Ich kann mittlerweile darüber reden. Es fiel mir fast 40 Jahre lang schwer, diese Thema öffentlich anzusprechen. Wenn ihr so wollt, breche ich heute ein Tabu. Das Tabu meines Lebens. Ich denke, viele von euch werden mich verurteilen oder mich nicht verstehen, aber wenn ich mit meinen Worten auch nur ein paar Frauen erreiche, dann hat sich diese Offenheit schon gelohnt. 

Ich hatte als Kind eine lähmende Angst, die mir in die Knochen kroch und mich fürchterlich leiden ließ. Ich fragte mich, warum Menschen sterben müssen und was dann wohl passiert… Wenn ich dann in meinem Bett lag, stellte ich mir vor, was es bedeutet, NIE wieder da zu sein. Was für eine große Nummer ist das? NIE wieder? Was ist die Ewigkeit? Wie groß ist das Universum und wo hört es auf? Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wieso derart tiefgründige Gedanken meine kindliche Seele belasteten, aber es war so. Es lähmte mich, ich fing an meine Eltern zu fragen, ob sie auch irgendwann sterben werden und die Antwort ernüchterte mich: „Ja, das werden wir!“ Diese Antwort reichte mir nicht und so traute ich mich irgendwann meine Mama zu fragen, was denn passiert, wenn man gestorben ist. Wisst ihr, meine Mama ist eine kühle Norddeutsche, ohne eine christlich geprägten Erziehung und das, was sie mir antwortete, zog mir den Boden unter den Füßen weg.

Sie sagte: „Wenn man tot ist, ist man tot!“ Zack. Sie meinte es nicht böse und wollte mir nicht weh tun, aber es fühlte sich schrecklich an. So schrecklich. Der Grund für dieses negative Gefühl lag in mir selbst, ich fühlte, dass etwas anderes unsere Welt zusammenhält. Ich fühlte schon damals, dass da „mehr zwischen Himmel und Erde“ ist, als das, was wir sehen können. Davon war ich überzeugt. Es war nur schwer das Ganze für mich selbst greifbar zu machen, immerhin war ich noch so klein… Als Kind sind die Worte deiner Eltern eben maßgebend.

Okay, wenn man tot ist, ist man tot. Das war’s dann. Ende im Gelände. Asche zu Asche, Staub zu Staub. Deckel zu, Affe tot. Ich habe versucht, dieses Thema ganz bewusst aus meinem Leben zu verbannen, redete mit keinen Freunden darüber und schwieg einfach. In mir brodelte es allerdings… Irgendwas wollte an die Oberfläche brechen, aber ich lies es schlichtweg nicht zu. 

1999 war ein schlimmes Jahr. Meine heißgeliebte Oma starb an einem kalten Märztag, am Geburtstag meines Vaters. Drei Wochen vorher hatte sie die Diagnose Darmkrebs erhalten und es gab keine Hoffnung mehr für sie. Im selben Monat musste ich mein Abitur schreiben und meine Psyche befand sich in einem Ausnahmezustand. Ich ging den Krankenhausflur entlang, wie ein Löwe im Käfig.

Das Thema Tod war wieder da, diesmal konnte ich ihm nicht entkommen. Meine Oma starb im Krankenhaus, im Kreise der Familie. Ich fühlte mich ohnmächtig, erledigt und für immer gezeichnet. Jetzt war sie also tot. Und wenn sie tot ist, ist sie tot. Sie wird in deinen Erinnerungen weiterleben, sagten sie mir. Du kannst doch an die schönen Zeiten denken, sagten sie mir. Du wirst drüber hinweg kommen, sagten sie mir. Nichts davon lies mich von diesem Schmerz ablenken. NICHTS davon.

