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Ein anonymer Gastbeitrag

Wer glaubt, dass es in der deutschen Geburtshilfe Berg ab geht, der hat leider vollkommen Recht. Nicht nur mangelndes Personal, immer weniger Hebammen, gestresste Ärzte und keine ausreichende Betreuung nach und unter der Geburt machen es uns Frauen verdammt schwer. Ich verstehe das nicht, es geht dabei doch um die Generation von Morgen. Es ist unfassbar. Die Geburt meiner Tochter war sehr traumatisch für mich und ich habe lange gebraucht, um überhaupt über die Geschehnisse reden zu können. Ich werde bewusst auf Details wie Namen, Orte etc. verzichten, weil wir uns noch inmitten eines Prozesses befinden.

Während der Geburt kommt es leider immer häufiger vor, dass Frauen ein Dammschnitt verpasst wird. Ich weiß mittlerweile, dass dieser durch die Arbeit der Hebammen verhindert werden könnte aber klar: Zeit ist Geld. Ergo bedeutet das, dass der Schnitt dem behandelnden Team im Kreißsaal eventuell die ein oder andere Stunde „Kreißsaal-Zeit“erspart und somit die Auslastungsrate des Krankenhauses steigt. Natürlich gibt es auch durchaus sinnvolle Dammschnitte, z.B. dann, wenn anatomische Voraussetzungen den Geburtsvorgang behindern.

Nach der Geburt wird der Damm dann wieder so zusammengenäht, dass Damm und Scheide wieder so zuwachsen können, wie es sich gehört. Und jetzt kommt das Unfassbare: Manchmal wird den Frauen bei diesem Prozess eine zusätzliche Naht verabreicht. Es ist nicht so, dass die Frauen sich das wünschen, NEIN, sie finden es meistens nur heraus, wenn der Arzt eine abfällige Bemerkung macht. So wie bei mir. Der behandelnde Arzt nähte mich und sagte mit einem Augenzwinkern: „Jetzt sind sie gleich wie neu!“ Dann schaute er meinen Mann an und sagte: „Sogar noch besser als vorher!“, dabei nickte er ihm zu. Klingt abscheulich, oder? Richtig, es IST abscheulich und es ist mir passiert.

Der einzige Zweck dieser Veränderung und Verstümmelung des Körpers einer Frau ist die vermeintliche Steigerung des sexuellen Vergnügens für den Mann. Eine zusätzliche, kleine Naht verengt die Scheidenöffnung der Frau und bringt im Verlauf eine Vielzahl von schmerzhaften Komplikationen mit sich. Schmerzen, von denen ich im Leben nicht geglaubt habe, das ich diese aushalten werden könne.

Durch die Verkleinerung der Scheidenöffnung wird nicht das gesamte Organ verengt. Die Mediziner scheinen sich der Diskriminierung also bewusst zu sein, denn kein Arzt dieser Welt kann ernsthaft glauben, dass eine Veränderung im vorderen Bereich der Scheide ein ganzes Organ verändert. Ich war diesem sexistischen Arzt also ausgeliefert und ahnte nicht, was er mit mir machen wird. Mein Mann wusste das ebenso wenig und wir beide waren so unter Adrenalin, dass wir seine Bemerkung zunächst gar nicht bewusst aufnahmen. In was für einer Welt leben wir, wenn selbst in Momenten unmittelbar nach der Geburt eines Babys, der Körper von Frauen auf Körperteile reduziert wird, die anscheinend NUR für die Freude von Männern gedacht ist? Wie absurd ist das bitte? Willkommen in der Realität.

Frauen, die wie ich, die diese zusätzliche Naht erhalten haben, klagen oft über schmerzhaften Geschlechtsverkehr. Viele Frauen beschreiben ihre Vaginalöffnung als einen „Rock mit zusätzlicher Falte“. Das Fleisch an der Außenseite der Vaginalöffnung wird in diese Falte eingenäht, was bei den meisten Frauen zu schmerzhaften Beschwerden führt.

