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Ein wunderschöner Gastbeitrag von Helena aus Wuppertal.

Es kommt mir vor, als wäre es erst gestern gewesen, als ich den Moment deines ersten, bewussten Lächelns feierte. Dein erster Meilenstein. Deine Geburt war schnell und unkompliziert, liebevoll nannten wir dich „kleiner Blitz“ und es kam uns so vor, als schliefst du in den ersten Lebenswochen so gut wie nie. Du hattest furchtbare Koliken und hast viel geweint. Ich wusste damals nicht, wie ich dich glücklich machen sollte – unsere Nerven lagen blank und wir fühlten uns wie gefangen im reinen „Überlebensmodus.“ Gerade als ich im Begriff war, komplett übermüdet die Fassung zu verlieren, lächeltest du uns plötzlich an.  Mein Herz explodierte. Es war dein allererstes, bewusstes Lächeln, und es ließ uns all die Wochen voller Erschöpfung und Frustration vollkommen vergessen. Einfach so.

Wir haben noch so viele weitere „Premieren“ gefeiert. Das erste Mal, als du dich gedreht hast. Das erste Mal, als du dich von alleine hingesetzt hast. Deine ersten Zähne. Deine erste feste Nahrung. Dein erstes Krabbeln. Deine ersten Schritte. Dein erstes Mal wegrennen. Dein erstes Mal Pipi im Töpfchen.

Vor kurzem habe ich erkannt, dass das Feiern von Premieren bedeutet, dass mit ihnen auch ein letztes Mal, ein Abschied, kommt. Ich will gar nicht Trübsal blasen, aber es ist nun mal so, dass niemand weiß, wann etwas zum letzten Mal passiert. Wenn etwas ganz bewusst zum letzen Mal passiert, kann das sehr weh tun. Es ist unausweichlich, dass gewisse Dinge irgendwann ein allerletztes Mal geschehen.

Dein erstes Krabbeln bedeutete auch, dass du nicht mehr so sehr festgehalten werden wolltest. Deine temperamentvolle Persönlichkeit verlangte nach Unabhängigkeit, sie wollte die Welt erkunden – mit Höchstgeschwindigkeit, möchte ich hinzufügen. Ich erinnerte mich an die anstrengenden Monate voller Bauchkrämpfe, in denen ich dich im Arm hielt und dich 24 Std. am Tag trug – diese Erinnerungen tun auch weh, weil ich mich vor Erschöpfung in den Schlaf weinte. Oft genug. Dich in meinen Armen zu wiegen, geschah aus unendlicher Liebe, aber auch aus dem Überlebensmodus und der Notwendigkeit heraus. Ich konnte dich nicht mal eine Minute lang ablegen, ohne dass du sofort geweint hast. Ich konnte keine Pause machen. Ich sehnte mich nach fünf Minuten für mich selbst. Eines Tages, ohne dass ich drauf vorbereitet war, war es das letzte Mal, dass ich dich in einer Babytrage trug. Ein  letztes Mal wog ich dich in den Schlaf, bis du aufgehört hast zu schreien. Ein letztes Mal, als wir beide so verletzlich waren.

Wenn ich gewusst hätte, dass es das letzte Mal war, dass ich dich in einer Babytrage trug, hätte ich es vielleicht viel mehr genossen, selbst, wenn ich nicht mehr als eine Stunde zuvor geschlafen hätte. Wenn ich gewusst hätte, dass es das letzte Mal war, hätte ich mir den süßen Geruch deiner Haare noch mehr eingeprägt und dich noch ein wenig länger an mich gedrückt.

Aber wir können die Dauer der einzelnen Momente eben nicht vorhersagen.

Du bist nicht mein erstes Baby, du bist allerdings mein letztes. Ich möchte diese kostbaren Momente so lange wie möglich festhalten. Mich zerreißt diese Polarität total: Deine wachsende Unabhängigkeit fördert etwas von der Freiheit, nach der ich mich so verzweifelt gesehnt habe – und lässt mich gleichzeitig mit der Leere zurück, dass du mich jeden Tag immer weniger brauchst. Verrückt, oder?

