Father with his newborn baby care hands. Selected focus on the hand.
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Von Markus aus Marl

Vor ein paar Jahren, als ich mich mit einer Schülerin unterhielt, die für mich arbeitete, erwähnte ich, wie wenig Schlaf ich in der Nacht zuvor bekommen hatte. Meine Frau und ich hatten ein neugeborenes Baby zu Hause, und so waren wir natürlich alle paar Stunden wach – Das Kind trösten, das Kind füttern und dem Kind die Windeln wechseln.

Die Schülerin war etwa 19 Jahre alt. Sie hatte keine Kinder. Keine wirkliche Verantwortung außerhalb der Schule und dem Nebenjob, den sie bei mir hatte. Sie war von Natur aus hilfsbereit. Das war auch der Grund, weshalb ich ihr den Job gab, also dachte sie natürlich über das nach, was ich sagte, und fragte: „Warum schläfst du nicht einfach, wenn das Baby schläft?“

Sie schenkte mir ein halbes Grinsen, diese Art von Lächeln, welches das Gefühl vermitteln soll, ein großes Problem mit einer sehr einfachen Lösung gelöst zu haben, und ich, ich musste mich zurück halten, sie nicht zu schütteln. Ich wollte ihr einen Vogel zeigen. Ich wollte sie ein dummes Arschloch, ohne konkrete Vorstellungen über das wirkliche Leben und die Verpflichtungen, nennen. Ich wollte mein Baby für 24 Stunden bei ihr zu Hause absetzen, und dann, am nächsten Morgen, wenn ihre Augen blutunterlaufen waren und ihr Körper schmerzte, weil sie so müde war, wollte ich ihr in ihr selbstgefälliges, kleines Gesicht lachen.

Ich war so müde, und es machte mich offensichtlich launisch.

Meine Augen waren ja auch blutunterlaufen. Ich fühlte eine tiefe Müdigkeit in meinen Knochen. Ich stand jede Nacht auf, viele Nächte lang, und ich wusste, dass ich noch einige Nächte aufstehen würde, wer weiß wie lange, wahrscheinlich Jahre, wahrscheinlich für immer. Das ist das Problem mit Kindern und Schlaf, es fühlt sich alles so an, als wenn man einen bösen Gehirnfrost bekommt, und man fragt sich plötzlich, ob dieser Zustand für immer anhält. Man fragt sich, ob man je wieder schlafen wird.

Jetzt saß mir diese junge Frau gegenüber, die mich kurz zuvor fragte: „Kennst du das, wenn du zu viel schläfst, und man nächsten Tag dadurch noch müder bist?“ Sie gähnte und sah mich dann, auf der Suche nach Mitleid, an. „So geht es mir gerade.“ (Da wollte ich ihr auch schon eine runterhauen.)

In meinem Büro lächelte sie mich dann an und wartete auf meine Antwort auf ihren brillanten Vorschlag, und ich wollte sie daran erinnern, dass ich Vollzeit arbeite, und dass ich während der Nickerchen des Babys auf der Arbeit bin, was ihren Vorschlag an sich schon völlig lächerlich macht (alle berufstätigen Eltern kennen diesen Schmerz). Als ob das noch nicht reichten würde, erklärte ich ihr, dass ich, wenn ich zu Hause bin und das Baby schläft, noch zwei weitere Kinder habe, denen es egal ist, wie viel Schlaf ich bekomme. Sie kümmern sich um Spielzeiten und Süßigkeiten und streiten darüber, wer auf dem Sessel sitzen darf. Geschirr, Wäsche und andere Hausarbeiten müssen gemacht werden. Rechnungen müssen bezahlt werden. Das Badezimmer muss geschrubbt werden. Mahlzeiten müssen gekocht werden…

Ich wollte ihr erklärte, dass all diese Verantwortlichkeiten nicht weggehen, wenn das Baby schläft, und wenn das Baby wach ist, kann man nichts machen, weil es sich mit all seinen Bedürfnissen und Wünschen und vollen Windeln an deinen Körper klammern. Sicher, ich könnte das Kind mit einem Tragetuch an meinem Körper binden, und das ist auch echt toll, aber dann will es in dem Moment garantiert nicht im Tragetuch sein. Sie wird weinerlich, wenn sie im Tragetuch ist, also musst man sie in einem Arm halten und versuchen, die Dinge mit dem anderen zu erledigen. Aber eine Hand ist nicht annähernd so gut wie zwei, und so muss man die meisten Dinge eben erledigen, wenn das Baby schläft. Das alles macht mich müde und frustriert und es führt dazu, dass ich hilfreichen Schülerinnen eine runterhauen wollen würde.

(Tut mir leid. Ich bin ein bisschen böse geworden, aber das ist nur eine Nebenwirkung des Schlafentzugs).

Wenn das alles erledigt ist und das Baby immer noch schläft, dann wünscht man sich manchmal nur ein paar Momente, in denen sich nicht ständig jemand an den Körper klammert. Manchmal möchte man nur ein bisschen online gehen, oder ein Buch lesen, oder einfach irgendwas machen, was man einst vor dem Kind gemacht hat.

Natürlich hat die Schülerin an nichts davon gedacht. Die traurige Realität ist, dass die meisten Menschen das nicht tun. Bevor wir Eltern wurden, beschweren sich andere Eltern immer, dass sie so müde waren. Aber sie gehen nie ins Detail, wie wunderbar und doch Kräfte zehrend es sein kann, ein kleines Baby zu haben. Weißt du, warum das so ist?

Sie waren einfach zu müde, um es dir genauer zu erklären.

Also sagte ich früher auch Dinge, wie: „Warum schläfst du nicht einfach, wenn das Baby schläft“, als ob ich so all ihre Probleme lösen würden. Und sie sahen mich stets mit dem Todesblick an. In ihren Köpfen dachten sie daran, mich in einem kalten Grab zu begraben. Aber dann sagten sie so etwas wie: „Ja… ich denk mal drüber nach“, weil sie zu müde waren, um genau zu erklären, wie müde sie eigentlich waren.

Und in diesem Moment, als ich dieser jungen Frau gegenüber saß, die eigentlich nur helfen wollte, aber absolut keine Ahnung hatte, wovon sie da eigentlich sprach, sagte ich auch genau dasselbe. Ich sagte ihr danke und dass ich es in Betracht ziehen würde. Sie lächelte herzlich und ich begann ein wenig in meinem Stuhl einzunicken.

 

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