Dieser Brief ist für den Vater meiner Kinder, einem mittlerweile Fremden in vertrauter Haut. Ich bin ich nicht böse auf dich. Es tut mir leid für dich.

Du verpasst alles.

Ich sah dich an, als ich am vergangenen Freitag einen Fuß in deine Wohnung setzen musste, das erste Mal, seitdem du die Jungs seit über einem Monat mal wieder bei dir hattest. Ich sah die Leere in deinen Augen. Die gleiche Leere, die ich schon damals sah. Die gleiche Leere, die ich damals schon mit meiner Liebe füllen wollte. Mit der Liebe zu deinen Söhnen.

Ich habe das Kratzen in deiner Stimme gehört, das davon kam, dass du in der Nacht zuvor zu viele Zigaretten geraucht hattest. Ich wusste, dass du den ganzen Tag geschlafen hast, weil du dich elendig gefühlt hast, zu schwach, um dich zu bewegen. Ich habe verstanden, dass du dich wie der Tod fühlst und ich wusste, dass du nicht in der Lage sein würdest, deinen Verpflichtung gegenüber unseren Söhnen nachzukommen.

Ich habe deinen Fahne gerochen. Und ich erinnerte mich daran, dass ich dich früher jedes Wochenende so gesehen habe. Ich spürte, wie mein Herz mir in die Hose rutschte, als mein Schmerz stärker wurde, dich so zu sehen und meine Söhne in deiner Obhut zurücklassen zu müssen. Der Schmerz der Erinnerungen kam wie eine Flut über mich.

Ich lächelte dich an und tat so, als ob alles in Ordnung wäre. Ich tat so, als ob ich das alles nicht merkte, indem ich dich belanglos fragte, ob es dir gut ginge.

Du sagtest mir, es ginge dir gut, aber ich wusste es besser.

Dir geht es nicht gut.

Und du verpasst alles.

Du solltest eigentlich mein Mann sein.  Ein Mann, zu dem die Jungs aufschauen und den sie bewundern. Ein Mann, zu dem sie werden wollen, wenn sie erwachsen sind. Ein Mann, der ihnen beibringt, wie es ist, man ein Mann zu sein. Ein Mann, auf den sie sich verlassen können.

Aber das bist du nicht.

Oh, sie lieben dich. Und sie sehen sie sogar zu dir auf. Aber du bringst ihnen nicht bei, wie man ein Mann wird, und sie können sich gewiss nicht auf dich verlassen.

Du hast mir in derselben Nacht eine SMS geschrieben, nur ein paar Stunden, nachdem ich die Jungs bei dir abgegeben hatte, und ich wusste gleich, was du nicht zugeben wolltest.

„Ich weiß, dass du das nicht hören willst und du wirst es wahrscheinlich irgendwie gegen mich benutzen, aber ich übergebe mich hier ständig. Ich schwitze wie ein Schwein. Es erschreckt mich irgendwie. Und nein, ich habe nicht getrunken.“

Ich wusste allerdings, dass du Alkohol getrunken hast. Ich habe es doch gerochen. Dies war nicht das erste Mal, und es wird nicht das letzte Mal sein.

Um ehrlich zu sein, war ich erleichtert, dass du mir in der Nacht eine SMS geschickt hast . Auch, wenn es eine Lüge von dir war, hast du dafür gesorgt, dass ich die Jungs abholen konnte und sie sich nicht so erleben mussten. Du warst nicht in der Lage, sich genug um deine Jungs zu kümmern. Also danke ich dir, dass du zumindest schlau genug warst, zuzugeben, dass du es in dieser Nacht nicht packen würdest. Auch, wenn du den wahren Grund nicht zugeben konntest.

Ich bin gar nicht mehr wütend auf dich. Zumindest nicht auf die gleiche Weise wie damals. Es ist eine gewisse Traurigkeit, die mich verzehrt, wenn ich dich so sehe. Ich bedauere die Menschen, die sich jetzt in deine Lügen und Schmeicheleien verlieben. Ich wünschte, es wäre anders. Aber ich habe dich gehen lassen.

Ich wollte nicht, dass du die Jungs gehen lassen würdest, aber die Wahrheit ist, dass du es bereits getan hast.

Während du deine Zeit vertrödelst, genieße ich jede Minute mit ihnen.

Während du irgendetwas Sinnloses tust,  bin ich derjenige, die ihnen beibringt, wie sie die Nägel in ihre Plastikwerkzeugbank schrauben.

Während du deinen Rausch ausschläfst und einsam bist, kuschle ich mit unseren Kinder.

Wähend du andere  Leute „datest“, tue ich das auch, drei um genau zu sein. Aber meine Dates sind Dates, die ein Leben lang halten, dein Date hält eine Nacht.

Während du Ausreden suchst, schaffe ich Erinnerungen.

Und du verpasst alles.

Wenn du Zeit mit ihnen verbringst, schickst du mir lustige Fotos auf WhatsApp, damit möchtest du mir zeigen, wie wichtig dir das alles ist.

Ich weiß, dass unsere Kinder fantastisch sind.

Ich weiß, dass sie schlau sind. Ich bin derjenige, der ihnen diese Dinge beibringt.

Du wirst überrascht sein, wenn du mitbekommst, was sie alles wissen und dann tust du so, als seien das Dinge, die für uns beiden neu sind.

Ich weiß, dass sie süß sind. Sie haben von mir gelernt, wie man liebt.

Während du selbstsüchtig nur für dich selbst lebst, versunken in deinem Leben, welches du dir ausgesucht hast, wirst du alles verpassen.

Du weißt nicht, dass Anton gerne schaukelt aber nur mit dem Gesicht nach vorne gerichtet, damit er mein Gesicht dabei sehen kann. Du weißt aber nicht, dass Emil auch gerne schaukelt, aber „nur ein kleines bisschen“, denn zu hoch macht ihm Angst. Du weißt nicht, dass die Jungs sich schon selber anziehen können und Anton steckt zuerst seine Arme in den Pulli und dann erst seinen Kopf, und Emil tut das Gegenteil. Du kennst weder ihr derzeitiges  Lieblingsessen, geschweige denn ihre Lieblingslieder oder gar ihre Lieblingsspiele. Du weißt nicht, dass sie alle beide gerne tanzen. Du weißt nicht, dass Emil sich versteckt, wenn ihm etwas peinlich ist. Du weißt nicht, dass sie Fußball spielen und sie wirklich gut darin sind.

Du wirst wahrscheinlich nie ihre Spiele besuchen. Ich werde sie anfeuern und es wird mein Gesicht sein, welches sie auf der Tribüne suchen.

Du weißt nicht, wie man ihnen beibringt, ein echter Gentlemen zu werden, weil du selbst immer noch ein verlorener kleiner Junge bist.

Du verpasst alles.

Als sie geboren wurden, hat sich meine Welt verändert. Deine blieb gleich. Du hast die  Schönheit dessen, was wir zusammen geschaffen haben, nie in ihrer Tiefe erfasst. Du hast diese Rolle nie wirklich gewollt. Und jetzt vermisst du alles.

Ich bin nicht mehr sauer auf dich. Ich bin nur traurig für dich. Weil du alles verpasst. Und ich nicht.

1 Kommentar

  1. mhm das ist natürlich nur ihre sicht. vielleicht konnte er es mit ihr nicht mehr aushalten, vielleicht hat sie auch fehler gemacht die zu der jetzigen situation geführt haben. aber so wie ich das sehe werden hier nur anschuldigungen ausgesprochen und keinerlei zu- oder eingeständnisse gemacht, die rechtschreib- und grammatikfehler zähl ich mal lieber nicht auf…

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