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Ein Gastbeitrag von Elena aus Bonn.

Ich kenne es. Ich weiß schon ganz genau, was jetzt kommen wird. Ich laufe mit meinen vier Mädels an ihr vorbei und ihre Augen weiten sich. Das gleiche Spiel seit fast einem Jahrzehnt. Meine Lippen verziehen sich automatisch zu einer dünnen Linie, während ich auf die immer gleichen Fragen warte.

„Vier Mädchen?! Wow, sie müssen ganz schön was zu tun haben.“ „Oh, der armer Vater, der hat ja gar nichts zu melden bei euch, was?“ „Wollen sie nicht noch einen Jungen haben?“ Der Blick der Verkäuferin ist voller Mitgefühl, als sie auf meine Antwort wartet.

„Ich bin wirklich glücklich darüber, nur Mädchen zu haben.“, erwidere ich ehrlich, während ich meine Zähne zusammenbeiße und hoffe, dass sie diesen nicht ganz so freundlichen Gesichtsausdruck bemerkt und diese nervige Unterhaltung damit Geschichte ist. Sie scheint es nicht zu bemerken.

„Ja wirklich?! Naja, warten sie mal auf die Teenagerjahre „, lacht sie. „Der armer Vater!“ Ohne ein weiteres Wort greife ich nach meinem Bon und führe die Mädchen zum Ausgang.

„Mami?“, fragt meine Siebenjährige, während ihre Stirn kleine Furchen bildet. „Warum sagen die Leute immer „armer Papa „und fragen, ob ihr noch einen Jungen bekommen wollt? Sind Mädchen nicht so gut wie Jungs? Ist Papa etwa traurig, dass keiner von uns ein Junge geworden ist? “

Wut kocht in mir hoch. Ihre Schwester hat mir vor einem Jahr dieselbe Frage gestellt. Ich frage mich kurz, wie lange mein Jüngste noch darüber nachdenken wird. Ich setzte ein Lächeln auf.

„Nein, dein Papa liebt unseren Mädels-Haushalt! Ich finde es auch genau richtig so. “

„Mama, ich glaube, viele Leute glauben, dass es nicht so schön ist.“ Ihr ernstes, kleines Gesicht runzelt immer noch die Stirn. Es war die dritte Begegnung dieser Art an einem Tag, und ich verstand ihre Zweifel. (Acht solcher Situationen an einem einzigen Tag ist unser Rekord.)

Das ist der Kern meines Problems. Wo immer wir hingehen, fühlen sich die Menschen dazu genötigt, uns zu kommentieren. Bei all den tausenden von Kommentaren, die wir erhalten haben, kann ich die Komplimente an einer Hand abzählen, wenn es darum geht, dass alle meine Kinder das gleiche Geschlecht haben.

Witzigerweise hat meine Schwester Kristin vier Jungs. „Wir hören immer dasselbe. Mitleidige Worte, Witze, Leute, die fragen, ob wir uns weiter um ein Mädchen bemühen… Die Sache ist, ich hätte gerne ein Mädchen gehabt. Bin ich traurig, dass ich nie eins haben werde? Ja. Fühle ich mich gesegnet, meine Jungen zu haben? Natürlich tue ich das; Ich würde sie nicht tauschen wollen. “

Die Sache ist, ich verstehe, dass Menschen nicht vorhaben, unhöflich oder verletzend zu sein. In den meisten Fällen glaube ich, dass die Leute nur versuchen, eine freundliche Konversation anzufangen. Aber Worte haben Gewicht. Und für ein kleines Kind, das ständig Gesichter voller Mitleid und gespieltes Entsetzen beobachtet, gefolgt von Beileidsgekundungen, können diese Worte vernichtend sein.

Meine Freundin Pia hat drei Jungs. „Wir würden wirklich gerne ein kleines Mädchen haben. Ich wünschte, wir könnten es noch einmal versuchen, aber finanziell können wir das einfach nicht stemmen. Ich versuche immer noch, mich damit abzufinden, dass ich niemals eine Tochter haben werde. Dann treffe ich auf Fremde, die mich fragen, ob ich noch einmal versuchen, will ein Mädchen zu bekommen und es bringt den Schmerz einfach wieder hoch.“

Bevor ich Kinder hatte, hatte ich mir immer verschiedene Szenarien vorgestellt, die ich mit meinem Sohn und meiner Tochter erleben würde. Ich weiß, dass mein Mann die gleichen Vorstellungen hatte. Er träumte davon, dass er seinem Sohn beibringen würde, wie man einer Frau eine Tür öffnet oder wie man sich rasiert. Aber trotzdem liebt er seine Mädels abgöttisch.

Vielleicht ist genau das die größte Bestätigung dafür, dass wir älter werden, denn zum ersten Mal in unserem Leben wurde ein Kapitel offiziell geschlossen. Wir alle träumen von einer Zukunft voller unendlicher Möglichkeiten. Wenn alle deine Kinder das gleiche Geschlecht haben, schließt du ein Kapitel: Die Möglichkeit ein Kind des anderen Geschlechts in der Familie zu haben, und all die geschlechtsspezifischen Erfahrungen die dazugehören. Es dauert eine Weile, bist du dich mit diesem Gedanken angefreundet hast. Das bedeutet nicht, dass du nicht für dankbar bist, deine Kinder zu haben. Ich wollte immer nur Mädchen haben. Bei jeder Schwangerschaft hoffte ich auf ein Mädchen. Trotzdem brauchte ich jedes Mal noch ein oder zwei Tage, um mich der Tatsache abzufinden, dass ich wieder keinen kleinen Jungen großziehen würde.

Egal ob du nun jemand bist, der unfassbar glücklich darüber ist, dass alle das gleiche Geschlecht haben oder nicht- es sind deine Kinder und du liebst sie. Ich denke, dass die meisten Familien, mit Kindern des gleichen Geschlechts, zustimmen würden, dass sie viel glücklicher ohne die permanenten Kommentare von Fremden, die Witze oder herabwürdigenden Kommentare sein würden. Ob die Fremden es merken oder nicht, die Kinder hören zu und das kann schmerzhaft sein.

Ich weiß, dass wir einen ziemlich unterhaltsamen Anblick bieten, wenn wir in einer rosa Explosion auftauchen. Eine Wagenladung voller Tutus, Schleifen und Plastikronen. Also, wenn du uns nicht applaudieren und uns erzählst möchtest, wie toll es ist, nur Mädchen zu haben, dann kannst du dir deinen Kommentar auch gerne sparen.

 

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