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Von Janina aus Bauzen

Du kannst fühlen, wie es sich anschleicht, das Kribbeln beginnt in deinen Füßen. Jemand lässt achtlos seine Schuhe im Flur stehen und du stolperst fast über sie, während du einen Wäschekorb zur Waschmaschine schleppst. Ein Anderer vergisst mal wieder die Toilette abzuziehen. Dieses Gefühl befindet jetzt bereits in deinen Knien. Du fängst an zu brodeln. Eine Rechnung, die du vergessen hast zu bezahlen, bekommt eine Mahngebühr aufgedrückt. Hausaufgaben wurden auf dem Tresen liegen gelassen, daneben liegt eine halb verschüttete Cornflakes- Schale. Deine Lippen sind geschürzt. Einatmen, du sagst es dir selbst. TIEF einatmen.

Dann, später am Abend, kochst du das Abendessen, schon wütend, weil du weißt, dass sie sich darüber beschweren werden, was du gekocht hast, und als Krönung trifft dich noch ein Gummipfeil in den Rücken. Du explodierst. Du wirfst deinen Kochlöffel in die Spüle, reißt die Spielzeugkanone aus den Händen deines Sohnes und fühlst, wie heiße Flammen in deinen Augen flackern.

Dann siehst du seine hängenden Schultern. Er schlurft davon und fragt sich, warum Mama so oft keinen Spaß verstehen kann.

Ich erinnere mich an meine Kindheit und daran, wie ich meine Mutter vor Wut explodieren sah. Sie schnaufte und stöhnte frustriert, denn es war irgendwie nie alles erledigt – sie hatte nie Feierabend. Und dann, explodierte sie. Wegen eines Haufens schmutziger Wäsche. Oder etwas, was wir nicht essen wollten. „Was ist denn ihr Problem?, fragte ich mich. Ich verstand nicht, warum es ihr so ​​wichtig war, ob die Betten gemacht wurden, bevor wir das Haus verließen oder die Küche sauber war. Aber, heilige Scheiße, heute verstehe ich es.

Hast du dich jemals gefragt, warum so viele von uns Müttern wütend sind? Warum Väter nach einem langen Arbeitstag fröhlich und lustig sind und die Kinder in die Luft werfen, während du lediglich denkst: „Jetzt putsch sie nicht wieder auf! Die sollten schon längst im Bett sein!“ Warum stört es uns in diesem Moment so sehr, dass sie ihre Jacken nicht aufgehängt haben, oder etwas nicht weggeräumt haben, wenn die doch gerade schöne Kindheitserinnerungen sammeln, Fangen spielen oder sich gegenseitig kitzeln? Können wir es ihnen nicht einfach gönnen und cool bleiben?

Es sind die kleinen Tropfen – viele, kleine Momente während des Tages, die dir wie persönliche Kränkungen erscheinen, sogar teilweise wie Beleidigungen vorkommen, die schließlich das Fass zum überlaufen bringen. Ich weiß, warum meine Mutter von Zeit zu Zeit die Kontrolle verlor, weil es ist mir heute auch öfter passiert.

Warum sind wir so also wütend?

Nun, hier ist die Wahrheit: Weil diese Emotion durch Verletzungen entsteht.

Wusstest du das über Wut? Wut ist eigentlich eine Reaktion auf andere Gefühle. Laut Definition  ist Wut „fast nie die primäre Emotion“. Es heißt weiter, dass diese Emotion entsteht, weil sich andere Gefühle anhäufen. Zum Beispiel wenn man sich ignoriert, unbeachtet, abgewertet oder machtlos fühlt.

Macht das nicht total Sinn? Wut entsteht, weil wir uns unbeachtet, missachtet und ehrlich gesagt, manchmal wie unsichtbar fühlen!

Ich arbeite jeden Tag hart daran, mein Haus für die Außenwelt vorzeigbar zu halten, gesunde Mahlzeiten zu kochen, zu waschen, zu trocknen und alle Klamotten aufzuhängen, damit man sie morgens wieder anziehen kann. Ich schrubbe die Toiletten und mache die Betten und sauge die Teppiche. Ich erinnere sie daran, ihre Hausaufgaben zu machen und ihre Körper (alle ihre Körperteile) zu waschen und nett zu ihren Geschwistern zu sein.

