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Von Susanne aus Bremen

Ich gebe auf. Ich kündige.

Ja, ja, ich weiß. Wir sagen unseren Kindern immer, dass sie nicht aufgeben sollen. Wenn sie entscheiden, dass sie Fußball nicht wirklich mögen, nachdem sie uns wochenlang darum gebeten habe, doch endlich im Verein spielen zu dürfen, dann wird die Mitgliedschaft eben wieder beendet. Wenn sie nach dem Kauf von Anzug, Gürtel und Handschuhen darum bitten, mit Tae Kwon aufhören zu dürfen, dann ist das eben so.

Schau mal, ich kann so einfach nicht mehr weitermachen. Ich habe die Nase gestrichen voll. Ich gebe hiermit meinen Rücktritt aus meinem Sport bekannt: Ich steige aus diesem dummen Wettbewerb unter Eltern endgültig aus. Ich belege ja eh immer einen der letzten Plätze. Ich bezweifle, dass überhaupt irgendjemand meinen Ausstieg bemerken würde.

Direkt nach dem Startschuss KIND lag ich bereits weit hinten: Ich litt unter postnataler Depression. Ich habe nicht gestillt. Ich war tatsächlich mal genervt. Ich gab meinen Kindern Vollmilch , bevor sie ein Jahr alt waren. Wir haben auch keine Baby- Gebärdensprach-Kurse besucht. Ich gab ihnen Joghurt mit Zucker und Fruchtquetschies. Für meinen ältesten Sohn hatte ich ein Fotoalbum angelegt, mein kleiner Sohn hat nicht mal ein.

Je älter meiner Kinder wurde, umso weiter rutschte ich im Wettbewerb nach hinten. Alle anderen schienen stets zu wissen, was sie tun müssen. Jede andere Muttert wusste direkt die Antworten auf schier unlösbare Herausforderungen. Und ich? Ich war erschöpft, verschwitzt und ich hatte einen Krampf in meinem Bein. Spätestens da hätte ich aus eurem Wettbewerb Aussteigen sollen……

Warte, wieso eigentlich Wettbewerb? Es gibt keinen Wettbewerb unter Eltern, sagst du? Du versprichst mir, dass es keine Verurteilungen gibt? Kein Ranking? Keine Wertungen? Nun, es ist vielleicht kein echtes Rennen und du willst vielleicht gar nicht urteilen, aber mal ganz ehrlich, es fühlt sich so an, als gäbe es ein riesiges Regelwerk für das Erreichen des Status der absoluten Perfektion in Sachen Mamasein gibt. Ich habe dieses Gebrauchsanweisung aber nicht bekommen, also ich meinen müden Hintern aus dem Krankenhaus geschleppt habe.

Wie ich schon sagte, ich bin war von Anfang an eine der Letzten, und hier kommen nur meine Gründe, mit denen ich bei der Konkurrenz immer wieder durchfalle.

1. Kinderkonzerte. Als mein ältester Sohn im Kindergarten war, gab seine Gruppe ein kleines Konzert. Während alle anderen Kinder süße, feierliche Kleidung trugen, trug mein Sohn ein T-Shirt mit der Aufschrift „Chaos Kind“. Aber, hey, er hat es sich an jenem Tag selbst angezogen, das kann man doch ruhig anerkennen, oder?

2. Abendessen. Bei uns gibt es Nudeln und derzeit auch trockene Kartoffeln OHNE Soße!  Babykarotten, Apfelscheiben, Erdbeeren und Brokkoli tauchen zwar auf, sind aber keineswegs eine Garantie für den Verzehr. Wir arbeiten dran…..

3. Mode. Wenn mein Mann abends von der Arbeit nach Hause kommt und wir nicht in Pyjamas oder Jogginghose vor ihm stehen, fragt er sich, ob er einen Geburtstag oder den Jahrestag verpasst hat. Meine eigene Unfähigkeit (und Unlust), mit den neuesten Modetrends Schritt zu halten, ist die eine Sache. Ich habe eben auch zwei Jungs bei denen es wirklich fast einer Kindesmisshandlung gleicht, sie dazu bringen zu wollen, Hosen mit einem Knopf zu tragen, geschweige denn ein Hemd mit Kragen anzuziehen. Sie leben quasi fast ausschließlich in einem T-Shirt und einer Jogginghose. Keine passenden Outfits, keine hippen Hüte, keine trendigen Hoodies, keine stylischen Sonnenbrille. Nur T-Shirts und Jogginghosen, von denen eine normalerweise schon schmutzig ist, bevor wir überhaupt das Haus verlassen haben.

4. Sport. Manchmal jubele ich. Manchmal klatsche ich. Aber meistens sitze ich an der Seitenlinie und schaue einfach zu. Ich bastle keine Schilder oder Banner. Ich spring nicht auf und ab. Ich schreie nicht laut über das Feld. Ich bringe meinen Sohn 3 Mal pro Woche zum Training und sage  „Gut gemacht“, wenn er fertig ist – das ist doch schon ziemlich gut, oder?

5. Karnevals-Kostüme. Jedes Jahr ist das Internet voll von all diesen super-kreativen, super-niedlichen, mein-Kind-sieht-so-entzückend-aus- Fotos von Kindern in einzigartigen und (natürlich) handgefertigten Karnevals-Kostümen. Meine Kinder hingegen tragen gewöhnlich ein uraltes, in einem Laden gekauftes, völlig unoriginelles Kostüm aus Polyester. Und das zweite Kind trägt normalerweise das Kostüm seines Bruders von vor drei Jahren auf. Nun, bis auf das Jahr, in dem mein Sohn ein hübsches, niedliches Elefantenkostüm trug, aber das war ein Geschenk von Oma, deshalb kann man das eigentlich nicht dazu rechnen.

