Ein Gastbeitrag von Lara aus Göttingen

Bis zur Geburt meiner Tochter kam das Thema Kaiserschnitt in meinen Gedanken quasi gar nicht vor. Ich dachte, dass passiert mir sowieso nicht.

Ich wünschte mir eine ganz normale Geburt. Meine Schwangerschaft verlief wie im Bilderbuch. Selbst einer PDA stand ich kritisch gegenüber. Der Gedanke, dass mir eine Nadel in die Wirbelsäule gerammt wird, lies mich schaudern. Nein, nein, naginale Geburt. Ende.

Ich glaube ich bin da etwas naiv an die Sache heran gegangen. Ich hatte die Hoffnung, dass meine Erwartungen erfüllt und vielleicht sogar übertroffen werden würden. Natürlich hat das in Bezug auf die Realität, der ich mich stellen musste, letztendlich gar nicht geholfen.

Meine Fruchtblase platzte und in den nächsten 14 Stunden passierte einfach NICHTS. Keine Wehen, keine Öffnung des Muttermundes. NICHTS. Ich sollte eingeleitet werden. Dann kamen die Wehen, ich ertrug diese12 Stunden lang ,mein Muttermund war stundenlang bei 8 cm, mein Kind drehte sich falsch ins Becken und bleib stecken. Diese Kombination verhieß nichts Gutes für meinen „Plan“.

Im Handumdrehen kam ein Team von Leuten in mein Zimmer; ich befand mich auf dem Weg zu einem Not-Kaiserschnitt. Unter qualvollen Schmerzen zog man mir das Op Hemd an. Zwei oder drei verschiedene Personen riefen mir eine Reihe von anscheinend wichtigen Fragen zu, während wir die Flure hinunter in die Notaufnahme rasten.

Versteht mich bitte nicht falsch, ich bin unfassbar dankbar, ein gesundes Kind zu haben, aber das schmälert die schlimmen physischen und psychischen Belastungen nicht, die ich ertragen musste.

Diese Minuten vor der Geburt gehören zu den wahrscheinlich schrecklichsten Momenten meines Lebens (und zu denen meines Mannes). Wird es unserer Tochter gut gehen? Wie wird es mir gehen? Als sie mich für die OP vorbereitet haben, musste mein Mann draußen warten. Wir waren beide jeweils allein mit unseren Sorgen, Ängsten und dem Gefühl der totalen Machtlosigkeit.

Glücklicherweise kam kurz danach unser wunderschönes, kleines Mädchen auf die Welt. Sie war perfekt und sie zeigte uns sofort ihren unverkennbaren Schmollmund, es war so, als ob sie nicht glücklich darüber wäre, wie alles abgelaufen ist. Ich musste fast eine Stunde lang genäht werden, ich zitterte unkontrolliert und als das Betäubungsmittel nachließ, wünschte ich mir nur, dass meine Tochter und mein Mann endlich bei mir wären.

Als ich dann endlich in mein Zimmer geschoben wurde, schrie mein Kind bereits erbärmlich nach mir. So gut es eben ging, legte ich sie auf meinen Oberkörper und versuchte sie zu stillen. Ich war nervös und ängstlich, weil ich diese magischen ersten Minuten mit ihr verpasst hatte und gleichzeitig plagten mich krasse Schmerzen.

Versteht mich nicht falsch, es ist im Prinzip wirklich gut gelaufen. Alle waren gesund und das ist doch alles, was zählt, richtig? Außerdem gibt es viele Menschen, die noch viel schlimmeres ertragen mussten und die evtl. kein so schönes Happy End erleben dürfen oder es gibt Menschen, deren Kinderwunsch unerfüllt bleibt, stimmt´s ? Ich sollte dankbar sein, oder? Glaubt mir, das bin und war ich auch aber ich fühlte mich dennoch betrogen und schlecht.

Wisst ihr, man vergleicht seine eigene Situation ja immer mit anderen Situationen. Dazu gehört eben auch, dass man sich ständig fragt „Warum ich?“ „Was habe ich falsch gemacht?“ Ich weiß selber, dass das nicht gut ist aber dieser Kampf mit mir selbst lies nicht nach. Er war real. Tagtäglich.

Ich fühlte mich, als ob ich um eine wichtige Erfahrung betrogen worden wäre. Das war ein herber Verlust für mich.

Zu sagen, dass ich mich „enttäuscht“gefühlt habe wäre maßlos untertrieben. Ich war wütend und suchte ständig nach einer schuldigen Person. „Die Hebamme hätte nicht vorschlagen sollen, dass ich ins Krankenhaus gehen soll, ich hätte nur länger warten müssen!.“ „Der Arzt wollte bestimmt schnell nach Hause, deswegen der Kaiserschnitt!“ Ich habe doch alle Vorraussetzungen für eine normale Geburt gehabt, verdammt warum ich? Ich fühlte mich wie misshandelt. Mein Körper, den ich in den letzten neun Monaten so gut beschützt hatte, wurde einfach aufgeschnitten.

Ich konnte mich kaum bewegen, um mich um die Bedürfnisse meiner Tochter zu kümmern. Ich fühlte mich machtlos. Ich erinnere mich noch daran, dass ich dringend duschen wollte, das muss zwei Tage nach dem Kaiserschnitt gewesen sein. Ich kann mich daran erinnern, dass ich mich furchtbar krank und schwach gefühlt habe. Ich weinte, weil ich es nach dem Duschen kaum zurück in mein Bett schaffte.

Ich war sehr lange sehr wütend. Ich war eifersüchtig auf alle Mamas, die ihr Baby im Schneidersitz liegen hatten und fröhlich in die Kamera grinsten. Wenn Frauen aus meinem Umfeld schwanger wurden, dann hoffte ich insgeheim, dass sie auch einen Kaiserschnitt haben werden. Wen ich dann hörte, dass alles ganz normal anlief, dann brach ich innerlich erneut zusammen.

Der Schmerz war immer gegenwärtig. Im Laufe der Zeit wurde es etwas besser, aber jede Geschichte über normale Geburten triggerten mich.

Ich wurde wieder schwanger, unser Sohn war unterwegs. Da es erneut keine Komplikationen gab, wollte ich es natürlich mit einer vaginalen Geburt versuchen.

Die Wehen fingen ganz natürlich an und sie waren gefühlt viel stärker als beim ersten Mal. Ich erinnere mich noch, dass ich bei zehn Zentimetern war und die Hebamme schon die Baby-Wärmelampe angeknipst hatte. Kurz darauf spürte ich wieder, wie der kleine Körper in mir fest steckte. Wir unternahmen alles: Vierfüßlerstand, Seil, Hocker, es passierte nichts. Und schon bald kam der Arzt ins Zimmer, um mir dasselbe zu sagen wie bei meiner ersten Geburt. Und irgendwie, obwohl ich es schon einmal durchgemacht hatte, war die Geburt meines Sohnes noch viel traumatischer für mich.

Es dauerte Jahre, bis ich mich damit anfreunden konnte, zweimal „versagt“ zu haben. Es dauerte Jahre, mir selber NICHT die Schuld an diesen Geburten zu geben. Es dauerte Jahre, mir selbst zu verzeihen.

Ich konnte mir selbst nur vergeben, indem ich eine Therapie machte. Und wenn ich mit diesem Gastartikel erreiche, dass auch nur eine Frau sich Hilfe holt, eine Frau sich selbst vergibt, dann war es die Offenheit wert. Denn: Du bist nicht schuld. Vergib dir.

Anmerkung der Redaktion: HIER findet ihr deutschlandweit eine Liste von Therapeuten.

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