Hallo, ich bin Anne, 35 Jahre alt und ich komme aus Berlin. Diesen Gastbeitrag schrieb ich, weil ich glaube, dass es da draußen noch mehr Frauen gibt, die so fühlen wie ich…..

Vor acht Tagen habe ich erfahren, dass ich schwanger bin.

Seit meiner letzen Periode waren sechs Wochen vergangen und instinktiv ahnte ich bereits, dass ich schwanger bin, dennoch kaufte ich mir einen Schwangerschaftstest.
Als ich den Raum betrat, hielt mein Mann das Videospiel an, das er gerade spielte. Ich sagte ihm, dass der Test positiv sei, dann setzten wir beide uns auf die Couch und starrten geradeaus. Keiner von uns wusste, was er sagen sollte. Uns fehlten einfach die Worte.

Das war keine „überraschende Schwangerschaft“. Ich bin eine 35-jährige Frau mit einem festen Job in Berlin. Mein Mann und ich haben ein uns schönes, gemeinsames Leben aufgebaut. Vor kurzem beschlossen wir, dass es nun langsam mal Zeit wird, eine Familie zu gründen. Somit setzte ich die Pille vor sieben Monaten ab und wir liessen es bewusst drauf ankommen. Wenn ich schwanger werden würde, wäre das okay. Wenn nicht, würden wir unser Leben wie gewohnt fortsetzen.

Wir sind ja beides erwachsene Menschen, wir wussten also, was passieren kann, wenn wir ungeschützten Sex hätten. Trotz Allem hätten wir nie gedacht, dass etwas, was wir beide uns so wünschten, zu so einem schrecklichen Gefühlschaos führen würde.

Über die Schwangerschaft haben wir erst am nächsten Tag wieder gesprochen. Wir redeten uns ein, dass der Test bestimmt ungültig sei, weil wir ihn ja nicht mit dem ersten Morgenurin gemacht hatten.

Vielleicht würde sich unser Leben doch nicht komplett ändern.

Aber als die Tage vergingen wurde aus der wagen Vermutung doch Realität.

Wir werden also ein Baby bekommen.

Seit dieser Erkenntnis habe ich nichts anderes getan als nur zu weinen.

In absolut unpassenden Momenten traf mich die Erkenntnis über meine Schwangerschaft immer wieder unvermittelt, zum Beispiel morgens beim Zähne putzen oder während ich gerade beim Bäcker in der Schlange stand.

Ich spreche hier nicht von diesen bekannten Freudentränen, die über mein lächelndes Gesicht strömten. Nein, das waren richtige Krokodilstränen, die Art von Tränen, die man nicht schnell genug wegwischen kann, bevor sie mir das ganze Make Up ruinieren würden.

Ich musste mit jemandem darüber reden. Ich brauchte jemanden, der mir die Bestätigung gab, dass alles gut werden würde.

Ich rief meine Mutter an und dachte, sie würde wissen, was sie sagen muss, um mich zu beruhigen.

„Und, Anna, freust du dich?“, war das Erste, was sie mich fragte.

Ich brach in Tränen aus und bedeckte den unteren Teil meines Telefons mit einer Hand, sodass sie das Schluchzen nicht hören konnte.

Nein, ich freue mich nicht. Ich bin so weit von Freude entfernt, wie nur irgendwie möglich.

Ich bin verängstigt. Ich bin verärgert. Ich bin traurig. Ich bin alles andere als freudig.

Ich fühlte mich schuldig. Mütter fühlen sich nicht traurig, wenn sie herausfinden, dass sie schwanger sind. Frauen in Filmen weinen vor Glück und werden von ihren Partnern herumgewirbelt. In Zeitlupe. Sie können es kaum erwarten, es allen zu erzählen. Sie feiern Babyshower Partys und treten allen erdenklichen Muttergrüppen bei Facebook bei.

Der Gedanke, das ich das jetzt auch tun muss, lies mich noch mehr ausflippen.

Was ist falsch mit mir? Heißt das, dass ich keine gute Mutter sein werde? Heißt das etwa, dass ich das Kind nicht bekommen sollte? Ich fühlte mich, als wäre ich die einzige Frau auf der Welt , die jemals von einer geplanten Schwangerschaft negativ überrascht wurde.