Es passierte genau drei Wochen nach ihrem Tod. Ich lag in meinem Bett, hatte grade erst meine erste Wohnung für mich ganz allein bezogen. Ich schlief. Plötzlich hatte ich einen Traum, der anders war, als alles, was ich bisher erlebt habe. Ich sah mich auf dem Bett liegen, aus einer Art Vogelperspektive. Plötzlich saß meine Oma bei mir am Bett und sie sprach zu mir. Ich wusste direkt, dass es sich um meine Omi handelt, ich erkannte sie. Wir sprachen miteinander. Sie erklärte mir, dass sie meine Trauer miterlebt und dass ich mich nicht sorgen muss, es ginge ihr gut. Sie habe keine Schmerzen mehr und sie liebt mich. Für immer. Dann saßen wir schweigend auf meinem Bett. Die Zeit stand still. Irgendwann machte sie sich auf den Weg und verschwand. Als ich aufwachte, wusste ich jedes Detail dieses „Traums“, ich konnte Gerüche wahrnehmen. Gerüche, die ich aus dem Haus meiner Oma kannte. Ich wusste, dass dies kein normaler Traum war. Es war mir bewusster als alles, was ich bisher erlebt habe.

Auch 19 Jahre später weiß ich noch jedes Detail. Ich kann es abrufen. Das geht mit keinem Traum sonst, mit diesem geht es allerdings. Ich wollte wissen, was an dieser Erscheinung dran ist… Ich hatte eine Steilvorlage für meine alte Angst bekommen. Wisst ihr, wenn ihr Freunde fragt, ob sie an ein Leben nach dem Tod glauben, dann gucken dich die Leute entweder komisch an, sie lachen dich aus oder sie eröffnen dir, dass sie auch Angst davor haben. Manchmal hört man auch mystische Geschichten und irgendwie kennt irgendjemand immer irgendwen, der auch etwas ähnliches erlebt hat. 

2013 wurde ich Mutter. Man sagt, dass ein Kind alte Ängste nochmal ganz anders hervorbringt. Stimmt. Die Liebe zu meinem Kind brachte mich an die Grenzen. Wahnsinn. Plötzlich bist du so PUR und so ECHT in deiner Liebe, dass es dich umhaut. Ich konnte mir nicht vorstellen, dieses wundervolle Wesen irgendwann nicht mehr „sehen und erleben“zu können. Da war sie wieder, meine Urangst. Wenn du tot bist, bist du tot. Dein Kind wird sich an dich erinnern und deine Liebe weitertragen. Oh, Mann. Das waren keine einfachen Monate für mich, ich grübelte und fand keine Antworten. Wer sollte mir denn auch sagen, dass ich entspannt bleiben kann, weil es danach weiter geht? Sowas sagen doch nur komische Menschen mit einem Aluhut, in weiße Gewänder gehüllt. Oder Gläubige.

Es ist ja nicht so, als glaube ich nicht an einen Gott. Für mich ist er nur „anders“ als das, was sich die meisten vorstellen. Jedenfalls fing ich an zu lesen. Ich verschlang jedes erdenkliche Buch, wo es um Tod, sterben und das „Danach“ ging. WIRKLICH ALLE. Da erzählten mir Menschen nun, dass es sehr wohl ein Leben nach dem Tod gibt. Teilweise hatten diese Menschen sogenannte Nahtoderfahrungen, teilweise hatten sie eine Ausbildung als Medium und teilweise war das auch echt sehr abgefahrenes Zeug. Das Problem bei Büchern ist, dass man auch hier nur etwas liest, was jemand anderes erlebt hat. Man muss dran glauben.

Ich wollte Beweise. Das ist bei dem Thema leider nicht ganz so einfach. Ich kann ja nicht kurz sterben, um dann zu erzählen, wie es mir ergangen ist. Auch kann ich keine bereits verstorbenen Menschen nach ihren Erlebnissen befragen. 

2014 lernte ich in Berlin Nina Herzberg kennen. Nina fiel mir gleich auf, sie fiel durch ihre Tätowierungen auf und sie umgab eine besondere Aura. In einem Restaurant kamen wir ins Gespräch. Nina erzählte mir, dass sie ausgebildetes Medium ist. Als eine der extrem wenigen Schüler von Pascal Voggenhuber, schaffte sie 2014 ihre Ausbildung bei ihm. Ein Medium kann mit Verstorbenen in Kontakt treten. Schluck. Ein gutes Medium kann dazu beitragen, dass man sich mit Verstorbenen versöhnt, oder letzte Fragen klärt. Ein gutes Medium weiß NICHTS von deiner Geschichte, es weiß nichts von dem Verstorbenen und es fragt dich auch keine Fragen zu deiner Beziehung oder zu Themen, die mit dem Tod der Person zusammen hängen. Nina bat mir an, mir am nächsten Tag ein sogenanntes „Reading“ zu geben, so nennt man es, wenn man mit dem Verstorbenen in Kontakt tritt. Ihr könnt euch sicherlich vorstellen, dass ich in dieser Nacht NICHT gut schlief.

