Ein Gastbeitrag von Hannah aus Berlin

Die Geburten meines ältesten und meines jüngsten Sohnes ließen beide auf sich warten. Beide kamen weit über ET, sie kamen kahlköpfig und kreischend auf diese Welt. Die Geburten dauerten beide über 15 Stunden. Als beide da waren, schrieen sie als ob es kein Morgen gäbe…….LAUT und aus voller Kehle!

Mein mittlerer Sohn Lion wurde dagegen in nur vier Stunden geboren, von der ersten Wehe bis zur Letzen, und er wird für immer als DAS Baby bekannt sein, das fast im Steakhouse geboren wurde. Mit einem schwarzen Haarschopf kam er auf die Welt und schrie nicht, er guckte nur neugierig umher. Er war immer anders. Von Anfang an.

Um das gleich zu sagen: Ich liebe alle meine Kinder gleichermaßen.

Aber. (Es gibt ein Aber).

Ich liebe nicht alle meine Kinder gleich.

Ich liebe es, mit meinem drei Jungs rumzuhängen und häufig ertappe ich mich dabei, dass ich unbewusst viel entspannter beim Ältesten und beim Jüngsten bin. Es ist nicht so, dass ich nicht versuche, mich mit meinem mittleren Sohn zu verbinden; es klappt nur einfach nicht so einfach wie bei den anderen beiden.

Und ich glaube, dass ich nicht die einzige Mutter auf der Welt bin, die so fühlt.

Mein Ältester Sohn Elias kann sich mit mir über Dinge unterhalten, die mich selbst immer wieder begeistern. Er ist neugierig, genau wie ich, und seine Interessen sind breit gefächert. Jetzt, wo er lesen kann, und wissbegierig neue Dinge liest, erzählt er mir von seinen Erfahrungen und trifft dabei immer meinen Nerv. Ich kann ihm Geheimnisse erzählen, vertraue ihm Dinge an, die ich den anderen nicht erzählen kann. Wir können wirklich über all meine psychischen Probleme sprechen, denn auch er hat, wie ich, ADHS und unsere Gefühle sind oft so gleich.

Er ist, kurz gesagt, ein wirklich interessiertes Kind. Häufig gibt es dieses eine Kind, mit dem wir über besser über unsere Gefühle sprechen können.

Es ist noch mehr als das, Elias hat seine eigene Meinung zu ganz vielen Dingen. Beim Einkaufen rät er mir zu gewissen Dingen, ja, er berät mich regelrecht. Er äußert seine Wünsche ganz direkt , er ist kooperativ und hatte niemals einen Wutanfall…Er versteht mich, ich verstehe ihn…Er ist interessiert an allem, was ich tue: „Was nähst du da, Mama? Oh, das sieht toll aus. Ich mag diesen Stoff. „Elias ist leicht zu lieben, er ist offen und neugierig.

Dann gibt es ja da noch jüngstes, mein letztes Baby, mein Ben: Er ist und bleibt mein Baby! Mit knapp drei Jahren war seine Sprache schon so ausgereift und auch er konnte sagen, was er sich wünscht: „Ich hungrig, Mama“ und „Ich liebe dich, Mama“ und „Ich möchte kuscheln, Mama.“

Ben schläft in unserem Bett. Er gräbt sich unter der Bettdecke, stochert mit seinen kalten Zehen an mir herum und schmiegt seinen warmen kleinen Körper an meinen, und ich kann nicht anders und ich genieße jede Sekunde. Es ist die Magie des Letzt-geborenen, du saugst jeden Augenblick auf, weil du weißt, du wirst nie wieder diesen betörenden Babyduft riechen. Du kennst das, wenn du mehr als ein Kind hast. Der Jüngste ist immer etwas besonderes.

