Ein Gastbeitrag von Karina aus Fürth

Religion hat immer eine Rolle in meinem Leben gespielt. Ich bin in einen evangelischen Kindergarten gegangen, beide Elternteile waren gläubig und interessiere mich noch heute noch für die Lehren von Buddha und Tao, aber dennoch muss ich gestehen, dass man mich nicht als religiös bezeichnen kann. Ich glaube z.B. nicht, dass es nur eine richtige Lehre gibt oder nur ein Buch wahr ist, und ich stimme nicht mit allem überein, was in organisierten Religionen vorgelebt wird.

Als meine Tochter im Winter 2017 auf die Welt kam, wusste ich, dass mein Mann und ich einige schwierige Entscheidungen treffen mussten – einige schwierige Entscheidungen, die für uns nicht wirklich einfach sein würde. Und ich wusste es. Meine Tochter war nicht viel größer als eine Hand voll Mensch, als wir das erste Mal mit unseren Eltern über das Thema sprechen mussten.

„Ihr werdet das Baby doch taufen lassen, oder?“

Ich holte Luft und atmete aus. Ich wusste, was als nächstes kommen würde, und so sortierte ich meine Gedanken, bevor ich sie aussprach. Ich wusste, dass ich mehr als nur „nein“ sagen musste.

„Eigentlich wollen wir das nicht, Mama. Wir sind nicht richtig dagegen und wir werden auch gewisse Werte vermitteln aber Stefan und ich haben entschieden, dass wir sie nicht taufen lassen werden. Wir werden die Bohne (mein zärtlicher Kosenamen für unser damals geschlechtsloses Baby) über Spiritualität und Religion nämlich selber nachdenken lassen.“

Gute Antwort, oder? Nun, nein. Anscheinend nicht, weil nämlich ein langes Schweigen folgte. Ihr kennt diese peinliche, schmerzhafte Stille……

Die gute Nachricht war, dass ich mich auf das Schweigen bereits vorbereitet hatte. Ich hatte mich auch auf Wut und Enttäuschung vorbereitet und sogar auf Tränen hatte ich mich vorbereitet. Worauf ich mich allerdings nicht vorbereitet hatte, war das, was dann tatsächlich passiert ist – nämlich das, was meine liebevolle Verwandte als Nächstes sagte.

„Aber du musst das Baby taufen lassen! Wenn du es nicht tust und etwas passiert, wird sie… sie wird … Du weißt schon, dass ungetaufte Babys in die Hölle kommen, oder? „

Meine Güte. Das hat sie jetzt nicht ernsthaft gesagt, oder?, dachte ich. Nein, hat sie nicht, oder? Aber anstatt zu schreien, lächelte ich einfach und schaute weg. Wir werden diese Diskussion ein anderes Mal an einem anderen Tag fortsetzen. Und genauso haben wir es auch getan. 

In den nächsten neun Monaten gab es diese Unterhaltung viele, viele Male.

Aber mittlerweile kommt das Thema nicht mehr auf. Warum? Weil ich ihre anfängliche Sorge im Keim erstickt habe. (Nach Papst Benedikt gibt es nämlich tatsächlich die Hoffnung, dass Kinder, die sterben, ohne getauft zu werden, in den Himmel kommen können.) Die Zeit hat quasi die Wunden geheilt. Und auch ohne irgendeine Religionszugehörigkeit ist meine Tochter eine der freundlichsten, nachdenklichsten und einfühlsamsten Menschen, die ich kenne.

Meine 5-Jährige ist höflich, mitfühlend, tolerant und geerdet.

Und es scheint, dass ich mit dieser Einstellung nicht alleine bin. Laut einer Studie von 2015 aus der Zeitschrift Current Biology – einer Studie, die die moralische Eignung von 1100 christlichen, muslimischen und atheistischen Kindern mit einem Experiment namens „Das Spiel der Diktatoren“ vergleicht – sind nicht religiöse Kinder tendenziell großzügiger als solche, die in christlichen oder muslimischen Haushalten erzogen wurden.

„In diesem Experiment wurden den Kindern 30 Aufkleber gezeigt und ihnen gesagt, dass sie ihre liebsten 10 Aufkleber auswählen dürfen, um diese dann zu behalten. Den Kindern wurde dann gesagt, dass der Leiter des Spiels nicht genug Zeit hätte, um dieses Spiel mit allen zu spielen, so dass einige der Kinder keine Aufkleber bekommen würden. Die Ergebnisse zeigten, dass Kinder aus christlichen und muslimischen Haushalten deutlich weniger großzügig waren als Kinder aus nicht-religiösen Haushalten, wenn es darum ging, ihre Sticker mit anderen Kindern zu teilen.“

Außerdem waren die Kinder, die ohne Religion aufwuchsen, toleranter und nachgiebiger während die in religiösen Haushalten aufgewachsenen Kinder härtere Strafen forderten und nach Gerechtigkeit verlangten. Laut den Autoren der Studie waren diese Ergebnisse jedoch nicht überraschend und sie basierten wahrscheinlich auf einem Phänomen, das als „moralische Verpflichtung „bezeichnet wird. Das bedeutet, dass sich Menschen moralisch verpflichteter fühlen als andere, weil sie etwas moralische Verpflichtendes tun, wie z.B regelmässig eine Kirche zu besuchen.

Und obwohl ich nicht für andere Kinder sprechen kann, noch die Ergebnisse dieser Studie in Abrede stellen will, möchte ich dennoch sagen, dass meine Tochter nicht nur großzügig und tolerant ist, sie ist auch unglaublich süß und liebevoll. Sie ist mitfühlend, nachsichtig und einfühlsam, meine Tochter ist „dieses Kind“ auf dem Spielplatz – die immer ihr Spielzeug und ihre Kekse mit anderen Kindern teilt. Sie ist die Art von Mädchen, die sich um Papa  kümmert, wenn er krank ist, die sich um völlig Fremde kümmert, wenn sie sie schreien oder weinen hört. Wenn sie jemanden in Not sieht, bringt sie ein Taschentuch mit oder verteilt Umarmungen und sie versteht die Kraft von Wörtern wie „bitte“ und „danke“ und „Es tut mir leid“.

Sie macht das alles nicht, weil ein Buch ihr das vorgegeben hat. Sie handelt so, weil sie weiß, dass es richtig ist – denn genau so soll man andere Menschen behandeln.

Während also viele Menschen Selbstlosigkeit, Großzügigkeit und Dankbarkeit durch eine Religion lernen – weil Religion diese Werte einflößt -, tun dies unzählige andere aber nicht. Vergebung ist nicht exklusiv gepachtet für Religionen. Dankbarkeit ist nicht ausschließlich für religiöse Menschen gemacht. Empathie und Verständnis sind nicht ausschließlich Bestandteile der Religionen. Religion und Moral sind nicht untrennbar miteinander verbunden – denn nicht Religion allein zaubert gute Menschen. Menschen machen gute Menschen.

Und ich bin wild entschlossen aus einem wunderbaren, kleinen Menschen einen großen wunderbaren Menschen zu machen.

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