Wenn also die Menschen, die ich liebe – die Menschen, für die ich das alles tun würde – nach Hause kommen und dort ihren Kram direkt in die Tür fallen lassen und nichts wegräumen oder direkt die Küche wieder verlassen, nachdem ich mich um das Essen gekümmert habe, das „schrecklich geschmeckt“ hat, dann bin ich sauer. Wenn sie Haufen von schmutzigen Kleidern und Tellern in ihren Zimmern vergammeln lassen, dann bin ich wütend. Die Wahrheit jedoch ist, dass ich noch eine ganze Reihe ganz anderer Dinge dabei fühle.

Hier kommt also der nächste Teil – ein wichtiger Teil – Ich möchte gar nicht mehr vor meiner Familie explodieren, genauso wenig wie sie wollen, dass ich vor ihnen explodiere. Also, genauso wie es an ihnen liegt dabei mitzuhelfen und ihren Teil zu leisten, ist es meine Aufgabe mit ihnen zu reden. Ich muss ihnen sagen, wie es mir geht, damit ich mich in meinem eigenen Haus nicht abgewertet fühle. Ich kann nicht erwarten, dass sie meine Gedanken lesen können.

Niemand verdient es, in einem Haus der Wut zu leben – nicht sie und nicht ich.

Wenn ich fühle, dass es anfängt in meinen Füßen zu kribbeln, muss ich die Ursache direkt ansprechen. Denn wenn ich es nicht tue und es erstmal meinen Körper hochklettert, und ich merke, wie ich anfange meinen Kiefer zusammenzubeißen, ist es normalerweise schon zu spät.

In diesem Moment muss ich das Gespräch mit mir selbst suchen. Mindestens eines meiner Bedürfnisse wird nicht erfüllt. Und vielleicht gibt es nichts, was man dagegen tun könnte – denn es gibt sicherlich Zeiten im Leben, in denen der Ehepartner bei der Arbeit überfordert ist oder die Kinder krank sind und Mama alles wuppen muss. Dies sind die berühmten“Leck mich“ -Momente, in denen dir das Leben nur Zitronen gibt und der Tequila dazu fehlt.

Meistens kann ich aber etwas gegen meine Wut tun. Ich kann spazieren gehen oder in ein ruhiges Zimmer gehen, ein paar tiiieeefeee Atemzüge machen und herausfinden, was zur Hölle los ist. Ich muss die Ursache für meine Wut finden – Bin ich erschöpft? Bin ich überfordert? Ist mir alles zuviel? Machen die Kinder nicht, worum ich sie bitte? Ich muss herausfinden, was mich in diesem Moment wütend macht und wie ich damit umgehen kann.

Es ist natürliche keine narrensichere Methode, um Wutausbrüche zu verhindern. Wir müssen lernen gnädig mit uns sein und wir müssen akzeptieren, dass jeder von uns mal einen schlechten Tag hat und das man uns vergeben wird. Wenn du jedoch häufig frustriert bist und merkst, dass deine unterschwellig brodelnde Wut, droht überzukochen, wenn du eine Socke auf der Couch im Wohnzimmer findest oder wenn die Kinder den Geschirrspüler nicht so eingeräumt haben, wie du es wolltest – könnte es helfen, zurückzutreten und darüber nachzudenken, was wirklich los ist. Wenn du deine Emotion einschätzen kannst – dass du dich vielleicht unbeachtet oder geradezu unsichtbar fühlst, oder vielleicht einfach mal Ruhe brauchst dann sag deiner Familie, wie du dich fühlst.

Wenn deine Kinder oder dein Ehemann unglücklich wären und sich schlecht fühlen würden, dann würdest du doch auch eingreifen und dich um sie kümmern, oder? Du würdest ihnen versichern, dass sie gesehen und geliebt werden. Also was ist mit dir? Verdienst du nicht das Gleiche?

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