Ich erinnere mich noch genau an einen Moment drei Tage nach der Geburt meines Jüngsten. Ich lag im Bett, kuschelte mit ihm und sah meinen Mann an und sagte: „Versprich mir, dass er nicht unser letztes Kind ist“

Er hat es mir versprochen.

Naja. Die Geschichte lief leider nicht wie geplant.

Ich kann keine Kinder mehr bekommen. Nicht im Sinne von „wir sind vollständig“, sondern im Sinne von „biologisch ist das eine wirklich beschissene Idee und du kannst absolut nicht mehr schwanger werden“.

Ich bin als Mutter zweier wunderbarer Söhne, die zwei Jahre auseinander sind. Aber wie für so viele Frauen, die zwar bereits Kinder haben, allerdings keine weiteren bekommen können, sich aber so sehr weitere Kinder wünschen, droht eine Leere. Wir sehen komplett aus, sind es aber nicht. Wir fürchten, dass wir nie wirklich komplett sein werden. Wir sehen Babys und schwangere Bäuche und wenden uns in Trauer ab.

Unser Schmerz ist schwer zu ertragen, vielleicht aus deswegen, weil er nicht anerkannt und oft missverstanden wird. Immerhin haben wir Kinder. Was wollen wir mehr, oder? Viele Frauen können gar keine Kinder bekommen, und zugegeben, ihre Trauer ist noch schwerer zu ertragen. Noch tiefgreifender. Noch brennender und brutaler.

Die Kinder, die wir haben, sind ein Trost, aber der Schmerz kommt in Schüben und in seltsamen Momenten hoch: Beim Riechen am Kopfes unseres 4-Jährigen, beim Kuscheln mit dem 6-Jährigen. Die Dinge, die die Leute zu uns sagen – all das, womit sie uns trösten wollen – verursacht nur noch mehr Schmerzen.

„Ihr habt doch nun zwei gesunde Kinder. Seid glücklich mit dem, was ihr habt!“

Niemand sagt, dass ich mit dem, was ich habe, nicht glücklich bin. Ich liebe meine Kinder bedingungslos, eine Liebe, die ich bisher noch nicht kannte. Ich würde sofort betteln, stehlen, töten, Hochverrat begehen, gefährdete Arten vernichten, wenn das Leben meiner Kinder davon abhängen würde. Ja, ich danke Gott / Buddha und sämtlichen anderen Gottheiten dieser Welt für die Gesundheit und das Glück meiner Kinder und ich würde alles dafür tun, wenn sie nicht glücklich oder nicht gesund wären.

Nichts davon ersetzt allerdings das Baby, das ich nie haben werde, es mir aber so verzweifelt wünsche.

„Das ist alles Teil von Gottes Plan.“

Sieh mal, vielleicht bist du religiös und du selber glaubst an das, was du sagst. Aber ich möchte bitte nichts von Gotts Plan hören, danke. Er könnte einen Plan gehabt haben. Ich allerdings auch. Generell gilt doch: Mein Körper, meine Entscheidung, oder?

„Na, kommt da bald noch was Kleines hinterher?“

Seht mal, ihr Arschlöcher. Ihr wisst nie, wer mit sekundärer Unfruchtbarkeit kämpft. Wenn du mich also fragst, ob ich schwanger werden will, dann stichst du mitten in die Wunde! Meistens werde ich dann sehr traurig, weil ich eben nie wieder ein Baby bekommen werde! Manchmal werde ich auch total wütend- Hey blöde Kuh, du hast mich gerade daran erinnert, dass ich nie wieder ein Baby bekommen werde! Außerdem hast du mir durch deine blöde Frage gerade bestätigt, dass unsere Familie unvollständig ist. Danke dafür, Idiot.

