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Ein wunderbarer Gastartikel von Lea aus Mannheim.

Ich erzähle heute noch öfter davon, dass die zweite Klasse in der Schule gleichzeitig das schwierigste Jahr in meiner kompletten Kindheit war. Das lag sicherlich zum Teil auch daran, dass meine Eltern sich scheiden lassen haben und ich mich auf eine neue Schule einstellen musste aber gleichzeitig passierten in mir selber so viele neue Dinge, dass ich es echt nicht leicht hatte. Ich war nonstop launisch, konnte schlecht schlafen und ich befand mich gefühlt  unter Dauerstress.

Ich erinnere mich noch lebhaft daran, dass ich in dieser Zeit nachts ewig lang wach lag, weil ich mir furchtbar Sorgen machte, weil ich z.B. Sticker in der Pause getauscht hatte, obwohl das eigentlich verboten war. Unsere Lehrerin hatte es deswegen verboten, weil wir uns durch die Sticker-Tauscherei weniger bewegten und nicht genug ausgelastet waren. Ich war mir sicher, dass ich für mein Vergehen richtig Ärger bekommen würde- und darum konnte ich nächtelang nicht schlafen.

Ich machte mir stundenlang Gedanken über unwichtige Kleinigkeiten und jede Kleinigkeit brachte mich so sehr zum Grübeln, dass ich permanent schlechte Laune hatte. Meine Mama sagte einmal zu mir, dass ich doch ruhig mal ordentlich auf meine Kissen einschlagen solle und laut schreien solle. „Schrei die Sorgen raus, Lea!“

Diese Zeiten sind ja nun schon sehr lange vorbei und sie waren schon längst in Vergessenheit geraten, bis ich plötzlich bemerkte, dass es meinem Sohn anscheinend genauso ging, wie mir damals. Von heute auf morgen veränderte er sich und ich konnte mir das nicht erklären.

Manchmal kam er weinend aus der Schule nach Hause. Manchmal schrie er laut rum, war aggressiv und warf grundlos mit seinem Spielzeug umher. Es wirkte so, als verwandle sich mein acht Jahre alter Sohn zurück zu einem Kleinkind. Ich schwöre euch, es gab ein paar Monate, in denen ich wirklich nicht wusste, was ich mit ihm machen sollte, und ich dachte ernsthaft, dass etwas mit ihm nicht stimmte.

Genauso plötzlich wie es gekommen war, hörte es auch wieder auf. Seine miese Laune verschwand und ich bemerkte, wie krass er eigentlich gewachsen ist. Seine ganze Gestalt wirkte breiter und das letzte bißchen „Kleinkind“ verschwand aus seinem Gesicht. Ich verbuchte das Ganze als Wachstumsschub und erinnerte mich irgendwo in meinem Hinterkopf daran, dass auch meine Stimmungsschwankungen der zweiten Klasse mit einem Wachstumsschub zusammen hingen.

Es stellte sich heraus, dass diese Phase wohl viel mehr als nur ein Schub war. Es gibt eine körperliche Veränderung namens „Adrenarche“, die alle Kinder im Alter von 6-8 Jahren durchlaufen. Es ist eine erste hormonelle Veränderung, die sozusagen die Voraussetzungen für die Pubertät in den darauf folgenden Lebensjahren schafft.

Im Gegensatz zur echten Pubertät sind diese Veränderungen nicht auf äußerliche Merkmale begrenzt, also Merkmale die einem sofort ins Auge stechen SONDERN man bemerkt sie vorrangig an einer allgemeinen Unfähigkeit Emotionen zu verarbeiten.

OMG. Warum hat mir niemand davor davon erzählt?

Kinderärzte beschreiben die Adrenarche als „den ersten hormonellen Prozess in der pubertären Kaskade, die für die meisten Kinder im Alter von etwa 8 Jahren beginnt“ und erklären weiterhin, dass sie durch einen Anstieg der „Nebennieren-Androgenproduktion“ gekennzeichnet ist.

Aha und was bedeutet das nun für unsere Kinder, die sich c.a in der zweiten und dritten Klasse befinden? Manchmal kommt es zu einer vermehrten Zunahme und einige Kinde haben sogar kleine Pickel im Gesicht aber das vermutlich größte Symptom sind dieses verrückte Stimmungsschwankungen, die ihr bestimmt auch kennt.

Nebennieren Androgene gehören zu den sog. Neurosteroiden, die einen Effekt auf einige der neuronalen Prozesse zu haben scheinen, die für all die emotionalen Verarbeitung verantwortlich  sind. In diesen Lebensjahren beginnt ein Kind also ein eigenes Selbstbild zu entwickeln, das es in die Pubertät bis hin ins Erwachsenenalter weiter definiert.

Verdammt. Es geht also gar nicht nur um Launenhaftigkeit – es ist eher so, als werden wir Zeugen einer tiefgreifenden Selbst-Findungs-Phase, die ganz offensichtlich ein ziemlich anstrengender Prozess sein kann. Das ist erstaunlich.

Wenn man mit einem achtjährigen Kind eine geschlagene Stunde über ein falsch geschnittenes Brot diskutiert, dann ist das sicherlich einerseits irgendwie erstaunlich andererseits aber auch verdammt nervig.

Auch wenn es verdammt nervig und anstrengend ist, so sollten wir dennoch sehr behutsam mit unseren Kindern umgehen, schließlich finden da gerade sehr viele Veränderungen im Gehirn statt, Veränderungen, die für alle neu und aufregend sind. Geduld ist das Zauberwort. Es handelt sich wie gesagt um keine vorzeitige Pubertät, sondern diese Phase markiert den Beginn des Pubertätsprozesses, dessen erste Ergebnisse erst in etwa zwei Jahren sichtbar werden.

Wenn du also ein 6-, 7- oder 8-jähriges Kind hast, welches dich derzeit in den Wahnsinn treibt, dann kann ich dich zumindest beruhigen, indem ich dir sage, dass das alles ganz normal ist, dazu gehört und du definitiv nicht allein bist. Erst wenn die Leistungen in der Schule komplett einbrechen und du gar nicht mehr an dein Kind heran kommst, dann solltest du einen Kinderpsychologen konsultieren.

Es handelt sich also um kleine Adrenalinschübe in Inneren deines Kindes und du musst nur abwarten, bis die wieder vorbei sind. Tja und während du wartest, gönn dir einfach etwas mehr Schokolade oder ein Glas Wein, leg die Füße hoch und chille auch du dein Leben. Es wird nämlich voraussichtlich noch anstrengender, wenn die richtige Pubertät losgeht.

 

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