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Von Leserin Julia H.

Na, hast du neulich auch den kleinen Jungen bei dir im Supermarkt gesehen, der ein großes Poster auf dem Rücken kleben hatte, auf dem stand: „Ich war ungezogen und frech“? Nicht? Na, dann hast du aber bestimmt das Video auf Facebook gesehen, wo der kleine Junge von seinem Vater bestraft wurde, weil er etwas gemacht hat, was dem Papa nicht gefallen hat. Du weißt schon, das Video, was eigentlich JEDER gesehen hat. Ist dir auch nicht aufgefallen? Tja, da kannst du mal sehen, wie sehr wir uns schon daran gewöhnt haben……

Seit wann hat sich das alles so geändert?

Es ist mir egal, dass die kleine Pia dich zum x-ten Mal gebissen hat, sie nun in ihrem Zimmer bleiben muss und schluchzt, während du einfach ein Foto von ihr machst. Schön für dich, dass du dein Kind gerade „erzogen“ hast, aber ich kann mir das nicht öffentlich ansehen, denn das Video Streits hast du eben auf Facebook hochgeladen.

Der kleine Lion ist in der Trotzphase und nervt dich gewaltig? Ich kann dich verstehen aber dennoch möchte ich KEIN Foto von ihm sehen, wie er verrotzt und verheult auf dem Kinderzimmerboden liegt und du nichts besseres zu tun hast, als eine Bildunterschrift mit den Aussage „Ich kann nicht mehr!“ zu posten.

Nein. Bitte. Du tust mir nämlich GAR NICHT LEID. Deine Kinder tun mir leid, und dein Verhalten hinterlässt ein sehr unangenehmes Gefühl in meinem Bauch.

Das muss aufhören. Nein, nicht meinetwegen, auch nicht der Eltern wegen, die glauben, dass Kinder OHNE Regeln und Grenzen aufwachsen müssen, NEIN, es muss aufhören, weil es eine Frechheit deines Kindes gegenüber ist, verdammt! Es gibt keinen Grund, der es rechtfertigt, die Rechte deines Kindes so mit Füßen zu treten.

„Du machst das toll.“

„Manchmal muss man eben durchgreifen“

„Wir brauchen mehr Mamas wie dich.“

Erwartest du dir derartige Solidarität?

Auch hier muss ich dich enttäuschen, ich werde dich nicht unterstützen, während du dein Kind öffentlich bloß stellst. Das ist mir zu scheinheilig. Du hast dein Kind soeben offiziell für alle Zeiten dem Internet zur Verfügung gestellt und das in einer Situation, in der es dich als Mutter gebraucht hätte.

Wie sollen wir unseren Kindern bitte vermitteln, dass es sich vertrauensvoll an uns wenden kann, wenn wir im nächsten Augenblick ihre Integrität öffentlich ausschlachten?

Die öffentliche Bestrafung über Social Media schadet Kindern und behindert den Bindungsaufbau zwischen Kindern und ihren Eltern erheblich. Ganz zu schweigen davon, dass es sich um einen vollständigen Machtmissbrauch handelt. Für das Kind, das später sieht, dass es nicht nur von seiner Mutter, sondern auch von fremden Personen verurteilt wurde, ist das schlichtweg Folter. Sie besitzen keine Möglichkeit, das Ganze ungeschehen zu machen und es wurde von jemandem verursacht, der sie eigentlich schützen sollte.

Es ist widerwärtig, dass Mütter und Väter ihre Kinder so vorführen. Stellt euch mal vor, das würde jemand mit euch machen, nachdem ihr einen Fehler gemacht habt?! Eine kleine Live Übertragung auf Facebook, nachdem du dich mit deinem Chef gezofft hast gefällig? Richtig, die Folgen eines Streits im Job werden in der Regel vertraulich behandelt und das ist auch genau richtig so.

Kinder öffentlich zu demütigen ist nichts anderes als emotionaler Missbrauch, und die Auswirkungen können für das Kind verheerend sein (z.B. Angst, Depression, Schuldzuweisungen ,chronische Schmerzen, Schlaflosigkeit Etc.)

Manchmal sind Kinder einfach nur Kinder und reagieren entsprechend eben wie Kinder und nicht wie Erwachsene. Ob du es glaubst oder nicht aber auch Kinder haben mal wirklich schreckliche Tage. Und unabhängig davon, ob es nun einfach ein ätzender Tag war oder nicht, so ist es doch sehr unfair, diesen ätzenden Tag auch noch öffentlich breit zu treten.

Wir befinden uns im Jahr 2019 und unsere technologischen Fortschritte sind beeindruckend. All das, was online besprochen, geteilt, veröffentlicht oder aufgezeichnet wird, bleibt online. Facebook gibt es seit über 15 Jahren, und teilweise können wir immer noch auf unsere mehr als zehn Jahre alten Beiträge und Fotos zugreifen. Nicht nur das, es gibt sogar spezielle Erinnerungen, die uns auf Erlebnisse von vor acht Jahren hinweisen. Täglich.

Wisst ihr was? Auch unsere Kinder werden wahrscheinlich irgendwann ein Facebookprofil haben. Wenn dir der Grund nicht ausreicht, dass du mit der öffentlichen Demütigung deines Kindes gerade seine Gegenwart zerstörst, so reicht es dir vielleicht vielleicht aus, dass du seine Zukunft damit beeinträchtigst. Gib deinem Kind bitte die Gelegenheit, sich selber ein Bild von sich zu erschaffen.

Es ist Verrat. Es ist peinlich. Und es ist ein fieser Schlag mitten ins Gesicht.

Dein Kind kann sich selber nicht wehren. Dein Kind hat keine Möglichkeit, sich zu äußern. Ihr stülpt den Kindern einfach eine Meinung über, zu der es selbst noch keine Meinung haben kann und das ist sehr unfair.

Wir haben keine Ahnung, wer diese Beiträge jemals sehen wird. Ein zukünftiger Chef, die Eltern eines potentiellen Freundes oder einer potentiellen Freundin, ein Lehrer etc. In einer Welt, in der so viel Schlimmes passiert, ist es unsere Aufgabe als Eltern, unsere Kinder zu schützen, auch und besonders bei Fehlverhalten. Es ist unsere Aufgabe, ihnen beizubringen, wie man aus Fehlern lernen kann, und das ohne großes, öffentliches Publikum.

Erwachsene machen Fehler und Kinder machen ebenso Fehler. Sie müssen erst noch lernen, wie man sich richtig verhält und wir müssen es ihnen vorleben.

Um es mal ganz deutlich zu sagen: Wenn du deinen Kindern diese Art der Höflichkeit nicht erweisen kannst, erwarte auch bitte nicht, dass ich deine Hand halte und deinen gestörten Kopf streichle, während du dein Kind öffentlich online bestrafst.

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