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Ein Gastartikel von Andrea, Jahrgang 1980

Wisst ihr, ihr müsst diesen Artikel bitte mit Humor nehmen. Könnt ihr das? Bestimmt 🙂 Ich wurde 1986 eingeschult. Meine Kinder wurden 2013 und 2017 eingeschult. Ich habe also schon einiges erlebt und ich kann euch sagen: Es gibt gewisse Unterschiede innerhalb der verschiedenen Jahrzehnte, zum einen in der Einschulung an sich und auch was die Vorbereitungen nach den großen Ferien angeht.

Lasst uns mal eine kleine Zeitreise machen und schauen, was eine Mutter um 1980 herum so leisten musste, als die großen Ferien vorbei waren und der erste Schultag nahte…..

Schulbeginn um 1980 

1. In der letzen Ferienwoche ging man ganz entspannt einkaufen, um den ganzen Schulkram zu besorgen. Jedes Kind bekam eine neue Cordhose und ein grünes Hemd. Die Jungs bekamen eine Latzhose und die Mädchen eine normale Hose. Zack, das war’s. Es wurde insgesamt 60 DM investiert und das Geld reichte noch um Mittagessen gehen zu können.

2. Ach ja, die Brotdosen wurden genau eine Nacht vor dem ersten Schultag aus dem Schrank geholt und auf den Tisch gestellt. Außerdem legte man noch eine Plastiktüte raus, damit die Kinder die ganzen Bücher mit nach Hause schleppen konnten.

3. So und dann war Feierabend. Mutti hatte noch genug Zeit um die neuste Folge Dallas zu gucken.

4. Der erste Tag des neuen Schuljahres begann mit einer Tasse Kaffee. Die Brote für die Kinder wurden geschmiert und in die Ranzen gesteckt.

5. Es gab Wurststullen und Käsestullen. Fertig. Jedes Kind bekam genau das gleiche Schulbrot eingepackt. Fertig.

6. Alternative Schulbrot-Varianten waren: Stulle mit Käse UND Wurst. Eine Scheibe Schwarzbrot unten und eine Scheibe Graubrot oben (WILDE VARIATION!!!) und manchmal ein Nutellatoast.

7. Ein Trinkpäckchen mit Orangensaft (Sunkist) kam noch dazu.

8. Schließlich kam noch ein Apfel mit on top, der allerdings im Schulranzen verrottete.

11. Ab zur Schule. Mutti blieb im Auto sitzen, warf den Kindern noch ein Küsschen zu und trat mit lauter Michael Jackson Musik im Autoradio den Rückweg an.

DAS WAR ES.

Schulbeginn 2018 

1. Die gestresste Mutter muss mehrfach tief ein und ausatmen. Es sind nur noch ein paar Wochen, bis die Schule wieder los geht. „Jetzt ganz ruhig bleiben“, sagt sie sich immer wieder, sie hat noch genug Zeit um die BPA-freien Bento-Boxen und die authentischen indischen Tiffins aus dervSpezial-Edelstahl-Kollektion zu bestellen, die natürlich ohne Kinderarbeit, Dumpinglöhne oder Tierquälerei auskommen. Sie ist glücklich, dass sie AMAZON PRIME Kundin ist. Puhhhhhh. Sie kann immer noch den kostenlosen 24-Std Eilversand wählen und bis dahin wichtige Entscheidung treffen und Rezensionen über die Bento-Boxen lesen. Gott sei Dank sind die Kinder gerade in einem zweiwöchigen Hartha-Yoga Kurs und stören die Mutti nicht. Ihr fällt ein, dass sie ja noch ein selbstkreiertes Glitzerwolkenteigrezept umsetzen wollte. SCHRECK! Sie braucht noch unbedingt naturbelassenen Sojaquark UND Mandelmilch! Es artet unwillkürlich in Stress aus aber ein organic Glitzerwolkenkuchen OHNE Sojaquark und Mandelmilch geht nun mal gar nicht. Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, bei den Bento-Boxen……

2. Eine Woche später: Die Bento-Boxen und Tiffins sind da. Das gilt auch für die jährliche Liste der Schulmaterialien, die sie ebenfalls noch kaufen muss. Die diesjährige Liste ist dreieinhalb Seiten lang.

3. Die hektische Online-Suche nach Rucksäcken und Schultaschen aus natürlichen Materialien (Hanf, Bast, Bio-Baumwolle) beginnt. Der Coolness-Faktor darf dabei nicht fehlen und außerdem müssen sie alle noch mit den Namen der Kinder bestickt werden.

4. Neue Klamotten müssen her! Auf ins Einkaufszentrum! Die Kinder bekommen jeweils eine neue Garderobe. Es werden 1198 Euro von der Kreditkarte abgebucht.

