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Ein Gastartikel von Shirin aus Düsseldorf.

Heute Morgen erhielt ich einen Anruf von meiner jüngsten Schwester, sie fragte mich, welche Tipps sie an einen Kollegen weitergeben könne, dessen Kind dieses Wochenende tot geboren wurde. Unsere Erstgeborene, Mia, wurde vor sieben Monaten geboren und lebte insgesamt nur 29,5 Stunden.

Nachdem ich mit meinem Mann und anderen Eltern, deren Babys viel zu früh gestorben waren, gesprochen hatte, kam ich auf Idee, die Dinge, die uns in unserer Situation weitergeholfen haben, an andere weiterzugeben.

„Sag mir, wie ich dir helfen kann.“ Ich weiß, dass du es gut meinst, aber Menschen die so am Ende sind, wissen nicht von alleine, was sie gerade brauchen. Die beste Art, wie mir eine Freundin geholfen hat, war, als sie sagte: „Weißt du schon, was du heute Abend essen wirst?“ „Nein.“ „Okay, ich komme um 18 Uhr mit dem Abendessen vorbei.“ Wir mussten etwas essen, aber darüber nachzudenken, war nahezu unmöglich für mich. Wenn du einkaufen gehst, frag die betroffene Frau: „Soll ich dir Eier, Milch, Toilettenpapier usw. mitbringen, wenn ich einkaufen gehe?“ Frag lieber nicht, was genau du mitbringen sollst, die trauernde Mama wird dir das nicht sagen können. Aber wenn ihr konkrete Dinge aufgezählt werden, dann kann sie zustimmen. 

Wenn du etwas Greifbares und Notwendiges tun willst, dann koche für die betroffene Familie, am besten frierst du Eintöpfe und Suppe ein, damit sie damit etwas länger auskommen können. Kurz nach Mias Tod war das Thema Essen das Letzte, an das wir gedacht haben. Die Trauer hat einfach zu viel Energie gefressen. Freunde von der Arbeit und Nachbarn entwarfen einen Essensplan für uns und brachten uns einen Monat lang Essen. Das waren unsere Lebensretter. Wenn wir etwas aufwärmen mussten, fügten sie uns Post-Its über scheinbar selbstverständliche Dinge hinzu. Darauf stand dann: Bolognese Soße, bitte einen Topf Nudeln dazu machen. Am Ende habe ich dann doch einen Topf mit der Plastikfolie in die Mikrowelle gestellt, weil mein Gehirn noch nicht richtig funktionierte. So markierten sie das Essen irgendwann sogar, „Vor dem Kochen entfernen“ stand dann auf dem Post It, nur für den Fall.

Freunde müssen besonders um den Todestag herum präsent sein, denn das ist eine besonders schlimme Zeit für die Eltern. Mia wurde am 9. geboren und jeder 9. des Monats ist brutal. Ich kann nicht anders und rechne in Gedanken immer mit „Sie würde heute fünf Monate alt werden. Was würde sie zum Lachen bringen? Wie viele Windeln hätte ich heute schon gewechselt? Wie würde sie jetzt wohl aussehen?

Eine meiner guten Freunde vom Studium schickt uns jeden Monat am 9. einen Blumenstrauß. Immer noch. Ich freue mich über diesen Blumenstrauß und nehme ihn regelmässig mit ins Büro. Die ersten paar Monate brachten uns verschiedene Freunde am 9. Blumen vorbei. Wenn du dich nicht an den Tag erinnern kannst, speichere es dir als Erinnerung in dein Handy ein, nur um den Eltern zu sagen, dass du an sie denkst. 

Wenn die Mutter ohne ihr Baby aus dem Krankenhaus kommt, so kannst du das Haus oder die Wohnung für sie gemütlich herrichten. Frag den Ehemann nach dem Schlüssel und sorge dafür, dass etwas zu essen fertig ist. Während du dort bist, verteile ein paar Blumen in verschiedenen Räumen. Blumen helfen. Ein gemütliches, aufgewärmtes Haus hilft ebenso. Grundnahrungsmittel im Kühlschrank helfen. Ein kleines Paket mit einer Wochenbett-Unterhose, Binden, Wein, bequemen Hosen, einem lustigen Film, Schokolade und einer Notiz erinnern sie daran, dass sie immer noch eine Mama ist und bleibt, auch wenn das Baby nicht mit ich Hause gekommen ist.