In letzter Zeit hast du enorm viel erreicht. Im letzten Monat hast du das Undenkbare möglich gemacht: Du wurdest trocken. Von ganz alleine. Fast völlig unaufgefordert und schneller als erwartet, hast du es geschafft. Irgendwann im letzten Monat bedeutete das, dass ich deine letzte Windel gewechselt habe. Ich sollte diesen Meilenstein wirklich feiern. Ich bin so stolz auf dich.

Wenn ich gewusst hätte, dass ich letzten Monat irgendwann deine letzte Windel wechseln würde, hätte ich es viel bewusster gemacht, um mir genau einzuprägen, wie sehr du immer versucht hast, mir behilflich zu sein – trotz deiner fuchtelnden, wilden Beinchen hast du immer versucht, mir zu helfen, wenn wir eine neue Windeln angezogen haben. Mittlerweile brauchst du gar keine Windeln mehr, was bedeutet, dass du kein Baby mehr bist. Du bist nicht mal mehr ein Kleinkind. Du bist ein kleiner Junge, und die Zeit vergeht zu schnell.

Und nun, da du auch nachts keine Windel mehr brauchst, haben wir beschlossen, dass es an der Zeit ist, dass du in deinem Bett schläfst. Dein Vater hat sich aus einer Laune heraus entschieden, das Bett aufzustellen. Sicher, wir hatten schon öfter darüber nachgedacht, aber eines Tages haben wir es einfach getan. Wir feierten diesen Meilenstein mit Paw Patrol Bettwäsche. Du warst so glücklich in deinem neuen Bett, dass du gezittert hast. Du wolltest bereits um 16 Uhr in deinem neuen „Große-Jungs-Bett“ schlafen gehen. Ich bin so stolz auf dich. Aber wenn ich gewusst hätte, dass die Nacht zuvor das letzte Mal im „Familienbett“ gewesen wäre, hätte ich noch viel länger mit dir gekuschelt. Ich hätte bewusst eine Pause eingelegt, um über die letzten zweieinhalb Jahre, in denen ich mein Baby mit in unser Bett genommen habe, nachzudenken.

Wir haben noch ein Ritual, das ich nicht loslassen kann. Jeden Abend sitzen wir im Schaukelstuhl. Du bist jetzt schon fast zu groß für meinen Schoß, aber das hält uns nicht auf. Wir umarmen uns und flüstern und kuscheln. Deine Schwester brauchte dieses Ritual schon mit einem Jahr nicht mehr. Aber du – mein energischer, wilder Junge. Du weißt intuitiv, dass Umarmungen und Kuscheln dir helfen, dich zur Ruhe zu bringen. Eines Abends bist du fast ohne Umarmungen in dein neues Bett gegangen. Ich verstand es sofort. Ich hatte diesen neuen Meilenstein deiner Unabhängigkeit bereits akzeptiert. Aber tief im Innern war ich noch nicht bereit unser all abendliches Ritual aufzugeben.

Und so führten wir unser Ritual im Schaukelstuhl weiter fort und ich frage mich täglich, was ist, wenn es das letzte Mal ist, dass ich dich vor dem Schlafengehen hin und her wiege? Was ist, wenn du mich morgen nicht so sehr brauchst, wie heute?

Ich will keinen Moment verpassen, aber die Realität ist nun mal, dass ich dich loslassen muss. Denn jedes letzte Mal ist auch der Beginn von neuen ersten Malen. Ich möchte, dass du weißt, dass ich unser abendliches Ritual im Schaukelstuhl loslassen werde, wenn dieser Tag kommt. Ich werde dir gute Nacht sagen, die Tür deines Zimmers schließen, und ich werde heulen wie ein Schlosshund – aber ich werde es akzeptieren. Hier geht es nicht um mich. Es geht darum, deine Unabhängigkeit und deine Meilensteine im Leben zu feiern. Jedoch: Bis es das letzte Mal ist, dass wir vor dem Schlafengehen kuscheln, werde ich es ganz bewusst genießen.

Ich liebe dich.

Deine Mama.

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