6. Geburtstagskuchen und Schul-Leckereien. Keine hausgemachten, glutenfreien, veganen, fettarmen, zuckerfreien Kuchen gibt es von dieser Mama. Wenn ich daran denke, ihnen Leckereien einzupacken (und das ist ein sehr großes WENN), dann sind sie in der Regel gekauft, in der Regel voller Zucker und Fett, und natürlich ohne Nährwert. Aber, hey, die Kinder LIEBEN sie!

7. Bastelarbeiten aus dem Kindergarten. Okay, Ich werde mich auf diesen Punkt einlassen. Selbstgebasteltes ist in der Theorie toll. Ich meine, wer liebt sie nicht, diese liebenswerte Kreationen aus Klebstoffklumpen und Wattebällchen mit Glitzer. (Immer so viel Glitzer. Ernsthaft, warum?!?!) Versteh mich nicht falsch, ich liebe einen Handabdruck in Ton genauso wie alle anderen Eltern auch, aber ich kann nur eine gewisse Anzahl von bekritzeltem Papier im Andy Warhol-Stil annehmen. Glücklicherweise lieben die Leute von der Müllabfuhr Bastelarbeiten auch toootaaaaal.

8. Freiwilligenarbeit in der Schule. Als mein ältester Sohn im Kindergarten war, hatte ich all diese schönen Visionen davon, wie es sein würde, dem Elternbeirat anzugehören und so meldete ich mich freiwillig. Zögernd stimmte ich zu, die Halloweenparty zu koordinieren (du denkst vielleicht, dass ich aufgrund meiner Erfolgsbilanz mit Karnevals-Kostümen ausgewählt wurde, oder?). Ich dachte, ich würde ein paar orangefarbene und schwarze Tischdecken auf die Tische werfen, ein paar Spiele organisieren, ein paar Leckereien verteilen und die Kinder wären begeistert. Das waren Kinder, ist nicht die ganze Kostüm-und-Süßigkeiten-Sache aufregend genug? Es stellte sich heraus, dass ich falsch lag. Die anderen Gruppenräume hatten Luftschlangen an der Tür, Ballons und noch mehr Dekoration, und noch mehr, mehr, mehr, mehr, mehr.

9. Ausflüge. Zu den Abenteuer mit meinen Kindern gehören Ausflüge zu Kaufland, Fahrradtouren und vielleicht einen Besuch in der Bibliothek (die bequem über die Straße von unserem Haus entfernt liegt). Herzlichen Glückwunsch an die Eltern, die Ausflüge ins Museum, Aquarien oder in Restaurants unternehmen können. Ich habe wirklich keine Ahnung, wie ihr das schafft. Wir waren einmal im Aquarium, einmal im Museum für Wissenschaft und Industrie, einmal im Naturkundemuseum – und ich denke, das reicht mehr als genug für die nächsten fünf bis zehn Jahre.

10. Der Spielplatz. Ich habe nichts gegen den Spielplatz an sich; In der Tat ist es ein großartiger Ort, wo meine Kinder nach der Schule Dampf ablassen können und es reduziert die Zeit, in der ich ihnen zu Hause beim streiten zugucken muss. Du wirst mich nicht mit den anderen dort anwesenden Eltern quatschen sehen. Ich bin eine ziemlich schüchterne, introvertierte Person und ich kann nur so sehr wenig Smalltalk ertragen. Außerdem kann ich den Klang meiner eigenen Stimme ebenfalls nicht mehr ertragen, nachdem ich meine Jungs den ganzen Tag bequatscht habe, ihre Zähne zu putzen, ihre Haare zu kämmen, die Toilette zu spülen, ihre Hände zu waschen, ihre Socken aufzuheben, ihre Nase zu putzen, ihre Stühle nach dem Abendessen ran zu schieben, die Hausaufgaben zu machen, die Unterwäsche anzuziehen und jede Menge absurder Dinge zu erledigen, von denen ich nie gedacht hätte, dass ich sie überhaupt jemals sagen werde.

Du wirst mich also nicht dabei erleben, wie ich mit den anderen Eltern plaudere, tratsche oder über Möglichkeiten nachdenke, wie ich die Katzenwäsche meiner Jungs verbessern kann. Stattdessen wirst du mich auf einer Bank am anderen Ende des Spielplatzes sitzend vorfinden, damit ich mal ganz kurz Luft holen kann. Manchmal bin ich vielleicht sogar so wagemutig, dass ich mein iPhone raushole und einige E-Mails beantworte oder (keuch!) Facebook checke!!!!!

So, da hast du es: Das sind meine zehn Gründe, warum ich mich ständig so fühle, als ob ich in diesem Wettbewerb unter Eltern immer verlieren werde.

Also bin ich fertig. Ich kündige. Ich bin erschöpft und kann da einfach nicht mehr mitmachen.

Für alle, die noch im Rennen sind: Schön für dich. Mach weiter so. Jedem das seine.

Für den Rest von euch Eltern, die genauso müde wie ich von diesem Marathon-Eltern- Wettkampf sind: Wollt ihr mich nicht hier auf diese stille Bank im Schatten begleiten? Wir können lächeln und nicken (gerne ohne Smalltalk)und unseren super-tollen Kindern bewundernde Blicke zuwerfen und vielleicht sogar einen Blick auf unsere Telefone werfen.

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