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Die Frage begleitet einen durch das erste Jahr. “Schlafen sie durch?”

Diese nette kleine Frage ist ein essentieller Bestandteil jedes Eltern-Smalltalks und eine zentrale Messlatte für Erfolg und Misserfolg in der Disziplin Elternschaft. Und? Schlafen eure Kinder durch?

Unsere machen es nicht. Oder besser gesagt, sie machen es extrem selten gleichzeitig.

Deswegen haben wir diese Frage seit Monaten hinter uns gelassen und uns in ein neues Level hochgearbeitet. Dank unser brutal-ehrlichen Antworten, die eigentlich niemand hören will, fragt nun keiner mehr. Stattdessen kommt hin und wieder dieser Blick voller Mitleid: “Sind eure Nächte immer noch so beschissen?”

“Alles eine Momentaufnahme,” pflegt der Zwillingsvater immer zu sagen – aus reiner Furcht, sie zu laut zu loben. Wenn man das Schlafverhalten unserer Kinder nämlich lobend erwähnt, dann erinnern sie sich an ihren Schwur: “Lasst eure Eltern niemals zuviel schlafen! Niemals!” Wir sind da also äußerst vorsichtig geworden.

Als Eltern sind wir Streber
Prinzessin war gerade sechs Wochen alt, als sie das erste Mal über sechs Stunden nachts am Stück friedlich schlummerte. Wir waren glückliche Eltern voller Hoffnung und Naivität. Nur kurz darauf perfektionierte sie ihre Fähigkeit und schlief monatelang vorbildlich zehn bis zwölf Stunden nächstens durch. Sie sah aus wie ein Engel. Sie lag dort zart und winzig klein und schlummerte. Wir waren ganz offensichtlich super Eltern, denn unsere Prinzessin schlief durch!

“Wie schaffst du das?”, fragte man mich beim Krabbeltreff. “Welche Nahrung füttert ihr? Seid ihr auf 1er umgestiegen?”, forschte man bei der Rückbildung. Die Wahrheit ist: wir haben nichts geschafft. Das machte sie von alleine. Vom ersten Tag, als sie vollgestillt werden konnte (der Weg dorthin war ja länger), schlief sie zufällig durch. Ganz einfach so.

Als Eltern sind wir Versager
Der andere Teil der schillernden Wahrheit lag nachts neben mir und war ein Unruheherd. Sonnenschein schlief nicht nur nicht durch, er schlief faszinierend unruhig und jammerte sich wimmernd durch die Nacht. Der kleine Kerl schlief mal auf und mal neben mir, ich befolgte zahlreiche gute Ratschläge, stillte und schuckelte, beruhigte und hielt Händchen und schlief selten mehr als eine Stunde am Stück.

Als die beiden ein halbes Jahr alt waren, hatten wir den Trick gefunden! Der Junge war ein Bauchschläfer! So einfach war es.

Pustekuchen! Oder die doppelte Wahrscheinlichkeit auf eine beschissene Nacht!
Zwillinge sind auch nur einer mehr. Sagte man mir.

“Einer mehr” bedeutet in der Kindersprache, einen mit dem man sich verbünden kann. Wenn du kein Bock auf Party hast und einfach pennen willst, kann dein Kollege ja das Publikum unterhalten!

Zwillinge brauchen dafür noch nicht sprechen zu können. Sie verstehen sich blind. Das gemeinsame Ziel eines angemessenen Unterhaltungsprogramm für die elterlichen Mitbewohner wird immer unter möglichst effizientem Einsatz der Mittel erreicht. Als Sonnenschein nämlich herausfand, dass man nachts auch einfach schlafen könnte, sprang die Prinzessin aus dem Nichts ein.

Die kleine Tochter konnte anders! Und wie! Sie konnte aus dem Stegreif mehrstündige akustische Darbietungen mitten in der Nacht präsentieren. Warum sollte man auch durchschlafen, wenn man auch durchmachen kann?

Wir waren also weiter gut unterhalten und verfolgten in den nächsten Monaten weiter höchst interessiert das ständig wechselnde nächtliche Programm, das unsere Kinder für uns vorbereitet hatten. Die Nächte wahren unbeschreiblich abwechslungsreich, aber grundsätzlich schlaflos.

2 Jahre Schlafentzug
Wir sind in den letzten 2 Jahren (ich hörte schon in der Schwangerschaft auf nachts durchzuschlafen) gefühlt um 10 Jahre gealtert. Wir sind weichgeklopft vom Schlafentzug und der gelegentlichen Hoffnung. Immer wenn sich unsere Nächte beruhigen, den beiden Alleinunterhaltern ein Fehler in der Absprache unterläuft und die Eltern durchschlafen durften, dann geben sie alles!

