Ein Gastbeitrag von Carolina, Mutter und Entwicklungspsychologin aus Unna.

Wisst ihr, es ist gar nicht einfach, wenn man Mama ist und sich gleichzeitig als Entwicklungspsychologin für Kinder mit den Entwicklungsphasen von Kindern sehr gut auskennt. Denn auch ich kann mich nicht frei von Stress und rohen Nerven machen, wenn dein eigenes Kind in die Trotzphase kommt. Als Therapeutin habe ich gelernt, den Wutanfällen von Kindern ganz anders zu begegnen als mein Impuls es mir rät. Darüber möchte ich heute mit euch sprechen.

Sie schreit mich an.

„Du bist eine doofe Mama!“, schreit sie. Ihre Hände sind zu Fäusten geballt, ihr Gesicht ist rot vor Wut.

Ich lasse die Post fallen, die ich gerade mühevoll sortiert hatte und eile zu ihr, um sie in meine Arme zu schließen und um ihr zu sagen, dass ich sie liebe.

Ihre Fäuste lösen sich.

Ihr Gesicht ist tränenüberströmt, aber nicht mehr vor Wut verzerrt.

Sie schlingt ihre Arme um mich, jetzt ganz ruhig.

Im Anschluß sitzen wir einfach still beisammen bis der Sturm vorüber ist.

Diese Situationen passieren jeden Tag mit mindestens einem meiner Kinder. Jeden Tag gibt es mindestens einen filmreifen Wutanfall wegen Irgendwas. Und jeden Tag beginnt die Deeskalation der Situation mit einer Umarmung meinerseits.

Das war nicht immer so. Früher war das nicht so. Noch vor einiger Zeit wurde ich selber wütend und reagierte quasi fast genauso wie meine Kinder. Früher drohte ich noch mit Konsequenzen, die auf ihr Fehlverhalten folgen würden. Diese Konsequenzen führten zu noch lauterem Gejammer, zu noch mehr Tränen und letztlich zu noch viel längeren Wutausbrüchen.

Das Verhalten der Kinder änderte sich dadurch kein Bißchen und meine eigenen Frustration über meine Unfähigkeit wuchs ins Unermessliche. Je lauter ich brüllte und je mehr ich bestrafte, desto schlimmer wurde es.

Ich musste etwas ändern, also beschloss ich, etwas (für mich) Radikales auszuprobieren. Kein Schreien oder Bestrafen mehr. Der neue Plan hieß: Umarmen.

Der nächste Wutanfall kam prompt und ich rannte direkt zu ihr und umarmte sie. Es dauerte ein paar Minuten, bis sie sich beruhigte, aber sie beruhigte sich.

So schnell passierte das auf meine herkömmliche Wut-Art noch nie.

Ich machte es im Verlauf weiterhin genau so: Sie wütete oder schrie, ich ging zu ihr, umarmte sie und hielt sie nur fest.

Diese neue Problemlösung brachte uns viel näher zusammen. Sobald wir uns so nah waren, konnten wir alle Probleme lösen. Die Ruhe und das innige Zusammensein löste jegliche Wut  in Luft auf.

Es ist an sich schon echt ne Herausforderung aber angesichts des Ergebnisses würde ich nie wieder etwas anderes machen. Dein Kind schreit dich an und ist außer sich vor Wut? Umarme es!

Ich verspreche euch, dass diese Art der Problemlösung immer klappen wird. Ihr müsst es nur probieren und beibehalten.

Nicht alle Kinder mögen Umarmungen oder körperliche Berührungen, wenn sie verärgert sind, dennoch funktioniert das ruhige Annähern auch bei diesen Kindern. Wenn dein Kind also nicht mit körperlicher Berührung umgehen kann, dann musst du herausfinden, auf was dein Kind positiv reagiert – setze dich neben Ihr Kind, hocke dich dazu, Streck ihm deine Hand hin oder…oder…oder……..

Diese Tipps helfen dir zusätzlich:

1. Schnell da sein

Timing ist alles. Wenn du zulange wartest, dann kommt die Frustration beim Kind über die eigene Wut hinzu und das verlängert den Wutanfall nur noch mehr. Wenn das Timing nicht klappt, dann sei nicht zu hart mit dir: Auch du bist nur ein Mensch.

Ich sehe den Wutanfall meines Kindes als einen Moment an, an dem es mich braucht. Aus dieser Prämisse heraus, kann ich das Timing super einschätzen.

2. Umarme dein Kind 

Wenn du dir klar machst, dass der Augenblick des Wutanfalls NICHT der beste Zeitpunkt ist, um zu kritisieren und moralisieren, dann wird deutlich: Umarme dein Kind. Die lehrreichen Lektionen kannst du später immer noch verteilen.

3. Spüre die aufkommende Entspannung 

Dies ist ein schöner Teil der Erfahrung. Du wirst merken, wie dein Kind sich entspannen wird. Sie wirst merken, wie die Schultern deines Kindes sinken. Vielleicht schlingt es die Arme um dich. Das ist verdammt schön zu erleben.

4. Im Anschluß könnt ihr in Ruhe reden. 

Wenn ihr euch beide beruhigt habt, könnt ihr darüber sprechen, was genau passiert ist. Wenn dein Kind dem Hund am Schwanz gezogen hat, ist dies der richtige Zeitpunkt, um zu besprechen, wie der Hund sich wohl gefühlt hat. Achte drauf, dass deine eigene Wut dabei nicht wieder hoch kocht. Gib dir die Zeit.

5. Sei geduldig mit sich selbst

Wenn diese Art der Problemlösung neu für dich ist, gib dem ganzen Zeit. Bleib am Ball.

Gehe nicht zu hart mit dir ins Gericht, wenn du selber so sauer bist, dass eine Umarmung dir schwer fällt. Das ist Okay. Bleib trotzdem dran und umarme dein Kind weiterhin. Irgendwann ist es dann ganz normal für dich. Probiere es aus, es wird toll.

 

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