Ein Gastbeitrag von Jessy aus Berlin.

Als ich im Winter 2012 mit meiner Tochter schwanger war, stellten mir die Leute viele Fragen, aber die häufigste Frage betraf weder das Geschlecht des Babys noch den Geburtstermin, sondern ob ich vorhatte, ihr denn nach der Geburt auch Ohrlöcher stechen zu lassen. Ja, wirklich. Ich ahne bereits, dass euch das bestimmt komisch vorkommt. Warum sollte jemand eine werdende Mutter nach einem Ohrenpiercing für Säuglinge fragen, aber um den Hintergrund der Frage verstehen zu können, müsstet ihr mich kennen: Ich habe blaue Haare mit pinken Spitzen, ich habe unzählige Piercings und meine Arme und Beine sind mit Tätowierungen komplett bedeckt.

Ich bin so etwas wie ein Aushängeschild für Körpermodifikationen. Ich bin bunt.

Meine Antwort hat viele Menschen wahrscheinlich krass überrascht. „Nein“, sagte ich. „Auf gar keinen Fall!“

Meine Begründung? Freunde, das ist doch offensichtlich, weil (1) das Ohr-Piercing für mich nicht von kultureller Bedeutung war (ist), (2) weil ich sichergehen wollte, dass meine Tochter sich Ohrlöcher wünscht und nicht ICH (3) weil sie ein Alter erreicht haben muss, indem Entscheidungen und die daraus resultierenden Konsequenzen von ihr getragen werden können.

Ganz ehrlich, ich bekomme Plack, wenn ich kleine Babys sehe, deren geschwollene Ohrläppchen beim Liegen schmerzen und diese wehrlosen Babys auf Grund von Schönheitsidealen der Mutter durchbohrt werden. Die körperliche Unversehrtheit wird, weil Ohrringe ja „soooo süß“ sind, zerstört. DAS GEHT GAR NICHT!

WENN das Kind alt genug für Ohrringe ist und das ist m.E. nach NICHT vor dem sechsten Geburtstag, DANN solltet ihr folgende Dinge beachten:

1. Ohrlöcher werden mit Piercingnadel gestochen und NICHT mit einer Pistole geschossen

Seit dem Aufkommen dieser furchtbaren Ohrloch-Pistolen wurden die Ohrlöcher von Millionen von Menschen durchschossen. In Einkaufszentren. Aber nur weil die Ohrloch-Pistole so weit verbreitet ist, bedeutet das noch lange nicht, dass man damit den besten Weg wählt.

Ohrloch-Pistolen sind häufig immer noch aus Kunststoff und können nicht ausreichend sterilisiert werden. Auch wenn die Patronen, die in die Pistole passen, nur einmal verwendet werden, so ist die Pistole selbst in der Lage jede Menge Keime und Bakterien ins Kinderohr zu schleudern. Die Methode an sich kann außerdem auch unnötige Schmerzen und Traumata verursachen.

„Durchdringende Pistolenstifte sind stumpf und bahnen sich mit roher Gewalt ihren Weg durch das Ohrläppchen“, sagt meine Freundin Jane immer gerne, sie leitet ein großes Piercingstudio in Berlin und kennt sich super gut aus. „Dies führt nicht nur zu einem schmerzhafteren Piercing, sondern auch zu noch mehr Trauma, welches wiederum die Heilung erschweren kann.“

Ihr Tipp: Sucht euch unbedingt ein Piercingsstudio aus, das Einweg-Hohlspitznadeln verwendet.

2. Ohrloch-Piercings sollten – wie alle anderen Körper-Piercings – nur von geschultem Fachpersonal durchgeführt werden, nicht von Mitarbeitern aus Einkaufszentren.

Auch wenn viele „Piercing“-Einrichtungen (Schmuckgeschäfte, Juweliere) sich selbst (und ihre Mitarbeiter) als „ausgebildete und erfahrene Spezialisten“ anpreisen, so sind die Einzelheiten der genannten Ausbildung sehr vage. Sucht stattdessen lieber einen Piercer auf, der zum einen regelmässige Erste Hilfe Kurse absolviert und am besten über Hygienemaßnahmen Bescheid weiß.