„Hast du gehört, dass so und so schwanger ist?“

Nein, habe ich nicht. Und offen gesagt, will ich es auch gar nicht wissen. Warum? Nun, weil ich es hasse, daran erinnert zu werden, dass alle anderen Menschen auf der ganzen Welt anscheinend ihren Mann nur angucken müssen, um schwanger zu werden, während ich hier in der Schade-aber-du-wirst-nie-wieder-schwanger-werden-Ecke stehen muss. Es wird noch schlimmer, wenn wir die betroffene schwangere Person kennen, denn jetzt wird von uns erwartet, dass wir auf jeden Ich-bin-schwanger-und-glücklich-Post auf Facebook reagieren. Scheiß drauf. Ja, wir können uns im Stillen sicher für euch freuen. Ich möchte, dass meine Freunde und Lieben die Menge an Babys bekommen, die sie sich wünschen und ich freue mich für sie, wenn ihr Wunsch erfüllt wird. Aber die meiste Zeit überwältigt der Schmerz die Freude.

„Oh mein Gott, wann ist es soweit?“

Boaaaaahhhh, fick dich. Du. Nein, fick dich und das Auto, mit dem du hergefahren bist. Du hast kein Recht, den Zustand meines Körpers zu kommentieren und dieser Kommentar lässt auch die meisten anderen nicht schwangeren Frauen sich schrecklich fühlen. Dieser Kommentar macht es deswegen nur noch schlimmer, weil wir das Gefühl vermittelt bekommen, dass wir nicht richtig sind und er erinnert uns auch daran, dass unsere Körper nie wieder schwanger sein werden, danke.

„Also, ihr denkt darüber nach, ob ihr noch ein Kind bekommen wollt?“

Was für eine intime und blöde Frage ist das bitte? Ende der Diskussion. Aber da du jetzt schon so unhöflich gefragt hast: Nein, wir denken nicht über weitere Kinder nach. Weil wir nämlich keine Kinder mehr bekommen können. Behalte derartige Fragen also bitte für dich. Und jetzt ist der schöne Tag ruiniert, weil du mich daran erinnert hast, dass ich kein Baby mehr bekommen kann.

„Vielleicht ist es so das beste.“

Nein. Nein, es ist nicht das beste. Am besten wäre es, wenn wir noch ein Baby zum Kuscheln und Lieben in unserer Mitte haben würden. Das beste wäre eine jüngere Schwester für meine Jüngsten. Kein Baby mehr bekommen zu können? Das ist nicht das beste für uns alle. Das ist einfach scheiße, okay?

„Es gibt für alles einen Grund.“

Niemand wird jemals wissen, was der Grund für unsere sekundäre Unfruchtbarkeit ist, und es ist nicht so, als würde irgendein kosmisches Wesen herunterfallen und mich über die Gründe informieren, also ist das ganz und gar nicht beruhigend und eigentlich sagt dieser Satz nur aus: Nimm’s nicht so schwer, Mädchen!

Das ist unhöflich, gleichgültig und zudem auch völlig unnötig.

„Die Zeit heilt alle Wunden.“

Nun, wir sprechen hier über die Zeit in der Zukunft. Wir leben allerdings im hier und jetzt. Und genau hier und jetzt bin ich eine Mutter ohne Baby, die sich allerdings immer noch nach einem weiteren Baby sehnt und sich immer noch in tiefer Trauer darüber befindet, dass wir kein Baby mehr kriegen können. Also sag, dass es dir leid tut. Sag, dass es unfair ist. Sag, dass du weißt, dass ein weiteres Baby toll wäre und du dir vorstellen kannst, wie weh das tut. Bestätige unsere Gefühle. Umarme uns. Gib uns den Raum, um traurig sein zu können, um wütend sein zu dürfen und sorge dafür, dass wir all das bekommen, was wir brauchen, um unser Schicksal verarbeiten zu können. Weil es irgendwann besser wird. Die Wunde wird heilen.

Sie wird allerdings nie ganz heilen. Du weißt das. Und ich weiß das auch.

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