Young shaggy mum breastfeeds sleeping baby and looking at smartphone, lifestyle, selective focus, toning, pastel grey colors
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Ein Gastartikel von Lucy aus Rosenheim.

Bitte hör einfach auf. Lass es einfach. Ich bin so nah dran, dich als Freundin auf Facebook zu entfernen. Es geht immer nur um dich und um dich und um dich…….

Social Media besitzt neben der Möglichkeit sich mit anderen auszutauschen leider auch die Möglichkeit das Menschen – namentlich Mütter – sich plötzlich absolut unzulänglich fühlen. Man fühlt sich wie ein Versager. Nicht kreativ genug. Nicht lustig genug. Nicht mütterlich genug. Nur nicht…. naja…. „genug“ genug.

Und es kotzt mich an, weil das Mamadasein auch mal anstrengend ist. Wir tun alle unser bestes. Wir alle machen es vielleicht nur „anders“ als andere.

Ich selber war in den ersten drei Jahren meiner neuen Mutterrolle völlig überfordert. Ich las jeden einzelnen Artikel, der von anderen Müttern auf meiner Feacebookseite geteilt wurde. Das Lesen dieser Artikel mit all diesen bitteren Wahrheiten – hat mich weder gut informiert noch selbstbewusster gemacht. Ich fühlte mich beschissen.

Diese Artikel, Statusposts, all der Rezepte-Wahnsinn oder die DIY-Bastelanleitungen liessen mich wie ein unkreativer Haufen Mist fühlen. Ich hatte nicht einmal daran gedacht, diese Dinge überhaupt in Betracht zu ziehen- und schlimmer noch, das Lesen dieser Beiträge hat mich auch nicht dazu gebracht, mich ändern zu wollen. In einem Artikel erfuhr ich, dass roter Lebensmittelfarbstoff Krebs verursachen kann. Ein kostenloses Schuldgefühl gab es mit obendrauf, denn jetzt habe ich bei jedem roten Lolli, den ich meiner Tochter gebe ein mieses Gefühl.

Oh, und dann gibt es da noch die obligatorischen glücklichen Familienfotos an bezaubernden Orten. Schau uns an! Wir sind so glücklich und tragen alle zufällig zusammen passende Outfits. SAUBERE Kleidung! Schau uns an! Wir sind so glücklich und lachen hysterisch in einem dieser trendigen Restaurant, in dem sich unsere Kinder nahezu perfekt benehmen. Schau uns an! Wir sind so glücklich, das Leben ist ein Ponyhof! Sieh uns an! Wir fahren Ski. Wir machen Urlaub. Wir kuscheln. Wir wandern. Wir lächeln den ganzen Tag.

Hört sofort auf damit. Denn nein, nein, das ist nicht die Wahrheit!

Als ich ungefähr sechs Monate lang Mama war,  beendete mein Mann die Liaison mit meiner Lieblings-Baby-Website, die mit unzähligen Artikeln und Forenbeiträgen vollgestopft war.  Ich war wie besessen. Diese fremden Mütter waren wie meine Gurus. Ich weiß gar nicht genau warum, aber ich vertraute darauf, dass sie bei allem mehr wussten als ich.

„Hör auf, auf diese Website zu gehen, Lucy!“ bettelte mein Mann.

„Aber ich liebe sie! Ich lerne da immer so viel“, argumentierte ich.

„Du glaubst jetzt zum wiederholten Male, dass unser vollkommen gesundes Baby eine unheilbare Krankheit hat“, sagte er.

Er hatte Recht. Wer waren diese Frauen überhaupt? Warum wurde ich so einer Gehirnwäsche unterzogen? Woher wusste ich, dass ihre Aussagen der Wahrheit entsprachen? Warum hatten sie überhaupt so viele Meinungen zu einem Thema?

Ich habe nie selber Antworten oder Meinungen veröffentlicht. Ich habe allerdings Fragen gestellt. Jedoch: Wo war meine eigene Intuition? Mein Bauchgefühl?