Ben kreiert aufwendige Sticker-Kreationen, die er dann seinem Vater und mir schenkt; Seine Bilder haben lange Geschichten, denen wir uns ausgiebig widmen müssen. Er schläft mit etwa sechshundert Kuscheltieren, und er ist an Niedlichkeit nicht zu toppen. Ich ziehe ihn an mich und kuschel ihn und alles ist gut so, wie es ist. Es ist so einfach, diese kleine Kreatur zu lieben. Es ist alles noch so einfach, wenn sie noch so klein sind…….

Dann ist da NOCH mein Paul.

Paul liebt alles, was SCHWARZ ist. Egal, was ich ihm hinlege, er wählt das Schwärzeste aller Outfits aus. Paul liebt Tiere – leider allerdings nicht die Art von Tieren, die man streicheln kann, wie z.B Hunde oder Katzen. Paul liebt das Gruselige, er liebt Spinnen, Käfer und jede Art von Würmern. Er kultiviert ganze Wurm-Farmen im Garten und sobald der Frühling kommt, sammelt er Spinnen und bringt sie allesamt ins Haus.

Seine Art der Kommunikation besteht nicht darin, sich zu unterhalten, sondern Fragen zu stellen. Frage nach Frage nach Frage. Oftmals ertappe ich mich dabei, wie ich mich durch seine Fragen stressen lasse. Er stellt unaufhörlich Fragen, wie z.B. „Und wann machen wir das? Wie lange wird das dauern? Wann, Mama?“  Ich versuche mich immer selbst daran zu erinnern, dass es seine Art der Kommunikation ist. Aber ich bin trotzdem oft genervt. WIR beide sind so unterschiedlich.

Paul ist nicht einfach. Wenn er keine Fragen stellt, dann will er über Salamander sprechen. Er möchte nicht keine selbstgenähten Klamotten von mir tragen. Nichts, was ich jemals für ihn genäht habe, hat er jemals freiwillig angezogen.

Ich versuche mich um all die Dinge zu kümmern, die ihm wichtig sind. Wenn er Fragen stellt, die nicht NUR wann und wo betreffen, so antworte ich ihm stets geduldig. Ich gehe mit ihm in all die vielen Zoos und er darf natürlich zuerst zu seinen heiß geliebten Krabbeltieren. Ich kuschel mit ihm auf der Couch, und diese Umarmungen sind umso wertvoller für uns, gerade weil wir so verschieden sind. Ich strenge mich an. Das gebe ich hiermit zu.

Also doch, ich habe anscheinend Lieblingskinder. Es ist schwer das zuzugeben. Ich schaue meinen liebenswerten kleinen Paul an, der sein Frühstück isst, in seinem geliebten Salamander Pyjama und es zerreißt mich innerlich. „Mama liebt dich genauso wie sie deine Brüder liebt. Ich habe lediglich einen leichteren Zugang zu den Brüdern, bei dir muss ich nur mehr ausprobieren.“

Ich dränge mich selbst darauf, so dass er denkt, dass ich selber eine große Spinnen-Freundin bin. Ich schleppe uns alle in den weit entfernten Froschteich, wo Paul den ganzen Nachmittag Amphibien jagen kann. Ich gehe im eiskalten Regen raus, nur um Regenwasser zu sammeln, um das Substrat für seine Wurmfarm zu befeuchten. Ich versuche ihm zu zeigen, dass ich ihn liebe. Und ich hoffe, dass er sich geliebt fühlt.

Aber es ist so viel schwieriger. Es ist so, so viel anstrengender als bei den anderen beiden. Ich liebe sie alle gleichermaßen. Aber diese Liebe kommt bei meinen ältesten und jüngsten Söhnen viel natürlicher und leichter aus mir heraus. Eigentlich habe ich eine immense Hochachtung vor Paul, denn er tut stets nur das, was er selber gut findet. Aber wenn es um den Alltag geht, ziehe ich den Jüngsten und den Ältesten einfach vor. Weil sie einfacher sind. Weil wir mehr gemeinsam haben. Weil es einfach einfacher ist, sie zu genießen.

Aber ich liebe meinen Ben gleichermaßen. Trotzdem fühlt es sich nicht gut an, so zu fühlen. Ich fühle mich schuldig. Täglich.

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