Sie lassen diese Schande nicht auf sich sitzen und holen zu immer neuen Meisterleistungen aus, bieten längere und anspruchsvollere Programme. Und wir?

Unsere Gehirnmasse hat sich degeneriert, wir taumeln schlaftrunken durchs Leben und verdonnern uns nachts gegenseitig dazu, Schicht zu schieben. Da war er wieder, der Hoffnungsschimmer, in den letzten Wochen wurde es ruhiger.

Wir wagten es nicht zu sagen, wir leugneten es, doch wir haben es bemerkt! Wir nickten uns verschwiegen zu. Heimlich freuten wir uns, dass … HALT! SIE HABEN ES BEMERKT!

Silvester-Knaller
Wir nutzen ja jede Chance auf Schlaf, aber Silvester wollten sogar wir ein wenig feiern. Haben wir auch. Unsere lieben Kinder, nun eineinhalb Jahre alt, lagen friedlich im Bett. In der Nachbarschaft gab das Jungvolk alles, ihnen die deutsche Charts näher zu bringen und sie schreckten hoch: “Wie konnte das passieren? Da feiert jemand größere Partys als wir? Lauter als wir? Mit mehr Wumms? So geht das nicht!”

Kurzentschlossen entschieden sie sich zu einem gemeinsam Auftritt und ihre total entspannten Eltern dachten, dann feiern sie eben mit. Klappte jetzt nur so bedingt. Während sich der eine Zwilling völlig der Partylaune anpasste und später friedlich wieder einschlummerte, hatte der zweite Zwilling eindeutig den Eltern-Unterhaltungs-Job für die Silvesternacht übernommen und erfüllte ihn konsequent.

Als 20-jährige schlief ich zwar in der ersten Nacht des Jahres auch nicht mehr, aber ich durfte zum Ausgleich den kompletten ersten Tag verpennen. Mehr als 10 Jahre (2 davon schlaflos) später bin ich da nicht mehr so versessen drauf. Ich habe das neue Jahr mit Augenringen begrüßt, die selbst Spachtelmasse für Altbausanierungen nicht mehr kaschieren könnte.

Unsere letzte Nacht? Ein Protokoll
Wollt ihr das wirklich wissen? Überlegt es euch gut, ob ihr an dieser Stelle weiterlesen wollt!

18:00 Uhr: Im Chaos-Haus gibt es Abendbrot. Die Prinzessin inhaliert die Brote, hält ein Brotstück in der Hand und wedelt schon wieder mit dem Teller. Skandal: Er ist leer! Da! Bei Sonnenschein ist etwas auf dem Teller! WILL HABEN!!!

Wir bemühen uns zu zweit, schnell genug nachzulegen und scheitern am Tempo unserer Tochter, während der große Bruder gemächlich Frischkäse-Muster auf den Tisch malt und seiner Schwester Häppchen reicht. Alles wie immer also.

Sobald kein Essen mehr den Weg in den Mund findet, sondern vorwiegend auf dem Boden, in den Haaren oder Mamas Gesicht landet, ist das Signal zum Ende der Mahlzeit gegeben. Wir machen uns also auf den Weg zum abendlichen Ritual. Dies wird vor allem dadurch bestimmt, dass Mama aufräumt und die Spuren des Tages aus dem Erdgeschoss wischt, während der Zwillingspapa und die Zwerge im Kinderzimmer nochmal richtig aufdrehen.

19:00 Uhr: Bücher gucken, Zähne putzen, Windeln wechseln, ihr kennt das ja. Wir auch.

Da macht uns keiner was vor, das Abendritual haben wir drauf. Pünktlich irgendwann nach sieben sitzt die gesamte Familie in der Kuschelecke zum Gute-Nacht-Lied versammelt. Zwei Familienmitglieder tragen Schlafanzug und Schlafsack, zwei weitere Augenringe und freuen sich auf ein Glas Wein und eine ruhige Stunde zu zweit.

Die Protagonisten mit der dazu passenden Kleidung liegen um halb acht im Bett und geben vor, die besten Kinder der Welt zu sein. Sie schlafen augenblicklich ein. Die Protagonisten mit den Augenringen treffen sich auf dem Sofa wieder und schalten den Fernseher ein. Die Tagesschau ist noch weit vom Sport und noch weiter vom Wetter entfernt, da räuspert sich das Babyphone. Die Show geht los!

