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Ein Gastbeitrag von Sandra Hannover

„Weißt du Sandra, ich hab dich auch nicht gestillt und du hast trotzdem überlebt!“

Meine Mutter saß mir in unserer kleinen Küche gegenüber, als sie diesen Satz sagte, während ich meine kleine Tochter zum siebzehnten Mal in einer halben Stunde stillte.

Ich machte eine abwertende Handbewegung und konzentrierte mich stattdessen darauf, meine Brustwarze genau im rechten Winkel zu den Lippen des Babys auszurichten, und ich versuchte gleichzeitig zu verhindern, dass bloß kein Stirn-Schweiß in ihren gierigen, kleinen Mund tropfte. Pia war zu dem Zeitpunkt ungefähr sechs Wochen alt. Seit ihrer Geburt widmete ich jeden erdenklichen Moment dem intensiven Aufbau unserer Mutter-Kind-Bindung. Dazu gehörte das gemeinsame Schlafen im Familienbett, das Stillen nach Bedarf und natürlich trug ich sie nonstop in Tragetüchern dicht an mich gebunden durch die Welt.

In meiner Schwangerschaft habe unzählige Bücher über Attachment Parenting gelesen und die Idee dahinter fand ich einleuchtend und großartig. Ich wollte mein Baby einfach überall mit hinnehmen, es überall stillen und ein Kinderwagen kostet eh zuviel Geld. Außerdem war das Dilemma, wo das Kinderzimmer in unserer kleinen Wohnung  untergebracht werden sollte, leicht zu lösen. Scheiß auf ein Kinderzimmer! Unser Baby schläft doch sowieso bei uns!

Ich plante eine natürliche Geburt, ich entwarf einen sorgfältig ausgearbeiteten Geburtsplan, kopierte diesen und verteilte ihn an meine Hebamme und meinen Mann. Darin stand, dass ich keinerlei Schmerzmittel bekommen möchte, stattdessen soll bitte mein Lendenwirbel massiert werden. In meine Krankenhaustasche packte ich einige Aromatherapie-Fläschchen und ein paar selbst erstellte Mix-CDs. Ach ja, ein paar Gedichtbände und Lavendelsäckchen waren auch dabei. Ich war ja sowas von vorbereitet. HA!

Nichts davon konnte ich gebrauchen, denn alles kam anders, als geplant. Die Wehen fingen mitten in der Nacht an und ich veratmete diese stundenlang am Küchentisch aber als es nicht mehr ging und ich das Krankenhaus erreichte, fühlte ich mich, als würde ich von wilden Horde Hunden zerfleischt werden. Meine einstige Entschlossenheit verdampfte im Wind, und ich schrie bei sechs Zentimeter Muttermundsöffnung förmlich nach einer PDA. SOFORT! Ich feiere alle Frauen, die es schaffen, ihre Kinder OHNE Schmerzmittel und auf natürliche Weise auf die Welt bringen. Wirklich! Ihr seid alle erstaunlich. Ernsthaft. Ich bin jedoch eine Pussy.

Als die PDA endlich wirkte, waren wir alle so erleichtert und erschöpft, dass niemand wirklich bemerkt hat, dass weitere sechs Stunden vergangen waren.

Die Hebamme hatte den Arzt wohl irgendwann angerufen aber es dauerte eine ganze Weile, bis er endlich da war. Als er ankam, schwamm meine Tochter in meinem Uterus in einem Meer aus ihren eigenen Exkrementen herum, und sie atmete zu viel davon ein, als sie ihren ersten Atemzug machte. Sie wurde auf die Neugeborenenintensivstation gebracht, und an ein Beatmungsgerät angeschlossen und wir wussten bestimmt 14 Tage lang nicht, ob wir sie jemals mit nach Hause nehmen können. Unter all den winzigen Frühchen sah Pia  wie ein riesiges Monsterbaby aus und auf Grund ihrer Beatmung weinte sie quasi „lautlos.“ Ich konnte sie nicht auf den Arm nehmen, durfte nur ihre Arme und Beine streicheln und ihr etwas Liebes durch die Fenster ihres Inkubators zuflüstern. Meine Milch schoss mir drei Tage nach der Geburt mitten in der Nacht ein aber anstatt mich umzudrehen, um das süße schlafende Kind stillen zu können, schloss ich meine undichten Brüste stündlich an riesige Vakuumpumpen an, während ich in zahlreiche Boulevardzeitschriften schluchzte.

