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Anonym eingereichter Gastbeitrag

Die meisten Leute denken nicht zweimal darüber nach, ob sie mal eben zur Post zu gehen und einen Artikel zurück schicken, der nicht passt, oder ob sie den Hörer abnehmen um eine Pizza oder etwas zum Mitnehmen zu bestellen. All diese scheinbar total einfachen und belanglosen Handlungen, die für die meisten Menschen eine Leichtigkeit darstellen, erfordern eine wahnsinnige Anstrengung für mich.

Der bloße Gedanke daran, irgendeine von diesen eben erwähnten Dinge tun zu müssen, versetzt mich in eine Spirale innerer Panik, und ich muss mich selbst erstmal beruhigen, bevor ich überhaupt darüber nachdenken kann, sie auch wirklich auszuführen. Daher befinden sich auch eine Menge nicht zurückgegebener Klamotten in meinem Schrank und zahlreiche falschgelieferte Lebensmittel sind in meinem Kühlschrank bereits verdorben, nur weil ich mich nicht getraut habe, erneut beim Lieferdienst anzurufen. Somit verschicke ich lediglich Geschenke, die in einen Briefkasten passen, nur um nicht zur Post gehen zu müssen. Tatsächlich kaufen meine Freunde Bücher, lesen sie zuerst und schicken mir dann das gelesene Buch zu, damit ich es lesen kann. Ich schaffe es nämlich danach nicht, das gelesene Buch wieder zurück zu schicken. Es geht einfach nicht.

Es ist eigentlich total lächerlich. Ich weiß, es ist lächerlich. Ich kann nicht einmal genau sagen, wovor ich Angst habe. Mein logisch denkender Teil des Gehirn versucht mir immer wieder eine Dosis gesunden Menschenverstands einzustreuen: „Komm schon, jetzt. Das ist doch keine große Sache!“ Das vergeht jedoch ganz schnell wieder, mein Herz fängt an zu rasen und ich kann nicht mehr klar denken. Da ist dann nur noch Panik. Ich leide unter sozialer Phobie, und es ist ein sehr belastendes Gewicht, das ich tragen muss, seit es mir in  meinem letzten Schuljahr seine hässliche Maske aufgesetzt hat – unsichtbar, aber bedrückend.

Ich verstehe es ja selber nicht und auch kaum jemand sonst, weshalb nur eine Handvoll Leute mein Geheimnis kennen. Ich bin über die Jahre ziemlich gut darin geworden, meine eigenen Bewältigungsmechanismen zu entwickeln. Für den außenstehenden Beobachter bin ich eine normal funktionierende – ja sogar extrovertierte – Person. In manchen Situationen wirke ich vollkommen normal. Tatsächlich bin ich seit fast sechs Jahren Gruppenfitnesslehrerin in verschiedenen Fitnessstudios, wo meine Schüler mich als sehr energiegeladen und witzig wahrnehmen. 

Sie würden mich wahrscheinlich an meinen schlimmsten Tagen nicht wieder erkennen, dann, wenn meine Motivation so im Keller ist, dass ich es kaum aus meinem Bett schaffe. Die schlimmen Tage, an denen ich nach draußen schaue und nur der Gedanke daran, einen Ausflug zum Briefkasten am Ende der Einfahrt machen zu müssen , mich vollends stresst. Der Gedanke daran, fremden Menschen begegnen zu müssen, macht mich an diesen Tagen komplett fertig.

Die Tage, an denen ein unerwartetes Klopfen an der Tür mich hinter der Couch verstecken lässt und ich dann so tue, als sei ich nicht zu Hause. In meiner Brust hämmert mein Herz so stark, als würde ich von einem von einem gefährlichen Raubtier gejagt werden. Dann gewinnt die Logik wieder die Kontrolle, und ich beschimpfe mich innerlich selbst: Warum bist du so unvernünftig, so dumm? Normale Leute sind nicht so, und wenn du dich mal zusammen reissen würdest, dann wärst du auch nicht so. Was stimmt denn nicht mit dir, verdammt?

Würde ich diese Dinge gerne jemand anderem erzählen? Nein. Ich weiß, dass es eine psychische Erkrankung ist, und ich habe Mitgefühl mit jeden, der darunter leidet – Für mich selbst gilt das nicht. Wenn andere Menschen davon betroffen sind, dann ist es ein schlimmes Leiden. Wenn ich es bin, die davon betroffen ist, ist es wie eine Schwäche, eine Bestätigung für mich selbst, dass ich nie gut genug sein werde. Ich hasse mich selbst dafür, ein Problem außerhalb meiner Kontrollzone zu haben. Gefiltert durch die verzerrte Linse des Selbsthasses, die dieses Monster geschaffen hat, kann ich meine eigenen Probleme nicht objektiv betrachten.

Ich komme zurecht – habe alles, was ich brauche. Es muss ja weitergehen. Ich habe eine Familie. Ich führe einen Haushalt. Ich habe einen Job. Ich weiß, dass Isolation die Dinge nicht besser macht, also schleife ich mich den schlimmen Tagen sprichwörtlich selbst an den Haaren nach draußen und tue, was ich kann, um so normal wie möglich durch den Tag zu kommen.

Willkommen in meinem Leben. Stell dir einfach vor, wie ich wäre, wenn ich nicht so krank wäre. Und dann geh ein par Meilen mit mir. In meinen Schuhen. Es lohnt sich. Vielleicht werden wir dann so etwas wie Freunde. 

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