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Eine herrliche Zeitreise von Kristina aus Berlin

Vergraben in einer Kiste im Keller, unter Notizen und Briefen und anderen Relikten aus vergangenen Zeiten vergraben, fand ich es: Ein altes Mixtape. Eine Kassette mit eigens drauf gespielten Liedern, die ich aufwendige aus dem Radio aufnahm und zusammenstellte. Ich hatte es damals für meinen jetzigen Ehemann gemacht. In diesen frühen Tagen unserer Liebe war ich bestrebt, ihn unbedingt beeindrucken zu wollen und auch heute gibt es für uns immer noch eine Bedeutung für jeden Song auf der A und B Seite. Siebzehn Jahre später sind die Gefühle von damals immer noch präsent: Ich halte ein echtes Beziehungs-Artefakt in den Händen. Es ist wie ein Ausstellungsstück im Museum unserer Liebe. Hach…..

Im Zuge des Schwelgens in vergangenen Zeiten kam mir in den Sinn, dass meine Kinder nie erfahren werden, wie es ist, wenn der Magen in die Hose rutscht, wenn dir jemand eine selbst bespielte Kassette übergibt. Sie werden nie auf ihren Betten sitzen und sich die  Kassette anhören, die ein Schwarm in stundenlanger Arbeit nur für sie gemacht hat. Sie werden nie wissen, wie es ist, die Handschrift auf der Kassette mit dem Finger nachzumalen und die kratzige Stille zwischen den Liedern auf versteckte Liebesboschaften hin zu untersuchen. Wenn du in meinem Alter bist, dann wirst du dich an diesen mühsamen Prozess erinnern, immer auf Pause und Aufnahmefunktionen achten zu müssen, oder darauf, auch ja nicht zu viel Gelaber des Moderators mit aufzunehmen. Stopp Taste. Aufnahme. Play. Pause.

Was haben wir nicht alles für unsere Liebe getan, oder?

Na gut, auch heute stellen verliebte Jugendliche vielleicht noch Lieder für ihren Schwarm zusammen. Nur irgendwie ist eine Spotify-Wiedergabeliste, die in der Cloud gespeichert ist, nicht dasselbe. So eine Wiedergabeliste ist längst nicht das, was ein echtes Mixtape für uns war.

Meine Kinder werden nie wissen, wie es ist, wenn man die Telefonschnur so sehr gespannt halten musste, damit ja niemand hört, was man da gerade in den Telefonhörer flüsterte.

Sie werden nicht einmal wissen, wie es ist, lange auf einen Anruf warten zu müssen, weil die Eltern des Schwarms die Telefonzeiten des Angebeteten kontrollierten.

Sie werden nicht wissen, wie es ist, heimlich eine Cola bei der besten Freundin zu trinken, weil Mama nicht zu Hause war, um ans Telefon gehen zu können, als die Schule anrief.

Sie werden nie den besonderen Geruch von frisch gedruckten Papier kennenlernen können. Sie werden nicht wissen, dass man einen Moment lang warten musste, damit die Tinte trocknen konnte, weil man sonst den ganzen Tag mit lila Tinte auf den Fingern rumlaufen musste.

Sie werden nicht wissen, wie es ist, sich noch IN der Schule verabreden zu müssen, weil man noch kein WhatsApp oder SMS zu Verfügung hatte.

Sie werden nicht wissen, wie es ist, sich endlich getraut zu haben, dem Schwarm seine Festnetznummer auf eine kleines Stück Papier zu schreiben und es ihm an den Gepäckträger des Fahrrads zu klemmen.

Sie werden nie wissen, wie es ist, für eine Kugel Eis nur 40 Pfennig bezahlen zu müssen.

Sie werden nie erleben, wie es ist, eine voll geschriebene Seite mit einem Tintenlöscher so verunstaltet zu haben, dass man alles noch mal schreiben musste.

Sie werden nie das Geräusch eines alten Modems erleben, dass es endlich ins Internet geschafft hat. Pnnnüüüüüüüüüschhhzzzüüüüüüüü……….

Sie werden wahrscheinlich auch nie wissen, wie es ist, auf einen heiß ersehnten Liebesbrief warten zu müssen. Obwohl, das gibt es heute immer noch, oder?

Sie werden nie erleben, welche Mühe es gekostet hat, ein Referat nur mit Hilfe einer Enzyklopädie zu gestalten.

Sie werden nie aufstehen müssen, um den Fernsehsender wechseln zu können.

Sie werden wahrscheinlich nie mit einer handgeschriebenen Notiz ihrer Mutter in den Supermarkt gehen, die ihnen erlaubt hat, eine Packung Brause Ufos zu kaufen und sie werden das Gefühl nicht kennen, schnell im Vorbeigehen auf die verbotenen Seiten in der Bravo zu linsen, damit man up to date war.

Sie werden das Hochgefühl nicht kennen, das dann eintritt, wenn man bei PAC MAN eine Runde weiter ist.

Sie werden nie erfahren, wie es ist, dem verhassten Mädchen aus der Schule durch einen gehörigen Schmetterball beim Völkerball im Schulunterricht die Eifersucht demonstrieren zu können. Wohlgemerkt: Das war deine EINZIGE Möglichkeit, ihr das demonstrieren zu können.

Sie werden nie wissen, wie es ist, sich so sehr über eine verpasste Folge Beverly Hills 9020010 zu ärgern, die man leider NICHT mal eben streamen konnte, dass man fast verrückt geworden ist. Team Luke oder Brendon? 🙂

Sie werden nicht wissen, wie sich ein Leben ohne Twitter, WhatsApp und Facebook oder Instagram anfühlt.

Und dennoch werden sie nicht auf Dinge wie Freundschaft und Liebe verzichten müssen. Im Gegenteil. Sie werden neue Wege beschreiten. Sie können sich spielend leicht Freunde aus aller Welt suchen. Sie sind auf eine ganz besondere Art und Weise mit der Welt verbunden, Möglichkeiten, die wir nicht hatten; Sie wachsen in einer Welt auf, in der ein Informationsaustausch binnen Sekunden möglich ist. Sie werden erleben, wie ein Hashtag ein ganzes Land mobilisieren kann. Die Welt rückt zusammen und unsere Kinder sind ein Teil davon.

Vielleicht werden sie ihre persönlichen Beziehungs-Artefakte irgendwann irgendwo in einer Cloud abspeichern. Vielleicht sind ihre Museen der Liebe gläserner und von Datenschutzbestimmungen überhäuft ABER dennoch werden sie NIE ein Mixtape als Beweis der Liebe in der Hand halten können.

Was bin ich froh, dass ich dieses Tape gefunden habe. Ich schreibe meinen mann jetzt eine WhatsApp und sage ihm, dass ich ihn liebe. Dazu bekommt er ein Emoji.

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