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Von Luisa aus Bern

Tut dein Gehirn auch manchmal weh? Weil meins tut es – sehr oft sogar. Es schmerzt, und wenn es als Person dargestellt wäre, würde es wie ein Marathonläufer bei Kilometer 30 aussehen, der nur darum bettelt, dass das Rennen endlich vorbei ist!

Nein, es sind keine Kopfschmerzen, die durch gewöhnlichen Elternstress hervorgerufen werden: Hormone, ein weinendes Baby, ein Wutanfall eines 3-Jährigen oder ein störrischer Teenager, der die Augen rollt. Es sind keine Kopfschmerzen, die durch einen chaotischen Haushalt, einen Streit mit dem Ehemann oder einen bösen Blick von einem anderen Mutter ausgelöst werden. Es sind Kopfschmerzen, die, wenn sie schreien könnten, schreien würden: „Ich kann und will keine weitere Entscheidung treffen müssen! Jemand anderes soll es einfach mal tun, verdammt! Sag mir einfach, was ich tun soll!“

Wusstest du, dass das Gehirn täglich durchschnittlich 35.000 Entscheidungen trifft? Diese werden als fernbewusste Entscheidungen betrachtet, die auf der Tatsache beruhen, dass unser Gehirn aus einer Kombination aus Impuls und Logik arbeitet. Ich wette, wenn ein Neurologe in der Lage wäre, die Anzahl der Entscheidungen, die eine durchschnittliche Mutter an einem Tag trifft, analysieren und quantifizieren zu können, würden es durchaus doppelt so viele sein.

Denkt mal darüber nach, Mamas. Von der Sekunde an, in der diese zweite Linie bei einem Schwangerschaftstest rosa oder blau wird, gehen unsere Gehirne in den Vollgasentscheidungsmodus. Ich wage zu behaupten, dass Mütter von Natur aus Kontrollfreaks sind, denn jede Entscheidung, die wir treffen, entscheidet über Leben oder Tod.

Wir verbringen neun Monate mit dem Denken, Verarbeiten und Abwägen der Vor- und Nachteile von allem, was wir essen, tun, planen, sagen und kaufen. Dann, wenn die Kinder kommen, vervielfachen sich die Entscheidungen (und die Schwere ihrer Folgen), und wir verbringen unsere Tage in einem Rausch von „Ja, das müssen wir tun. Nein, nicht das. Das? Sollen wir das tun? Warum? Warum nicht? Was ist damit? Und das?“ Wir werden zu einer Maschine zum Kochen, Taxifahren, Wäschewaschen, Antworten geben. Wir müssen Entscheidungen treffen und stets die Kontrolle über alles haben und das kann geradezu bedrückend werden.

Abendessen. Fahrgemeinschaft. Arbeitsmeetings. Schultreffen. Verabredungszeiten. Trainingsziele. Kinderziele. Heiratsziele. Lebensziele. Entscheide dich. Entscheide dich. Entscheide dich!!!!

Und eines Tages, wenn man zum Date mit dem Mann fahrt, wird der Mann dich anschauen und er fragt: „Wo willst du essen gehen und welchen Film willst du sehen?“

Und dann explodiert dein Kopf – genau dort auf dem Vordersitz des Familien-SUV – und hypothetische Hirnsubstanz schleudert überall hin, gespritzt auf zerdrückte Goldfisch-Cracker und vergessene Bibliotheksbücher. Der Druck der Millionen und Abermillionen von Mutter-, Eltern-, Ehe- und Lebensentscheidungen, die du in den letzten zwei Jahrzehnten treffen musstest, bringt deinen Kopf schließlich zum Platzen. Bääämmmmmmm!!!!

Du siehst deinen liebenden, geduldigen Ehemann an, der keine Ahnung hat, was gerade in deinem Kopf passiert ist, und du sagst nur leise (und fast sadistisch): „Ich. kann. nicht. noch. eine. Entscheidung. treffen. nicht heute. oder .vielleicht. auch. nie.“ Mein Gehirn, das jetzt nicht mehr entscheiden muss, wo wir essen gehen und welchen Film wir sehen, entspannt sich zusehends und ist nicht mehr bereit, jemand anderem (jedem) sagen zu müssen, was er zu tun oder zu lassen hat.

Und dieses entspannte, ruhige Gefühl? Ich will es öfter als nur dieses eine Mal fühlen. Ich will es immer wieder spüren. Und der einzige Weg, es fühlen zu können, ist, dass jemand anderes so viele Entscheidungen treffen muss, wie er nur kann, weil ich es leid bin, die Kontrolle über jede verdammte Sache haben zu müssen.

Ich. bin. so. verdammt. Müde.

Diese Generation moderner Mütter hat mehr Wahlmöglichkeiten – und damit müssen wir zwangsläufig auch mehr Entscheidungen treffen – als jede andere Generation von Müttern vor uns. Du glaubst mir nicht? Schau dir nur die Vielfalt der Ketchups im Regal des Supermarkts an. Unsere Mütter? Die Wahl fiel auf Heinz… Wir? Nicht weniger als 15 verschiedene Ketchups stehen zur Auswahl. Einerseits, ja, es ist toll, dass wir so viel zur Auswahl haben. Aber andererseits? Wir sind mental erschöpft und überwältigt von der Fülle der täglichen Entscheidungen, die wir als Mütter treffen müssen – Ketchup-Entscheidungen sind eine Metapher für unser ganzes Leben. Sogar Lebensmittelhändler beginnen zu erkennen, dass das Angebot und weniger Auswahl die Ängste der Konsumenten stark reduzieren können und sie dadurch ermutigt werden, mehr Geld auszugeben.

Können wir das irgendwie auf die Rolle der Mutter übertragen? Vielleicht liegt es daran, dass Millionen von Müttern in permanenten Angstzuständen herumlaufen, weil der Druck aller Entscheidungen, die wir treffen, unser ansonsten gesundes, ruhiges Gehirn verstopft. Kurzmeldung, liebe Mama: Du hast die Erlaubnis, zurücktreten zu dürfen und andere Leute entscheiden zu lassen!

So hart es auch ist, reale, konsequente mentale Veränderungen in unserem Leben vorzunehmen, gegen ausgetretene Denk- und Entscheidungsgewohnheiten zu kämpfen und alles zu managen lohnt sich dennoch sehr. Zu keinem anderen Zeitpunkt in meinem Leben habe ich so viele Entscheidungen an andere Menschen abgeben wie jetzt – ich, die Königin der Delegation, und gab sie nicht nicht nur an meinen Mann ab, sondern auch auf meine Kinder. Und das Ergebnis, dass ich mich langsam und leise vom Laufband der Entscheidungsfindung verabschiedet habe, war einfach herrlich.

Scheiße passiert immer noch – es ist nur so, dass jetzt andere Leute auf den Haufen treten und es beseitigen müssen. Vielleicht nicht so, wie ich es tun würde, aber auch das ist mir egal. Das befreiende Gefühl ist zu groß. Diese Erkenntnis, dass Mütter nicht alles entscheiden müssen, hat mich zu einer glücklicheren und ruhigeren Mutter gemacht. Und eine glückliche Mutter zu sein, ist die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe.

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