dazu trällern.

Wisst ihr, das Leben an sich ist schon ein großes Wunder. Liebe ist ein Wunder! Familie ist ein Wunder! Es ist ein Wunder und absolut magisch, das alles erleben zu dürfen. Natürlich soll man das Leben feiern, Freude haben aber muss es immer gleich so eskalieren? Anstatt unseren Kindern beizubringen, ständig alle Erwartungen übertroffen zu bekommen, sollten wir ihnen nicht beibringen, das zu schätzen, was unmittelbar um sie herum passiert? Sollten wir ihnen nicht beibringen, dass ZEIT miteinander das WICHTIGSTE ist, was einem das Leben schenkt? Und Gesundheit? Natürlich darf es dazu auch Geschenke und Schokolade regnen aber wo führt uns die Reise hin, wenn es keine Einschränkungen mehr dafür aber totalen Überfluss gibt?

In diesem Sinne: Habt ein schönes Weihnachtsfest!

 

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