Ein Gastartikel Silke aus Mannheim

Jeder Mensch hat Muskeln, das ist ein Fakt. Es gibt Bodybuilder die haben nur etwas mehr davon. So ungefähr kann man das Leben mit einem eigenwilligen Kind beschreiben.Es handelt sich um ganz normale Kinder mit einer extra Portion an Hartnäckigkeit. Sie verstehen den Satz „Lass es doch bitte“ nicht, und sie nehmen in der Regel keine deiner unsinnigen Vorschläge, etwas zu unterlassen, ernst.

Und wie eine ganz „normale“ Person, die versucht, mit einem Bodybuilder in einem Gewichthebenwettbewerb Schritt zu halten, ist es anstrengend die Mama von eigenwilligen  Kindern zu sein. Vor allem, wenn du verzweifelt versuchst, dein Kind dazu zu bringen, bei Minusgraden doch bitte eine dicke Jacke anzuziehen oder einfach mal neben dir zu laufen, wenn ihr unterwegs seid.

Eigenwillige Kinder sind häufig Grenzgänger, sie geben sich nie damit zufrieden, den Status Quo zu akzeptieren, sie hinterfragen ihn stattdessen ständig. Sie fragen immer noch nach dem: „Warum?“, wenn andere längst „Na gut“ gesagt haben. Sie nehmen kein einziges gesagtes Wort für bare Münze, sie ziehen es vor, alles selbst auszutesten, auch wenn das bedeutet, etwas auf die harte Tour lernen zu müssen.

Es ist zweifellos anstrengend und chaotisch, allerdings auch sehr bewundernswert- sie haben keine Angst, ein Risiko einzugehen, und sie lernen durch eigene Erfahrung, anstatt sich auf andere zu verlassen.

Ihre Energie beginnt morgens, indem sie ihre Augen öffnen, und sie endet abends, indem man sie nahezu ins Bett zwingen muss, obwohl sie ja noch gar“nicht müde“ sind. Schlaf wird überbewertet, denn diese temperamentvollen Kinder wollen ihre Welt am liebsten non stop erkunden. Es ist eine bewundernswerte Eigenschaft, nur als Mama ist es verdammt anstrengend, denn man ist ja für die Gesundheit der kleinen Energiebolzen verantwortlich.

Einsichtigkeit gehört nicht zu ihren Stärken, aber nicht, weil sie absichtlich versuchen, uns an den Rand der Verzweiflung zu bringen; nein, sie willigen dann ein, wenn ihre Sichtweise mit unseren Wünschen zufällig übereinstimmt. Wenn sie denn Sinn darin nicht sehen, das zu tun, worum wir sie bitten, oder wenn es sich für sie falsch anfühlt, dann tun sie es einfach nicht. In manchen Fällen ist es notwendig, sie vom Gegenteil zu überzeugen, z.B.: „Warte an der Ampel auf mich!“ oder „Schau bitte in beide Richtungen, bevor du die Straße überquerst“. Manchmal müssen Kinder einfach das tun, was wir von ihnen verlangen, ob sie wollen oder nicht.

Aber für die unwichtigeren Dinge müssen wir uns fragen, ob es den Kampf wirklich wert ist. Es ist ein ständiger Kampf, ein selbstbewusstes Kind dazu zu bringen, Dinge von uns anzunehmen, nur um des Gehorsams willen – schlimmer noch: Wenn es uns tatsächlich gelingt, ihren eisernen Willen zu brechen und die strenge Oberhand zu gewinnen, dann senden wir die Botschaft aus, dass Gehorsam wichtiger ist, als das zu tun, was sie für richtig halten. Ein Kind, das ohne Fragen folgt, ist so darauf konzentriert, das zu tun, was von ihnen verlangt wird, dass es vielleicht nicht einmal bemerkt, ob die gewünschte Handlung nicht zu ihrem besten ist.

Ihr müsst das Ganze so sehen: Die Entschlossenheit, ihren eigenen Weg gehen zu wollen, ist jetzt vielleicht frustrierend, aber es wird sich auszahlen, wenn diese Kinder in der Schule z.B. nicht dem Gruppenzwang erliegen.

So schwierig es auch sein mag, ein eigenwilliges Kind großzuziehen, es muss noch viel schwieriger sein, selber eines zu sein. Diese Kinder sind wie quadratische Stifte, die jeder immer versucht, in runde Löcher zu stopfen. Ihre Gefühle sind vielschichtig und intensiv. Fälschlicherweise werden sie oft als „Problemkinder“ oder als „nicht kooperativ“ bezeichnet, dabei wünschen sie sich nichts anderes als Autonomie- Sie wünschen sich nur ihrem eigenen Takt marschieren zu können.

Sicher, es gibt Regeln, die jeder befolgen muss, aber das sind Kinder, die praktisch aus dem Mutterleib herausgekommen sind um ihr eigenes Ding zu machen, so dass es für ihr Glück  entscheidend ist, ihnen eine gewisse Unabhängigkeit zu ermöglichen. Lass sie ihr eigenes Schulbrot schmieren, auch wenn es nicht das ist, was du gerne essen würdest. Lass Sie selbst entscheiden, was sie anziehen wollen, denn es ist ihnen egal, was andere Kinder dazu sagen. Wenn andere Leute komisch gucken, dann lass sie ruhig. Wenn diese Leute dein Kind für ein paar Tage bei sich hätten, dann würden sie schnell erkennen, dass es sich nicht lohnt gegen alles anzukämpfen.

Ja, so ein Leben mit einem eigenwilligen Kind kann durchaus anstrengend sein. Das Wort ERZIEHUNG passt in dem Zusammenhang auch gar nicht. Man geht in BEZIEHUNG mit dem Wildfang. Meinungen, um die du nie gebeten hast, kommen wir Fliegen auf einem Stück Kuchen auf dich zu geflogen. „Hast du mal versucht, Gluten und rote Lebensmittelfarbstoffe wegzulassen?“  „Vielleicht ist zu viel fernsehen für all diese übermäßige Energie verantwortlich.“ „Du musst nur einen guten Chiropraktiker/Akupunkteur/Heiler finden!“ „Aderlass könnte helfen!“

Alle diese Kommentare solltest du in aller Ruhe ignorieren. Es wird eine lange Fahrt, aber da ist ein Licht am Ende des Tunnels. Denn die gleichen Qualitäten, die deinen Kopf jetzt manchmal explodieren lassen, dienen deinem eigenwilligen Kind auch später als Erwachsener. Du erziehst die Pioniere von Morgen: Ihre innere Motivation, das Feuer in ihnen, wird uns eines Tages sehr dienlich sein.

Du wurdest nicht mit einem schwer zu handelnden Kind verflucht, du wurdest beauftragt, etwas Wunderbares begleiten zu dürfen. Diese Kinder werden zu Erwachsenen heranreifen, deren Eigenschaften uns alle begeistern werden. Sie werden die Art von Menschen werden, die Verantwortung übernehmen und die Welt verändern werden.

Solange du die nächsten 10 bis 20 Jahre denn überleben wirst 🙂

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