3. Auch professionelle Körperpiercings erfordern die Zustimmung des Kindes, damit die Autonomie des Kindes gewahrt wird. 

Dieser Punkt mag offensichtlich erscheinen, aber er ist tatsächlich der umstrittenste. Schließlich ist es „nur ein Ohrloch!“. Es ist jedoch unerlässlich, ein Kind entscheiden zu lassen, ob und wann es sich die Ohren (oder irgendeinen Teil seines Körpers) durchbohren lassen möchte. Dieser kleine Mensch hat das Recht auf einen unversehrten Körper. Der Körper ist kein Eigentum der Eltern und er ist auch keine Projektionsfläche für Bedürfnisse und Wünsche von Erwachsenen. Ihr kennt doch die Sprüche : „nein heißt nein“ und „mein Körper, meine Entscheidung!“ Wie wollt ihr diese Grundsätze vermitteln, wenn ihr komplett dagegen handelt?

4. Ausgebildete Fachleute verwenden Qualitätsschmuck, keinen „vergoldeten“ Mist.
Obwohl Ihr wahrscheinlich Sterlingsilber und vergoldete Ohrstecker in eurem örtlichen Piercing-„Studio“ (beim Juwelier im Einkaufszentrum) gesehen habt,  so muss ich euch sagen, dass diese Materialien nicht für erste Piercings geeignet sind. Warum? Weil das Metall viel zu weich ist und allergische Reaktionen hervorrufen kann. Stattdessen empfiehlt zB. Verein Deutsche Organisierte Tätowierer eV nur Materialien, die den ISO-Implantationsstandards entsprechen, dazu gehören Implantatstahl, Implantat-Titan,  massives 14k-Gold oder bleifreies Glas. Jeglicher Schmuck sollte entweder ein oder, wenn möglich, komplett gewindelos sein.

5. Professionelle Piercer bringen euch auch die zeitgemäße Nachbehandlung bei (denn ihr solltet es auf keinen Fall anfassen oder gar drehen).
Die Piercing-Nachbehandlung hat sich seit meiner Kindheit sehr stark verändert. Meine Mutter kam immer mit einem in Alkohol getränkten Qtipp ums Eck. Außerdem sollte ich den Ohrring immer fleissig drehen. Diese Vorschläge sind nicht nur veraltet, sondern schlichtweg auch falsch.

„Es gibt keine allgemeingültige Reinigungslösung oder Nachsorge, die für jeden, überall und jederzeit funktioniert“, erklärte mir meine Freundin. Unterschiedliche Körper und Lebensstile erfordern unterschiedliche Nachsorgen… [und] Unterschiede in der Luft- und Wasserqualität, der Ernährung und dem Klima können die Heilung stark beeinflussen“. Neue Piercings sollten jedoch in der Regel zweimal täglich gereinigt werden. Der Nachsorgeleitfaden von dem Laden meiner Freundin weist auch darauf hin, dass die Häufigkeit der Reinigungen je nach „Hauttyp, den täglichen Aktivitäten und der Art des zu heilenden Piercings“ variieren kann.

Am besten reinigt ihr das Piercing mit Wasser und Seife. Zweimal am Tag.

Ihr solltet dieses zweimalige Reinigen pro Tag solange fortsetzen, bis das Ohrloch komplett abgeheilt ist. Bedenkt: Zu häufiges Reinigen mit einer zu scharfen Reinigungslösung oder mit zu vielen verschiedenen Arten von Reinigungslösungen kann das Piercing irritieren.

Oh, und haltet euch von jedem Produkt fern, das eine „schnelle Heilung“ verspricht. Eine solche Lösung gibt es nicht, und ein zu frühes Wechseln des Piercings – was diese Produkte ja versprechen – sorgt für eine verzögerte Wundheilung.

Was meine Tochter betrifft, so hat sie mit knapp sieben Jahren begonnen, sich für Ohrlöcher zu interessieren, und ich habe ihr gesagt, dass ich sie gerne mitnehmen werde, wenn sie bereit ist – nicht ins Einkaufszentrum, sondern zu einem Profi.

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