Irgendwann war Pia gesund genug und endlich konnten wir sie mit nach Hause nehmen, aber ich hatte total Angst, sie auch nur eine Sekunde lang aus den Augen zu lassen. Ich hielt sie rund um die Uhr fest an mich gedrückt und ich weigerte mich, sie in andere Hände zu geben. Das war besonders deswegen herausfordernd, weil sie die Schlafgewohnheiten einer 90-Jährigen Oma hatte. Viele Familienmitglieder versuchten mir unter die Arme zu greifen aber ich konnte nicht loslassen und ein Blick war immer aufs Baby gerichtet, so dass ich jederzeit eingreifen hätte können.

Ich habe sogar eine wasserdichte Babytrage gefunden und direkt bestellt. Wirklich wahr. Sie war zwar schrecklich unbequem, aber dennoch erlaubte mir diese Erfindung, duschen zu können, ohne mein Baby absetzen zu müssen. Ich konnte Pia also an meinen nackten Körper schnallen und duschen, während sie sich nackt an mich kuschelte. Verrückt? Ja.

Im Laufe der Zeit wuchs mir alles über den Kopf. Ich beobachtete dieses Kind 24 Stunden am Tag. Ich wurde unausstehlich. Ich verurteilte andere Mütter dafür, dass sie ihre Babys in Kinderwagen umher schoben und sie mit ‚giftiger‘ Pulvermilch fütterten. Ich konnte mir nicht vorstellen, mein Kind jemals in die Obhut eines Babysitters zu geben, nur damit ich „mal ein Nickerchen machen“ könnte. Absurd!

Als meine Mutter mal zu Besuch war und tatsächlich sagte, dass es in Ordnung sei, Pia ab und zu mal schreien zu lassen, schrie ich sie direkt an: „WENN SCHREIEN GUT FÜR DIE LUNGEN IST, DANN MUSS BLUTEN AUCH SUPER FÜR DIE ADERN SEIN, ODER WAS?“

Ich fing langsam an, ein wenig verrückt zu werden. Okay, ein wenig ist definitiv untertrieben. Ich verlor in kürzester Zeit enorm an Gewicht. Ich hatte Augensäcke bis zum Mond und ich litt unter massivem Haarausfall. Ich sah aus wie der Tod auf Latschen.

Eines Nachts, Pia war ungefähr 10 Monate alt , wachte ich auf und schob zum 12. Mal in dieser Nacht meine Brustwarze in ihren Mund und ich zischte sie giftig an. „HIER, NIMM SIE DIR. TRINK ALLES AUS. DU MACHST MICH FERTIG, PIA!“

Sie schaute mich ganz überrascht an. Ich konnte es selbst nicht glauben. Ich war von mir selbst entsetzt. Was zum Teufel passiert hier mit mir?

Dieses Erlebnis war der Wendepunkt für mich.

Ich stillte ab. Ich ließ Pia weiterhin in unserem Bett schlafen und ich glaube auch, dass ich das so lange durchziehe, bis sie den Wunsch äußert, in einem eigenen Bett schlafen zu wollen ABER die Kombination aus NICHT SCHLAFEN und STÜNDLICHEM STILLEN war einfach zu viel für mich. Der Wunsch, die Bedürfnisse meines Kindes über meine eigenen zu stellen grenzte fast an Besessenheit und ich verlor mich selbst dabei. Damit ich meiner Tochter auch eine wirklich stabile Mutter sein konnte, musste ich mich in Selbstachtung üben.

Ich musste lernen, dass eine gut ausgeruhte Mutter mit aufgeladenen Batterien eine viel bessere Mutter sein kann, als die, die sich selbst komplett vergisst. Unsere Instinkte machen es uns nicht leicht, besonders dann, wenn, wie in unserem Fall, der Start ins Leben ein eher holpriger Start war. Kein Mensch bereitet uns auf diese bedingungslose Liebe vor. Sie trifft uns in Mark und Bein.

Ich lebe immer noch eine bindungsorientierte Erziehung, ich denke, ich hab sie einfach nur total falsch ausgelebt, weil ich so voller Sorge und Ängste war. Mittlerweile weiß ich, dass man nur in BE-ZIEHUNG gehen kann, wenn das eigene Bedürfnis nach Ruhe und Schlaf auch gedeckt ist. Nun ja, jetzt bin ich schlauer.

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