Ich entschloss mich, mich vom Internet fern zu halten. Ich sagte mir, dass die Kommentare in all den Gruppen bestimmt nicht der Wahrheit entsprachen, aber dennoch lockte mich die Empathie der Frauen untereinander. Ich wusste nicht einmal, was genau ich als Suchbegriff bei Google eingeben soll, also schreib ich das, was mir gerade in den Sinn kam.

„Ich habe gerade herausgefunden, dass ich schwanger bin und ich freue mich nicht.“

Hunderte Seiten mit Artikeln aus allen verschiedenen Mütterblogs tauchten auf und ich klickte direkt auf die erste, die ich sah. In einem Post antwortet eine Frau, wie sie ihr ganzes Leben damit verbracht hatte, an sich und ihrer Karriere zu arbeiten. Sie liebte ihr Leben. Sie genoss die Zeit, die sie mit ihrem Ehemann verbrachte. Sie hatte nicht das Gefühl, dass ihr etwas fehlte. Trotz allem entschied sie sich, genau wie mein Mann und ich, es dem Universum zu überlassen, schwanger zu werden. Sie hörte auf, die Pille zu nehmen und fand ebenfalls kürzlich heraus, dass sie schwanger war.

„Ich freue mich gar nicht, dass ich schwanger bin. Ich weiß nicht, ob ich das alles noch will. Wie kann ich ein Kind auf die Welt bringen, wenn ich mich so fühle? “

Ich fühlte mich sofort erleichtert. Endlich hatte ich eine Gleichgesinnte gefunden. Ich fand jemanden, der so fühlte wie ich, jemanden, der sein kinderloses Leben liebte, jemanden mit großen Träumen und Zielen und jemanden, der auch traurig darüber war, dass sie schwanger war.

Ich scrollte weiter zu den Kommentaren und bereitete mich auf den Ansturm von Anschuldigen vor, der auf diese Frau einstürmen würde. Einige Frauen haben jahrelang versucht, schwanger zu werden, und dann kommt diese Frau und beschwert sich? Einige Frauen hatten mehrere Fehlgeburten, wie kann diese Frau es wagen, zuzugeben, dass sie gar weiß nicht, ob sie das Kind will?

Ich habe keine Anschuldigungen gelesen.

Alles, was ich las, waren liebevolle und mitfühlende Antworten.

Eine Antwort kam von einer Frau, die sich verzweifelt ein weiteres Kind wünschte. Sie hatte bereits mehrere Fehlgeburten hinter sich und sie hatte diese gerade so „überlebt“. Sie erzählte, dass sie an überwältigender Traurigkeit und Schuldgefühlen litt, als sie merkte, dass sie nie wieder ein Baby wird austragen können.

Eine Andere erklärte, dass sie genau die gleichen Gefühle wie ich hatte, als sie mit ihrem ersten Kind schwanger war. Sie lies die Trauer über die Tatsache, dass sich ihr Leben von nun an total ändern würde, einfach zu.

Okay, sicher, dachte ich mir. Sie fühlen sich angeblich so wie ich, aber wer weiß, ob das alles wirklich stimmte. Sie könnten Soziopathen sein, die in einem von Ratten bewohnten Haus leben und das letzte Bisschen ihres Geldes benutzen, um Fremde Fragen im Internet zu beantworten, während ein hungriges Kind im Hintergrund jammert.

Sie sind vielleicht gar nicht wie ich.

Ich wollte es niemandem erzählen. Das Gespräch mit meiner Mutter hat mich ganze 24 Stunden lang in Aufruhr versetzt. Dennoch musste ich über meine Gefühle reden. Es musste raus. Ich schrieb einer Freundin, die bereits ein Kind hatte, daraufhin eine SMS.

„Ich bin noch nicht bereit, es öffentlich zu machen aber ich bin schwanger und ich freue mich überhaupt nicht darüber. Bitte sag mir, das das normal ist „, schrieb ich.

Das Telefon klingelte eine Sekunde später.

Das Erste, was sie sagte, waren keine Glückwünsche. Das erste, was sie sagte, war: „Das ist völlig normal.“

Ich stieß einen tiefen Atemzug aus….

Sie fuhr fort und erklärte, dass, als sie von ihrer Schwangerschaft erfuhr, einen ganzen Tag gewartet hatte, um es ihrem Ehemann zu erzählen. Ja, sie haben versucht, ein Kind zu bekommen, und ja, sie hatten ihren Platz im Leben gefunden, aber trotzdem war sie nicht überglücklich.

