Mein Mann liebt mein Aussehen, er liebt die Art, wie ich mich kleide. Wenn er mich beschreiben müsste, würde er sagen, ich habe dickes, welliges, platinblondes Haar. Er würde sagen, ich brauche kein Make-up; Meine ungeschminkten blauen Augen sind an sich schon geheimnisvoll und strahlend. Er liebt besonders meine Lippen. Er würde sagen, sie sind rot wie Kirschen und sie könnten glatt die Vorlage für Amors Pfeil sein.

Er denkt, meine Taille ist schmal und mein Bäuchlein rundet das Ganze perfekt ab. Meine Brüste sind angeblich voll und rund, in einem perfektem Verhältnis zu meinen Hüften. Meine Beine sind lang und angeblich habe ich zierliche Knöchel und meine schlanken Füße sehen in flachen Ballerinas, sowie in Stilettos atemberaubend aus. Ich bin sexy. Ich bin weich wie ein Kissen.

Er kann nicht genug von mir bekommen. Er liebt meine Figur. Er liebt meine Kurven, die so schön in seine Hände passen, wenn er mich küsst. Er liebt es, mir beim Weggehen zuzusehen, und ich liebe es, seine Augen auf mich gerichtet zu spüren.

Seine Wahrnehmung von mir ist so überzeugend, dass ich es sogar selbst glaube. Ich könnte die Welt erobern, wenn er mir sagt, wie schön ich bin. Ich bin wild. Ich bin wunderbar. Ich bin weiblich. Wenn ich mich durch seine Augen wahrnehme, dann fühle ich das tatsächlich. Mein Lächeln ist echt, meine Lachfalten beweisen das, wenn ich kichere. Meine Hüften schwanken sanft und meine Brüste sind fest. Die Linien meines Körpers sind weich, die Neigung meiner Schulter fügt sich nahtlos in die Muskeln meines Bizeps ein. Meine Arme sind durchtrainiert, vom Tragen der Kinder.

Ich bin immer wieder überrascht, wenn ich mich dann selbst im Spiegel anschaue. Denn ich erwarte, dass mich dann die Fantasie meines Mannes anstarren wird. Aber ich sehe seine schöne Frau nicht. Stattdessen unterscheidet sich die Frau im Spiegel bedeutend von dem Bild, das mein Mann von mir hat. Ich bin mir nicht sicher, wo die Lüge lebt; in seinem Kopf oder in meinem?

Das wahre Spiegelbild tut mir weh, und ich schäme mich. Ich sinke zusammen. Ich erinnere mich daran, wie ich als kleines Mädchen mal ein teures Erbstück meiner Mutter zertrümmerte und damit ein komplettes Festmahl zerstörte. Genau so fühlt es sich an, wenn ich selbst in den Spiegel schaue.
Ich erinnere mich daran, dass meine Mutter auf die Knie fiel und die Scherben berührte. Ihre Hand flog vor Schrecken vor ihren Mund und ihr Körper beugte sich vor und ihre Augen spiegelten den schmerzhaften Verlust wider. Ich beobachtete sie und wusste, dass es meine Schuld war. Ich hatte sie enttäuscht. Als Kind erlebte ich einen mächtiges Gefühlschaos aus Scham, Verzweiflung, Wut, Mitleid und Angst.

Heute kommt genau dieses Gefühl wieder in mir hoch, wenn ich in den Spiegel blicke. Das Bild vor meinen Augen ist ein schlechter Abklatsch der Verführerin, die mein Mann in mir sieht. Meine Gedanken betrügen mich.

Ich sehe kein vitales Kraftpaket. Ich sehe eine mittelmäßige Vorstadtmutter. Meine Haare sind zwar schön, aber schwer und sie hängen traurig herunter. Die Farbe ist mittlerweile mehr braun als blond dank der Hormone, die mich während meiner Schwangerschaften heimgesucht haben. Meine Augen sind zwar ziemlich kornblumenblau, aber sie sind von blassen Wimpern umrahmt, die nach Mascara schreien, um überhaupt sichtbar zu werden. Meine Wangen sind rot, aber auch ganz schön drall und meine Lippen sind rissig, weil ich schlichtweg vergessen habe, sie einzucremen. Meine Haut ist irgendwie durchschnittlich, das Leben schenkte mir inzwischen eine feste, tiefe Linie zwischen meinen Augen.

Ich fühle mich dick. Ich bin definitiv mehr als kurvig. Meine Taille wird von meinen übrig gebliebenen Schwangerschaftskilos verschluckt. Wenn ich mich hinsetzte, grüßt mein Bauch die Oberschenkel. Mein Bauch ist überall mit silbrig, zackigen Linien übersät. Mein Bauch ist schon lange nicht mehr fest. Die Kaiserschnittnarbe prangt am labbrigen Unterbauch. Meine Brüste sind zwar noch voll, aber nach drei Kindern hängen auch sie definitiv. Meine Beine sind zwar lang, aber sie sind viel zu rund. Meine Schenkel reiben aneinander, wenn ich gehe und ich trage schon lange keine Stilettos mehr.

Ich weiß nicht, wie ich die Realität meines Körpers mit der Fantasie meines Mannes in Einklang bringen kann. Ich kämpfe täglich damit.

Ich bewundere die Frau, die mein Mann liebt. Sie ist die Person, die ich gerne sein möchte. Ich möchte mir für das Jahr 2021 vornehmen, mich im Spiegelbild so zu sehen, wie mein Mann mich sieht. Ich verdamme meine eigene Sichtweise und versuche mich zu lieben, so wie er mich liebt. Ich weiß nicht, ob ich es je schaffen werde…

Und das macht mich wütend.

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