Am nächsten Tag traf ich mich mit Nina. Wir saßen in einem schönen Raum und ich war mega angespannt. Ich wollte endlich Beweise haben. Wenn meine Oma tatsächlich noch irgendwie da war, dann würde ich das schon merken. Wenn ich nichts merke oder die Beschreibungen NICHT passen, dann ist es so, wie meine Mama gesagt hat: Tot ist tot.

Ich möchte kurz erwähnen, dass Nina weder mich kannte, noch ein Detail meiner Oma, sie wusste weder WIE noch WORAN meine Oma verstarb. Was dann passierte, war das mit Abstand Unglaublichste, was mir nach der Geburt meiner Tochter im Leben jemals widerfahren ist. Nina erzählte mir, dass sie eine Frau bei sich habe, die sich als meine Oma vorstellt. Sie sei 1999 an Darmkrebs gestorben und lag zum Schluß in einem Krankenhausbett, als sie ging. Sie erzählte mir, welchen Geruch sie wahrnehmen konnte, nämlich den ganz besonderen (Lavendel und Seife, so roch es bei Oma immer).

Der Knaller jedoch kam dann: Nina berichtet mir, dass meine Oma noch ein paar Worte an meine Mama, ihre Tochter, richten wolle. Sie würde sie oft besuchen und sehen, dass meine Mama immer an einer Kiste, in der sie die Erinnerungen an sie aufbewahrte, vorbei ging und sie nie öffnete. Der Schmerz war noch zu stark. Sie erwähnte, dass meine Mutter wohl oft schimpfte und traurig darüber war, dass meine Oma zu früh ging. Das erste Mal im „Reading“ verstand ich etwas nicht. Ich kannte weder die Kiste, noch wusste ich, dass meine Mama schimpfte und traurig war. Das sagte ich Nina und sie bat mich, meine Mama mal danach zu fragen. Außerdem sagte sie mir, dass es meiner Oma gut ginge, dass sie sich sehr über meine Tochter freue und dass sie mich oft besuche.

Es kamen Tränen. Tränen, weil ich spürte, dass hier etwas wirklich Bedeutendes geschieht und Tränen, weil ich sie so sehr vermisste. Tränen, weil ich sie plötzlich wieder riechen konnte und Tränen, weil es einfach so schön war. Ich kann es nicht beschreiben, aber für mich war das ein Beweis. 

Zwei Tage später….

Ich sitze in Hamburg und telefoniere mit meiner Mama. Wir reden über Ruby, über das Wetter und plötzlich kommt mir die Kiste wieder in den Sinn… Ah, da war ja noch was…

„Mama, warum hast du mir nie etwas von der Kiste mit Omas Erinnerungen in deinem Zimmer erzählt?“

PAUSE… „Woher weißt du das?“… PAUSE…

„Mama, warum schimpfst du, wenn du an der Kiste vorbei gehst mit Oma? Warum sagst du ihr nicht, dass du sie liebst?“

PAUSE…

Was dann passierte, werde ich nie vergessen. Meine Mama weinte bitterlich. Sie hatte noch nie darüber geredet, keiner wusste davon. Wir weinten beide. Natürlich erzählte ich meiner Mutter im Anschluss von Nina und dem Reading. Ich sagte ihr, dass mich ihre Aussage aus Kindheitstagen immer verfolgte…

Ihre Antwort darauf lautete: „Weißt du, ich spüre seit Omas Tod immer wieder ihre Anwesenheit. Ich wollte darüber nicht reden, aber ich glaube, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt, als das, was wir sehen!“ 

 

 

 

1 Kommentar

  1. Was für eine perfide Art der Werbung!!! Unglaublich! Der Text liest sich wirklich schlüssig und macht große Hoffnung, aber durch die letzten Sätze wird schnell klar: Hier möchte jemand Geld verdienen mit dem Kummer anderer Leute… Pfui!

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