20:05 Uhr: Die Zwillinge brüllen stereo. Urplötzlich! Den herbeieilenden Eltern erschließt sich der Grund nicht, trotzdem geben sie alles. Diplomatisch handele ich einen Kompromiss aus und setze mich statt aufs Sofa zu meinen Kindern ans Bett. Sie sind zufrieden und schweigen müde blinzelnd. Ich bin auch fast zufrieden, denn ich hoffe, gleich wieder unten auf dem Sofa zu sein. Prinzessin schlummert ein.

21:00 Uhr: Die Augen des Sonnenscheins schließen sich, und gehen wieder auf! Sie fallen zu und ich bewege mich, Protest! Sie fallen zu, ich zähle langsam bis 100, ich bewege mich, Protest! Ich fluche innerlich, ohne Unterhaltungselektronik hier gestrandet zu sein und träume vom Ebook-Reader, während ich Geduld vortäusche.

22:00 Uhr: Ich schleiche mich aus dem Kinderzimmer und finde meinen Traummann auf dem Sofa schlafend. Der Abspann des Films läuft. Wir schleichen uns ins Bett, trauen uns kaum die Zähne zu putzen, denn so Wasserrauschen ist ganz schön laut. Doch wir schaffen es. Wir kommen an. Am Ziel unserer Träume! Unserem Bett!

23:00 Uhr: Mir fallen die Augen zu. Sonnenschein ruft. Nein, er ruft nicht, er brüllt im Befehlston. Meine müden Glieder reagieren nicht und so wankt der Zwillingspapa ins Kinderzimmer. Er kommt zurück, er wird wieder herbeizitiert, er bleibt länger im Kinderzimmer, er kommt zurück, das Gebrüll schwillt erneut auf, der Papa gibt auf. Noch eine halbe Stunde bis Mitternacht und neben mir landet der Sonnenschein im Bett.

24:00 Uhr: Ich stelle mich schlafend. Aber meinen Sohn hindert das nicht, sich seine Mutter ein wenig zurechtzurücken. Irgendwann liegt er bequem (auf mir) und beginnt zu schnarchen. Da flucht neben mir mein Traummann und verlässt “ich kann so nicht schlafen”-brummelt das Schlafzimmer. Ich döse ein wenig.

1:00 Uhr: Ich höre Prinzessin, die ihren Vater zu sich zitiert. Der Zwillingspapa darf vom Sofa ins Kinderzimmer umziehen, denn seine Tochter möchte nicht alleine bleiben.

2:00 Uhr: Sonnenschein meldet Unmut an, denn sein Schnuller ist im Bett verlustig gegangen. Wir suchen zu zweit. Wir finden ihn und ich ermutige meinen Sohn jetzt weiterzuschlafen. Er kuschelt sich ins Bett und… dreht sich, wendet sich, klettert über mich, wirft sich wieder zurück, dreht sich, wendet sich und strampelt sich irgendwie hoch. Schließlich findet er die perfekte Position – seine Beine quer über meinem Gesicht. Ich höre meinen Mann leise wieder zum Sofa schleichen.

3:00 Uhr: Gebrüll. Der Sonnenschein hat das Bettende gefunden und ist zu meinen Füßen aus dem Bett gepurzelt. Wir sortieren uns eine halbe Stunde neu im Bett und schlafen wieder ein. Nein, er schläft ein. Ich bin langsam so durch, ich kann nicht schlafen! Ich starre vor mich hin, ich grüble, ich sehe meinen Sohn an, der quer über meinen Beinen liegt, ziehe ihn hoch, drehe mich um. wälze mich durchs Bett und beschließe, dass ich keine Lust mehr habe.

4:30 Uhr: Ich suche den Traummann, finde ihn auf dem Sofa und schicke ihn hoch zu seinem Sohn. Ich strecke mich auf das Sofa, schließe sie Augen und… höre Prinzessin! Es ist 5:15 Uhr:

Guten Morgen!!!
Eines Tages, da werden auch unsere Kinder durchschlafen! Ihr werdet es sehen!

Dann werde ich ausgeschlafen und strahlend vor euch stehen und nur milde schmunzeln, wenn ihr nach unseren Nächten fragt, Bis dahin, werden wir weiter neidisch sein auf euch alle, deren Kinder ja schon so lange durchschlafen.

Werden weiter hoffen und die besser werdenden Nächte leise feiern. Werden immer wieder verzweifeln und tagsüber kaum aus den Augen schauen können, aber eines Tages, dann…

http://chaoshoch2.com/

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