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Ein Gastbeitrag von Hannah aus Köln.

Hey, liebe Freundin.

Ja, genau du. Ich sehe dich dort im totalen Chaos deines Autos sitzen, was einst mal dein eigenes Auto war und ich sehe dich wie du über dem Einkaufswagenlenker lehnst, während du darüber nachdenkst, wie zum Teufel die Datenmenge deines Handys bereits am zweiten Tag des Monats verbraucht ist.  Schon wieder.

Sei gegrüßt, Mit-Elternteil eines Teenagers.

OK, nicht weinen. Sicher, es ist anfangs eine Herausforderung. Es fühlt sich an, als hättest du sie gerade letzte Woche noch liebevoll in ihren 5-Punkt-Gurt geschnallt und ihre winzigen, perfekten Zehen bestaunt. Jetzt bellst du sie plötzlich zum zwanzigsten Mal an, sie sollen ihre verdammten Sicherheitsgurte anlegen, und du staunst über die kurzen, sehr unvollkommenen Shorts deiner Tochter.

Glaub mir, es wird besser. Ich verspreche es.

Schau, ich war auch mal in deiner Situation: Ich war wie wie betrunken von der Erkenntnis, dass ich eines Nachts als die geliebte „Mama“ eines Kindes ins Bett gegangen bin und schon am nächsten Morgen als eine mit Seepocken verkrustete Plage, bekannt als „Mama“, geweckt wurde! Das war ungefähr zu der Zeit, als ein gutherziger Fremder mich mit der Gabe der Erleuchtung beschenkte – das gleiche Geschenk, das ich dir jetzt mache.

In deinem Kampf, ein engagierter und liebevoller Elternteil eines frischgebackenen Teenagers zu sein, hast du eine kritische Tatsache übersehen (genau wie ich damals): Dein Teenager spricht jetzt eine andere Sprache.

Das erklärt eine Menge, nicht wahr?

Was sich für dich vielleicht als respektloses oder gedankenloses Gerede anhört sind eigentlich aufrichtige Versuche des Teenagers, mit dir – dem hingebungsvollen Elternteil – in dieser neuen und unbekannten Sprache zu kommunizieren. Das kann man gut an hilflosen Touristen, die sich bemühen, einen Koch in seiner Muttersprache zu beglückwünschen, ihm aber stattdessen mitteilen, dass seine Tochter Genitalwarzen hat, verdeutlichen: So ungefähr ist das. Genauso ringen deine Teenager nun mit ihren neu erworbenen Kommunikationsbarrieren, von denen einige so anstrengend sind, dass der Austausch mit den Eltern auf einsilbiges Grunzen reduziert wird.

Ich sehe dich nicken. Du kennst diese Grunzer, nicht wahr? Du hast genau den hohläugigen Blick eines Elternteils, der das Verhalten seines angebeteten Kindes beobachtet hat, von Caillou bis hin zum Ausfallen des W-Lan Netzes und des damit verbundenen Zusammenbruchs. Ist es nicht eine Erleichterung für dich zu wissen, dass deine Kinder unfreiwillige Passagiere in diesem verrückten Entwicklungszug sind und nicht anders können, als SO mit dir zu reden?

Warte – warum ziehst du dich zurück? Oh, ich verstehe. Du glaubst mir nicht. Ich verstehe.

Erlaube mir, dir zu zeigen, was ich meine, indem ich einige gebräuchliche Phrasen decodiere, denen du in deinem Haushalt neuerdings wahrscheinlich begegnest. Sobald du den Dreh raus hast, wirst du bald mühelos die Kommunikationsversuche deiner eigenen Teenager in das übersetzen können, was sie tatsächlich sagen würden – wenn sie es nur könnten.

Teenager: „Sag mir bitte, dass du das nicht anziehst, MAMA!“

Übersetzung: „Mama, dieses Ensemble steigert nicht nur meine Wertschätzung für dich als Mode-Ikone, es bringt mich auch dazu, die Mütter meiner Freunde kritischer zu betrachten, von denen keiner bis jetzt pinke Gartenclogs besitzt.“

Teenager: „Warum habe ich NIE saubere Unterwäsche/Jeans/Kleider/Leggings?!?“

Übersetzung: „Ich danke dir nicht oft genug für alles, was du tust, Mami. Aber ich mache mir Sorgen. Ich spüre, dass du dich momentan etwas überfordert fühlst. Bitte genieße  diesen Schokokeks und den Becher Kaffee und sage mir im Detail, wie ich dir helfen kann.“

Teenager: „Raus aus meinem Zimmer!“

Übersetzung: „Ich bin so dankbar, dass du mir ein sauberes und klimatisiertes Heiligtum zur Verfügung gestellt hast, welches ich mein eigen nennen darf. Wenn es dir nichts ausmacht, ziehe ich mich jetzt dorthin zurück, um etwas Einsamkeit und Ruhe genießen zu können“

Teenager: „Meine Freunde sagen immer, dass du seltsam bist.“

Übersetzung: „Ich glaube nicht, dass ich deinen starken Sinn für Individualität und dein furchtloses Engagement für deine persönliche Marke wirklich jemals aufrichtig geschätzt habe, bis heute beim Mittagessen, als einige der anderen aus der 11.ten Klasse mich darauf aufmerksam gemacht haben. Habe ich dir heute schon gesagt, wie stolz ich darauf bin, dein Kind sein zu dürfen?“

Teenager: „Du lässt mich NIE mit deinem Auto fahren!“

Übersetzung: „Lass mich dir zunächst sagen, wie sehr ich dein Vertrauen schätze, dass du mir erlaubst, dieses fast bezahlte Fahrzeug und deine einzige Transportmöglichkeit gelegentlich nutzen zu dürfen, besonders angesichts des Vorfalls mit dem Streifenpolizisten in der letzten Woche. Wenn du mir nun noch einmal die Gelegenheit geben würdest, meine Fahrkünste unter deiner ruhigen und stets konstruktiven Leitung zu verfeinern, würde ich mich freuen, im Gegenzug dazu putze auch ich die Küche!“

Teenager: „Menno, du bist so gemein!“

Übersetzung: „Ich möchte nur, dass du weißt, dass ich dein Rückgrat und deinen Fleiß respektiere, wenn ich dich auf Dinge hinweise, die mir vielleicht nicht bewusst sind und die ich ggf. anders beurteilen werde, wenn ich ins Erwachsenenalter komme. Aus diesem Grund danke ich dir für dein offenes und kluges Feedback zum spontanen Vagina-Piercing meiner Freundin Nadine.“

Ich sehe, dass du nicht mehr an den Knöpfen deiner Strickjacke rumfummelst. Ich deute das jetzt als Zeichen dafür, dass du unser Gespräch als konstruktiv und beruhigend empfunden hast. Ich bin froh, das zu hören, denn es ist auch für mich sehr hilfreich, die Bewältigungsstrategien mit anderen Eltern teilen zu können.

Eigentlich kommen meine Kinder erst um 16:00 Uhr von der Schule nach Hause, also könnten wir vielleicht einen Kaffee trinken.

Nun, es war nett mit dir zu reden und vielleicht sehen wir uns mal wieder. Auf Wiedersehen und viel Glück, Mit-Elternteil eines Teenagers!

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