Die Schmerzen beschränken sich nicht nur auf die Wochen nach der Geburt, nein, die Schmerzen tauchen bei jedem Geschlechtsverkehr auf und zwar so lange, bis der Eingriff wieder rückgängig gemacht wird oder bis man ein weiteres Kind auf die Welt bringt und wieder ein Dammschnitt gemacht werden muss. Viele Frauen, die das gleiche Schicksal teilen, hoffen sogar darauf, unter der Geburt zu reissen, damit sie endlich wieder die Chance auf ein normales Leben haben.

In unserem Fall war an Sex eh eine lange Zeit gar nicht zu denken. Die Schmerzen verfolgten mich und haben mir sämtliche Vorfreude genommen. Ich wusste eine lange Zeit gar nicht, was mit mir los ist und unsere Ehe stand auf der Kippe. Und genau da liegt das Problem: Bei der Nachsorge meines Gynäkologen konnte selbiger nichts entdecken, was auf eine zusätzliche Naht hindeutete. Der Arzt im Krankenhaus hatte ganze Arbeit geleistet.

Mein Mann war durch diese „Geste“ des Arztes keineswegs glücklicher. Zum einen ist, wie gesagt, die gesamte Scheide eben nicht enger und zum zweiten liebt mein Mann mich dann am meisten, wenn ich glücklich bin und keine Schmerzen habe.

Der sog. „Daddy Stitch“ (Es gibt keine deutsche Begrifflichkeit für diese Absurdität) ist Sexismus pur. Er liegt der Idee zu Grunde, dass Frauenkörper nur für das optische und sexuelle Vergnügen von Männer existieren –  während das Wohlbefinden und die Wünsche einer Frau dabei völlig egal sind.

Das Einzige, was einen Arzt unter und nach der Geburt beschäftigen sollte, ist die Gesundheit von Mutter und Kind. „Wie kann ich ihre Scheide zum Wohle des Mannes, der zu ihrer Linken steht, wohl ein wenig aufhübschen, hm?“ Kein Arzt käme auf die Idee, einem Mann bei einer Vorhautentfernung noch ein paar extra Zentimeter heraus zu operieren. Warum also wird Frauen die Außenseite ihrer Vagina in die Innenseite Ihrer Vagina eingenäht, doch nur, damit der Mann ein angeblich besseres Gefühl beim Geschlechtsverkehr bekommt, richtig?

Wie abscheulich und unwürdig. Und es ist mir passiert. Nachdem ich meinen Frauenarzt gewechselt hatte und zufällig bei einer Gynäkologin landete fiel diese Schandtat auf. Ihr könnt euch vorstellen, wie sehr sich der behandelnde Arzt windet und es gibt natürlich auch keinen Eintrag in meiner Akte. Wir prozessieren seit 2 Jahren und es ist kein Ende ist Sicht. Ich wurde erneut operiert und seitdem kann ich auch langsam wieder Freude am Sex entwickeln.

Meine Seele wird noch sehr lange brauchen, um zu heilen. Wenn ich auch nur eine Frau mit meinem Artikel erreiche, dann hat sich die Offenheit gelohnt.

Alles Liebe.

1 Kommentar

  1. Dieses „Ärztebashing“ ist wenig zielführend. Es gibt sicherlich vereinzelt so unsensible Kollegen, die solche vermeintlichen „Scherze“ nach einer Geburt von sich geben. Aber rein anatomisch ist es überhaupt nicht möglich, nach der Geburt die Vagina einfach enger zu nähen. Dazu müsste ja auch ein Teil der Haut reseziert werden. Eine sogenannte „Raffung“ ist eine komplizierte OP.
    Ein Dammschnitt wird heutzutage nur noch selten durchgeführt und wenn, dann weil es wichtig für die Unversehrtheit des Kindes ist. Die meisten Ärzte arbeiten im Kreissaal unter schwierigsten Bedingungen rund um die Uhr zum Wohle von Mutter und Kind.

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