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Ich erinnere mich noch genau daran, als ich es zum ersten Mal hörte. Meine Kollegin telefonierte mit ihrem Kind und stritt sich mit ihr über eine Spiel- oder Ballettstunde oder eine andere alltägliche, nervige Angelegenheit. Sie legte auf und sagte schnaufend: „Meine Tochter ist so nervig!“

Ich war schockiert. Ich war damals noch jung (so um die zwanzig vielleicht). Kinder waren noch in weiter Zukunft, eine ziemlich unscharfe Fantasie. Allerdings hatte ich eine genaue Vorstellung darüber, wie mein Leben mit Kindern sein würde. Tief in meinem Herzen wusste ich, sie würden eine Quelle ständiger Freude sein, und jeder Anflug von Ärger, weil sie etwas nicht so machten wie ich es wollte, würde durch meine reine, unerschütterliche Liebe nahezu verwässert werden. Die Tochter meiner Kollegin ist eine entzückende, wirklich hinreißende Neunjährige, die immerzu malen und reden und lesen will. Wie in Gottes Namen kann man nur so gemein zu seinem eigenen Kind sein? Ich konnte nicht glauben, was für eine schreckliche Mutter sie ist. Ich war wirklich schockiert.

Mit Mitte 30 wurde ich dann selbst Mama. Im ersten Lebensjahr weinte meine Tochter quasi ständig. Sie konnte ihre Bedürfnisse nicht anders ausdrücken und ich war da, um mich um diese Bedürfnisse zu kümmern. Wenn sie weinte, wusste ich, dass ich ihr helfen musste. Hätte sie nie geweint, hätte ich mir wahrscheinlich wahnsinnige Sorgen gemacht. Das heißt nicht, dass dieses erste Jahr nicht auch extrem anstrengend war, aber ich fühlte nie etwas, das dem Gefühl und dem puren Frust meiner Kollegin glich. Ich war erleichtert, dass ich anscheinend keine schlechte Mutter war.

Bald darauf wurde mein Baby zum Kleinkind. Es begann langsam, fast unmerklich. Das Jammern, die Wutanfälle, die unbegreiflichen Reaktionen auf kleine Details, die nicht so liefen, wie mein Kind es wollte. Die Tränen. Die Schreie. Der militante Widerstand gegen das Alltägliche – mit anderen Worten, ich könnte ganze Bücher mit Geschichten von Kämpfen über das Anziehen von Socken schreiben.

In all diesem dramatischen Geschimpfe, den Wutausbrüchen und physischen Zusammenbrüchen denke ich jetzt öfter mal darüber nach, wie sehr meine Tochter mich mit ihrem Verhalten zur Verzweiflung bringen kann und wie sehr ich’s bedauere, dass ich meine Kollegen einst für ihre Aussage verurteilt habe. Ich hatte keine Ahnung, dass so große Gegensätzlichkeiten, wie die der extremen Liebe und Hingabe und reine, Blut-zum-kochen-bringenden Ärgernisse koexistieren konnten. Aber hey, ES geht! Es geht sogar binnen 24 Std. mehrfach hinereinander! Jede Mama kennt diese totale Verzweiflung, weil man einfach nicht weiß, was man falsch gemacht hat, wenn das Kind sich mal wieder total in Rage schreit.

Obwohl ich damals meine Gefühle mit meiner Kollegin nicht mitteilte, so huldige ich jetzt fast täglich ihre Ehrlichkeit. Sie öffnete mir die Tür, um meine Gefühle der (so echte und so wahre) Irritation über mein Kind zu akzeptieren, weil ich jetzt erst nachvollziehen kann, dass es völlig normal ist, so zu fühlen. Das ist also ganz normal. Ich denke häufig darüber nach, was wohl passiert wäre, wenn mir niemand vorher diesen Einblick gegönnt hätte. Was wäre, wenn ich jedes Mal, wenn mein Kind mich nervt, von Schuldgefühle zerfressen würde? Wenn ich nicht wüsste, dass es völlig normal ist, mal genervt zu sein? Kinder sind einfach manchmal furchtbar nervig. Und wir Mütter sind auch einfach nur ganz normale Menschen, mit ganz normalen Gefühlen. Unserer Geduldsfäden wurden nicht aus purem Eisen geflochten. Wir dürfen von unserer Kindern genervt sein, das ist jede(r) mal. Zur ausgleichenden Gerechtigkeit sei angemerkt: Wir nerven unserer Kinder ja auch ganz schön oft  😉

Ich danke meiner lieben Kollegin also für diese Offenbarung, obwohl ich damals sehr sparsam mit dem Verständnis war.

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