Vergiss den Papa nicht. Wenn mann und der betroffene Papa Freunde sind, ermutige deinen Mann dazu, mit dem trauernden Mann ein Bier trinken zu gehen. Ein Mann trauert oft sehr anders als eine Frau, aber auch sein Herz ist gebrochen. Manchmal muss er mit anderen Leuten darüber reden können, was passiert ist.

Wenn du nicht weißt, was du sagen sollst, dann sag „Es tut mir so unendlich leid.“ Verzichte auf Plattitüden, nur um mehr Worte zu benutzen. „Alles geschieht aus einem Grund“ oder „Gott brauchte einen Engel“ sind keine Sätze, die gut tun, ganz im Gegenteil. Ich weiß, dass du es gut meinst, aber sag einfach: „Es tut mir leid. Ich bin hier, um dir zuzuhören, wann immer du mich brauchst!“

Niemals darfst du etwas ungefragt aus dem Kinderzimmer entfernen. Viele Menschen möchten den Eltern dadurch etwas Gutes tun, indem sie Dinge verschwinden lassen. Für die Eltern ist das Verschwinden von z.B. Kleidung kaum zu ertragen. Jede Mutter hat da ihr eigenes Tempo. Ich habe einen Freund mit einer ähnlichen Geschichte, der sogar die Wickelkommode heute noch so stehen hat. 

Es ist in Ordnung, der betroffenen Frau Fragen zum Baby, der Geburt und dem, was passiert ist, zu stellen. Es gibt keinen Grund die Geschichte auszublenden. Wenn es ihr zuviel wird oder sie dadurch zu traurig wird, wird sie es dir schon sagen. Es ist wichtig, dass du über alles Bescheid weißt, damit ihr euch normal über alles unterhalten könnt.

Wenn du selber schwanger bist, dann sag der Mama das. Wir sind eben in einem Alter, in dem alle Kinder bekommen. Das Leben geht weiter und die Frau weiß auch, dass gute Freunde eben Kinder bekommen werden. Aber wenn ihr wirklich gute Freunde seid, dann erzähl ihr persönlich von deiner Schwangerschaft, lasse es sie nicht über eine Facebook-Ankündigung herausfinden.

Wenn du dann schwanger bist und dein Baby gesund und munter auf die Welt kommt, dann kann es passieren, dass die trauende Mutter dich auf Facebook als Freundin entfernen wird, bis der Schmerz, einen runden Bauch oder Babyfotos anschauen zu können, ihr nicht mehr den Atem raubt. Die Freundschaft wird wahrscheinlich intakt bleiben und sich vielleicht sogar intensivieren, wenn du akzeptierst, dass neue Schwangerschaften und froschgebackene Babys eben schwierig für sie sind. 

Wenn du es aushältst mit ihr durch den Schmerz zu gehen, dann sei für sie da. Bedingungslos. Eine faire Warnung habe ich für alle: Trauern ist unglaublich chaotisch und auch dein Herz wird dabei mitleiden. Wenn du ein Kind verlierst, verändert die Trauer buchstäblich dein Gehirn. Mein Gedächtnis ist viel weniger zuverlässig als früher und ich bin eine andere Person als vorher. Manchmal möchte ich mich tagelang unter meiner Decke verkriechen und mich am liebsten vor der Welt verstecken. Manchmal wünsche ich mir allerdings Nähe, aneinander kuscheln und gemeinsam schweigen. 

Lass die betroffene Mama wissen, dass du von ihrem Verlust weißt, auch wenn ihr nur Bekannte seid. Wenn die Person über ihren Verlust reden will, dann wird sie es tun. Wenn nicht, dann lenkt sie die Konversation auf ein anderes Thema. Aber es ist leichter für sie, wenn du ihr zu Verstehen gibst, dass du Bescheid weißt. 

Sprich den Namen des Kindes aus. Ich z.B. liebe es, Mias Namen zu hören. Ja, ich könnte dann immer sofort losheulen. Das ist ganz natürlich aber ihren Namen zu hören, erfüllt mich dennoch immer mit Freude. Sie ist mein Kind. Sie machte mich zur Mama. 

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