Sie weinte. Sie fluchte. Sie dachte, ihr Leben wäre vorbei.

Weiterhin sagte sie, dass es erst vorbei war, als sie das Herz ihrer Tochter zum ersten Mal schlagen hörte. Das war der Zeitpunkt, an dem sie tatsächlich etwas anderes als Verzweiflung empfand.

Als das Telefonat beendet war, weinte ich noch mehr, aber dieses Mal mischte sich ein wenig Erleichterung mit in die Traurigkeit.

Ich bin nicht alleine. Das ist normal.

Diese Worte werde ich mir in den nächsten acht Monaten immer wieder in Erinnerung rufen müssen. Diese Worte wird auch meine Freundin mir immer wieder in Erinnerung rufen müssen, wenn ich wieder zweifle. Ich bin mir auch sicher, dass ich ein bestimmt mindestens hundert Mal im Internet nachlesen werde, ob es anderen so geht wie mir.

Aber die Tatsache bleibt.

Das ist alles normal.

Ich bin normal.

4 Kommentare

  1. Ich befinde mich gerade in der selben Situation und muss sagen ich bin erleichtert deinen Artikel gelesen zu haben. Ich hoffe sehr das sich meine Gefühle und Gedanken bald ändern!

  2. Hallo,
    Bleib stark und zweifle nicht so sehr an dir selbst! Als wir erfahren haben das ich Schwanger bin habe ich meinen Freund vor die Tür gesetzt, ich wollte nichts und niemanden sehen und habe sogar noch über einen Abbruch nachgedacht..
    wir sind jetzt in eine größere Wohnung gezogen und er kümmert sich wirklich toll um mich aber ich bin immer noch nicht gerne schwanger, fühle mich nicht wohl und finde es auch nicht schön..auch das ist normal..ich habe in diesen 17 Wochen schon einige getroffen denen es genauso geht oder ging wir mir. Filme entsprechen nicht der Realität und du wirst ganz sicher eine wundervolle Mama, auch wenn du dich jetzt noch nicht freust. Es wird sich so viel ändern und du wirst dir wahrscheinlich noch öfter denken „Gott sei dank bin ich nicht ewig schwanger“
    Meine Lieblingsantwort, wenn mich jemand fragt ob ich mich freue ist momentan „irgendwann ist der ganze Spuk ja auch wieder vorbei und das Kind wird ein eigenes Leben haben“ ☺️

  3. Hallo Anne,

    mir ging es ähnlich. Ich hab sehr lange, auch nach der Geburt meines Sohnes auf die „Muttergefühle“ gewartet und mich dafür verurteilt, dass ich meinen Sohn nicht so liebe wie ich es aus Kommentaren von Freunden und Bekannten herauszulesen dachte. Ganz ehrlich: Jetzt, da mein Sohn knapp 16 Monate alt ist, jetzt liebe ich ihn. Aber selbst als er ein abslut hilfloses und von mir abhängiges Bündel war…selbst, als er zu laufen anfing…es gab immer wieder Momente, in denen ich mich gefragt habe, ob das wirklich mein Sohn ist.
    Auch wenn wir unser Kind 9 Monate im Bauch tragen, ist es dennoch (wie ich empfinde) ein fremdes Wesen, das wir plötzlich in den Händen halten. Mit der Zeit haben wir uns näher kennen und lieben gelernt.
    Ich wünsche dir und allen Gleichempfindenden viel Kraft und Durchhaltevermögen.
    LG Karin

  4. Hallo Anne,
    mir geht es nach fast 8 Monaten immer noch nicht besser. Jeder Tritt ist eine Kampfansage. Es schmerzt, es drückt, es weckt einen Nachts auf weil man auf Klo muss. Jedes Kümmern um den Alltag wird immer schwerer und ich kann es nicht wirklich anders sehen als ein Problem. Vorfreunde, Fehlanzeige…
    Ich wollte sogar schwanger werden und jetzt ärgere ich mich nur noch darüber. Irgendwie hatte ich immer gedacht, dass eine werdende Mutter das Kind in sich lieben, alle Unannehmlichkeiten geduldig und positiv annehmen und Regenbögen kotzender Weise durch die Welt rennen muss. Ich hoffe nur, dass es irgendwann besser wird.

    LG
    Caro

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