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Von Tatijana aus Kreuztal

Ich bin Mama eines wundervollen Sohnes, der es leider nicht nicht geschafft hat. Er wurde tot geboren; er starb in meinem Bauch; ich hatte eine Fehlgeburt. Wie auch immer ich es ausdrücke, das Ergebnis ist dasselbe – Ich lebe, und er nicht.

Manchmal passieren im Dinge im Leben, die einen in zwei Teile reißen. Ich war einmal eine Person, die kein totes Baby hatte. Und dann war ich es nicht mehr. Vorher und nachher. Damals und heute. Zwei Straßen trennten sich, und ich nahm die, die ich gar nicht entlang fahren wollte. Das Leben ist nicht immer fair.

Ich konnte erst vor kurzem, sechs Jahre später, mit dem Schreiben über meinen Sohn beginnen. Ich hatte all meine Worte in der Zeit der Trauer verloren. Es gab für mich keine Worte mehr, die in irgendeiner Form Sinn machen könnten. Ich lebte und mein Sohn nicht. Ich war nicht nur traurig. Ich fühlte mich unvollständig, ein Schatten, eine Ruine. Das Leben konnte nicht einfach so weitergehen.

Aber genau das tat es.

Die Ironie der Trauer ist, dass, wenn deine Welt aufhört zu existieren, der Rest der Welt sich trotzdem weiter dreht. Die Zeit bleibt für niemanden stehen, und das ist sowohl schön als auch schmerzhaft. Wir Menschen besitzen die bemerkenswerte Fähigkeit, auch dann weiterzumachen, nachdem das Leben uns zu Boden geworfen hat. Wir müssen nur durch das tiefe Tal der Trauer gehen. WIR MÜSSEN.

Mein Sohn Lukas wurde am Heiligabend 2013 tot geboren. Sein Tod schickte mich in eine Richtung, die ich nie erwartet hätte. Diese Trauer verändert alles. Am Anfang war alles, was ich tun konnte, reines überleben. Atmen war schon eine Leistung.

Schließlich versuchte ich, meine Trauer in etwas zu verwandeln, das mich stärker machte als jemals zuvor. Ich habe mein ganzes Leben neu gestaltet, indem ich mich von Menschen und Dingen, die es nicht verbessert haben, entfernt habe. Ich fing an, anderen Familien zu helfen, die Verluste erlitten hatten. Ich erzählte den Leuten, wie ich mich fühlte, sowohl die guten als auch die schlechten Momente. Ich erkannte, dass es keinen Sinn im Sinnlosen gab, sondern dass ich den Ort in meinem Herzen, an dem mein Sohn weiter lebte, huldigen und feiern musste, das machte aus diesem Ort einen Altar und keinen Schandfleck.

Ich habe früher immer gesagt, dass das Einzige, was ich nicht überleben könnte, der Verlust eines Kindes ist. Ich hatte Recht. Die Person, die ich einst war, gibt es nicht mehr. Ich habe stattdessen ihren Platz eingenommen. Die Hauptfigur meiner Lebensgeschichte wurde ersetzt.

Mein Mann litt ebenso, er kämpfte mit allem was ihm zur Verfügung stand gegen diese Wahnsinns Gefühle an und machmal spürten wir uns erst gegenseitig wieder, wenn wir uns im Dunkeln gegenseitig die Hände gehalten haben. Wir stolperten gemeinsam durch die Tage, indem wir uns gegenseitig solange unterstützten, bis wir eines Tages wieder anfingen, etwas Licht im Dunkeln zu sehen. Wir suchten nach anderen Menschen, die einst auf dem gleichen Weg verloren gegangen waren, dem Weg, den niemand wählt, aber auf dem so viele enden. Wir haben wackelige, erste, kleine Schritte unternommen. Manchmal war ich viel weiter hinten als er. Er hat auf mich gewartet. Manchmal rannte ich vor und versuchte, dem Weg zu entkommen, ohne überhaupt zu merken, dass ich ihn nie ganz verlassen kann, er wird mit der Zeit einfach nur nachgiebiger.

Als ich meinen Weg fortsetzte, habe ich die nächste Hürde genommen. Ich wurde wieder schwanger. Sicherlich hatte ich genug durchgemacht. Diesmal würde alles gut gehen. In der fünften Schwangerschaftswoche begannen die Blutungen, die Angst war wieder Dauergast. Ganz behutsam bewegten wir uns von Tag zu Tag, wissend, dass mir der Boden jederzeit unter den Füßen weggerissen werden könnte. Tatsächlich hielten wir am Ende der Schwangerschaft einen gesunden, wunderschönen Jungen in unseren Armen. Wir nannten ihn Raphael.  Er wusste immer von dem Bruder, der vor ihm kam und nicht bleiben konnte.

Es gab eine solche Verflechtung aus Erleichterung und Schuld und Angst und Freude und Hoffnung und Schmerz über dieses Geschenk des Lebens, dass es mich fast wahnsinnig gemacht hätte. Raphael heilte einen Teil von mir, den ich für eine ewige offen bleibende Wunde hielt. Dort befindet sich jetzt eine Narbe, die immer noch stark zu spüren ist. Das Erlebte prägt mich auch heute noch jeden Tag. Ich trage keinen Schandfleck, sondern ein Emblem, das mich als Überlebende auszeichnet mit mir.

Ich denke, jeder hat Fragen über das Leben nach dem Tod. Seit Urzeiten haben Philosophen und Gelehrte und Propheten und Weise Theorien und Theologien, Lehren und Dogmen geschaffen, die über Seelen und Geister und Himmel und Höllen spekulieren. Ich habe auch keine Antworten. Ich habe Beweise für ein Leben nach dem Tod.

Zu meinen Beweisen gehört ein rothaariger kleiner Junge, der nach seinem Bruder zu uns kam und mein gebrochenes Herz wieder zusammennähte. Meine Beweise spiegeln sich in den Taten die wir jedes Jahr zu seinen Ehren tun, wider. Mein Beweis ist sein Name, der immer wieder in unserem Haus genannt wird. Mein Beweis ist, jeden Morgen aufzuwachen, auch wenn ich es oft gar nicht wollte. Es gibt ein Leben nach dem Tod, weil die Liebe niemals stirbt.

Ich wollte, dass mein Sohn die Welt verändert. Und obwohl er nie einen Atemzug nehmen konnte, tat er es.

Ich bin seine Mutter. Ich habe ihn in mir getragen und ich trage ihn immer noch in mir. Selbst der Tod kann mir das Gefühl von Stolz und Liebe nicht wegnehmen.

Wir werden uns wiedersehen mein Sohn, ganz bestimmt.

 

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