Ich löschte mein Benurtzerkonto und fing an, meine eigenen Werkzeuge zu benutzen: Mein Bauchgefühl, mein Herz und mein verdammtes Gehirn. Wenn ich ein Problem hatte, rief ich meine Mama oder eine Freundin an. Ich wollte mich nicht mehr an eine Million fremde Menschen wenden, die nur darauf aus sind, Ratschläge geben zu können um mich dann absolut inkompetent fühlen zu lassen.

Mir wurde schnell klar, dass ich auch etwas gegen diese passiv-aggressiven Facebook-Ratschläge tun musste, die täglich meine Startseite voll spamten. Auf den ersten Blick wirkten die Ratschläge harmlos aber ganz subtil degradieren sie dich in ihrer hinterhältigen Art und Weise. Meine eigene Unsicherheit triggerte mich. Diese Beiträge kamen allerdings nicht von völlig fremden Menschen; Sie kamen von echten Freunden oder Facebook-Freunden (Ja, da gibt es einen Unterschied für mich), die wahrscheinlich selber nur auf der Suche nach Informationen waren. Aber Achtung: Trockenes Ertrinken. Achtung: Zucker. Achtung: Schadstoffe im Spielzeug. Achtung: Pulvermilch.

Ich gebe gerne zu, dass ich Social Media liebe. Ich liebe die Möglichkeit, mal eben dem Alltag entfliehen zu können. Ich liebe es, Hochzeits- und Babybilder bestaunen zu können. Ich liebe manch lustige Anekdote und Sprüche finde ich auch cool.

Ich wusste also, was ich tun musste: Ich reagierte nur noch auf das, was mir Spaß machte. Ich machte meinen Master im Scrollen.

Innerhalb kurzer Zeit fand ich nicht nur heraus, dass ich weniger Zeit mit unnützem Lesen von Nichtigkeiten verbrachte, nein, ich fühlte mich auch viel besser. Ich habe aufgehört, meinen vielleicht etwas chaotischen, lockeren Erziehungsstil mit dieser falschen Darstellung von Perfektion zu vergleichen. Ich fing endlich an, Mama zu sein. Ich war weniger ängstlich, weniger unsicher bei jedem Schritt, den ich machte. Wenn ich es vermasselt habe, dann hey, wen interessiert’s? Wen betrifft es? Richtig: Mein Kind und mich. Ende.

Die Erfindung des Internets und auch die Erfindung von Social Media hat uns ganz schön durcheinander gebracht. Wir sind mittlerweile fast zu gut informiert und bekommen täglich neue Infos, die oft widersprüchlich und/oder sehr beängstigend sein können. Ich frage mich, wie die Generationen vor uns bloß ohne diesen ganzen Kram ausgekommen sind. Bestimmt nicht unbedingt schlechter……

Egal welches Bild wir auf Facebook posten, im Grunde genommen sind wir doch alle gleich. Wir sind alle erschöpft. Wir alle schreien manchmal. Wir alle sind manchmal ratlos. Wir kennen alle diese Tage, an denen wir das Bett am liebsten nicht verlassen wollen. Wir sind alle schon mal mit einem Kater aufgewacht und dachten: „Sch…., wie soll ich das heute bloß alles schaffen?“ Wir alle haben unsere Kinder ab und an zu viele Süßigkeiten essen lassen oder wir haben dem Nörgeln einfach klein beigegeben, nur um Ruhe zu haben.

Das ist in Ordnung so. Wir sitzen alle im selben Boot, Mädels. Wir sollten die nächsten 10 Jahre und länger zusammen halten und uns dann auf einen Drink treffen, wenn wir verzweifelt sind, weil die Kinder ausgezogen sind. Wir können uns dann gemeinsam daran erinnern, wie sehr wir die Zeiten doch vermissen, in denen unsere Kinder noch klein waren. Wir können dann mit bösen Kater aufwachen und direkt wieder einschlafen. Hey, lasst uns dann sogar gerne ein paar Selfies machen und sie anschließend auf Facebook veröffentlichen.

Ich bitte euch lediglich darum, darauf aufzupassen, dass ich darauf auch einigermaßen gut aussehe, schließlich könnten das meine Kinder sehen 🙂

 

 

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