5. Ein letzter Termin beim Kinderpsychologen steht an, um die Kinder mental auf den schwierigen Übergang in eine neue Klasse, auf einen neuen Lehrer und auf ein neues Klassenzimmer vorzubereiten.

6. Jetzt muss die Allergie-Liste, welche die Schule geschickt hat genauestens studiert werden, damit nicht fälschlicherweise etwas in den Bento-Boxen landen könnte, worauf Lennox-Heidrich-Maria allergisch reagiert! Gott bewahre! Dieses Aufgabe ist extrem stressig, weil das letzte, was sie sich wünscht, ein Zweitklässler ist, den sie direkt in einen anaphylaktischen Schock katapultiert hat. Die Mutter von heute macht sich also Notizen im Handy, damit sie sich merken kann, was man im Reformhaus kaufen darf und was eben nicht.

7. Die Liste der Unterrichtsmaterialien, für die sie ebenfalls verantwortlich ist, ist ebenso lang. Es wird jede Menge Papier, Stifte, Ordner, Notizbücher, ein Kalligraphie-Set, fünfzehn neue Apps, ein Skalpell, ein Elektronenmikroskop und eine Zentrifuge benötigt.

8. Ok, doch lieber zuerst ins Reformhaus gehen um die Zutaten für die Bento-Boxen einzukaufen. Dieses Unterfangen dauert 4 Stunden und 15 Minuten, weil sie natürlich jedes einzelne Etikett lesen muss, um sicherzustellen, dass sie organische, regionale, nicht gentechnisch veränderte, glutenfreie und allergiefreundliche Produkte kauft. So kommt sie irgendwann endlich mit Tahini, Bananen und einem Paket braunen Reiskuchen nach Hause. Es wurden weitere 90 Euro ausgegeben.

9. Am Abend vor dem ersten Schultag bereitet sie die Bento-Boxen vor. Sie füllt die kleinen Behälter mit Bio-Erdbeeren, die aufwendig in die Form von Meerestieren geschnitzt worden sind. Dazu kommt hausgemachtes, nussfreies Müsli aus zertifiziertem glutenfreiem Hafer aus der Region. Nun ist das Sandwich aus veganem Hanfbrot mit Tahini, Grünkohl und Yambohne dran. Die Brote werden noch schnell in die Lieblings-Disney-Figuren der Kinder gestanzt. Hinzu kommen noch ein paar Schnitzereien aus Käsescheiben ohne Kuhmilch, Oliven und Seetang. Dann werden die fertigen Bento-Boxen noch schnell fotografiert und auf Instagram gepostet.

10. Nun noch schnell eine ermutigende Notiz, die ein inspirierendes Zitat enthält mit in die Box und taddaaaaaaaa……..Halt, da fehlt noch was…….

11. Ein Blatt mit ungiftigen Glitzer-Stickern muss noch mit in den Schulranzen…..

12. Jetzt wird das mit Kohle gefilterte Wasser in die recycelte Aluminiumflasche gefüllt und ein Päckchen gekühltes Kokosnusswasser kommt auch noch hinzu, schließlich können Kinder können nie zu viel trinken. Niemals.

13. Dieser emotionale Vorgang muss dringend noch im eigenen Blog veröffentlicht werden. Hoffentlich geht er viral.

14. Der erste Schultag ist endlich da: Mutti steht um 4 Uhr auf. Als erstes werden Kreidekreise auf die Stufen vor dem Haus gemalt, damit jedes Kind auch weiß, wo es stehen muss, wenn Mama Fotos macht. Jetzt werden die eigens bedruckten Fahnen an die Haustür gehängt. Luftballons schmücken den Eingang. Konfetti aus altem recycelten Klopapier liegt bereit. Es kann losgehen……

15. Als nächstes werden Pfannkuchen in Form der Buchstaben des Alphabets zubereitet.

16. Dann zieht sie den Kinder farblich abgestimmte Outfits an und verbringt weitere 45 Minuten damit, die Kinder zu positionieren und zu fotografieren (mit dem Handy).

17. Danach werden alle Kinder ins Auto geladen, um sie zur Schule zu fahren.

18. Wenn sie sicher in ihren neuen Klassenzimmern angekommen sind, kehrt sie zu Ihrem Auto zurück und weint ganze 20 Minuten bitterlich. Aber das ist okay, wirklich. Sie wird bereits in sechs Stunden schon wieder zurück sein, um die Kinder wieder abzuholen und sie am Nachmittag zum Synchronschwimmen, Cello und Urdu-Unterricht zu fahren.

1 Kommentar

  1. Unser Ältester wird nächstes Jahr eingeschult. Ich stehe voll auf Retro. Und er hoffentlich auf Cordhosen. Sonst muss ich einen Weg finden, dass wir um das Thema „Schule“ drumrum kommen!!!

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