Mom and daughter laugh, eat ice cream and enjoy socializing.
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Von Dagmar aus Schwerin

Beim Abendessen schaue ich über den Tisch, während du einen Bissen Salat zu dir nimmst. Alles an diesem Bild beeindruckt mich – die Größe und Form deiner Finger, die anmutige Art, wie du die Gabel bewegst, die Tatsache, dass du seit Jahren gerne und ohne zu klagen Salat isst.

Ich denke sofort an siebzehn Jahre zurück. Deine kleinen Babyfinger wickeln sich um einen rundlichen Plastiklöffel und kämpfen darum, pürierte Nahrung in deinen Mund zu bekommen, ohne sie über dein ganzes Gesicht zu schmieren. In gewisser Weise fühlt es sich an wie gestern. In gewisser Weise fühlt es sich aber auch an wie vor einer Ewigkeit.

Für dich war es ein Leben lang. Die ganze Kindheit, die Summe deines bisherigen Lebens bis hin zu genau diesem Moment, blickt mich von diesem Stuhl aus an. Siebzehn Jahre sind ein großes Kapitel in meinem Leben, aber für dich ist dieses Kapitel dein ganzes Leben. Ich starre auf ein ganzes Leben – ein Leben, das ich mit begleiten durfte, ein Leben, das aus meinem eigenen gewachsen ist, ein Leben, das ich mitgestaltet und geführt habe.

Ich bin so stolz auf die Frau, die du sein wirst. Und ich habe auch Angst vor dieser Phase.

Bevor ich Mutter wurde, habe mich mit so vielen Idealen auf den Weg gemacht, ich wollte dir soviel beibringen und die beste Mutter für die Familie sein, die ich schaffen wollte. Ich hatte Ziele und Träume über die Erziehung, von denen keines darin bestand, meine Geduld zu verlieren, ein ständig unordentliches Haus zu haben und regelmäßig allein in den Supermarkt zu fliehen.

Ich wollte die Mutter sein, die Kekse gebacken hat. Ich wollte einen Bio-Garten anlegen und dir klassische Bücher vorlesen. Ich wollte entspannt und lustig sein, aber auch diszipliniert und organisiert. Ich wollte deine Kreativität fördern und dafür sorgen, dass du viel Zeit in der Natur verbringst und dich lehren, hart zu arbeiten und ohne Angst durch die Welt gehen zu können.

Aber die Mutterrolle war so viel größer und schwerer, als ich einst dachte. Wenn ich an diese Ideale zurückdenke, lache ich über meine Naivität, aber ich bin auch etwas enttäuscht, dass ich nicht die Mutter sein konnte, die ich sein wollte.

Ich werde von einer Million Zweifel und unbeantworteten Fragen heimgesucht. Habe ich das alles richtig gemacht? Habe ich dir die wichtigsten Dinge beigebracht, die du wissen musst, um in die Welt hinauszugehen, ohne von ihr verschluckt zu werden? War ich ein gutes Vorbild? Wirst du wegen meiner Entscheidungen eine Therapie brauchen?

Ich weiß, dass ich viele Dinge richtig gemacht habe, aber ich weiß auch, dass ich viele Dinge besser hätte machen können. Ich wollte immer mein Bestes geben, aber die Sache mit der Mutterrolle ist, dass sich dein Bestes ständig ändert. An manchen Tagen hat man alles im Griff – Bildungsziele, emotionale Bedürfnisse, körperliche und geistige Gesundheit, wertvolle Lebenslektionen, soziale Sicherheit, den Haushalt und alles andere. Und an anderen Tagen ist es einfach das Beste, eine Dusche zu nehmen und sicherzustellen, dass niemand stirbt.

Das mag jetzt schwer zu verstehen sein, aber du wirst die volle Wahrheit über Erziehung erst dann herausfinden, wenn du deine eigenen Kinder hast. Es gibt ein gängiges Sprichwort, dass Kinder nicht mit Bedienungsanleitungen kommen, und es ist 100% wahr. Als Elternteil fühlt man sich die meiste Zeit etwas verloren und man kommt ständig ins Schlittern. Man kann versuchen, sich auf Dutzende von Arten vorzubereiten, man kann jedes Buch im Elternbereich der Buchhandlung lesen, aber glaube mir, wenn ich dir sage, dass alles, was du glaubst, darüber verstanden zu haben, aus dem Fenster fliegt, wenn du tatsächlich selber Mama wirst.

Mama zu sein ist wunderbar,. Schließlich reden wir über einen Menschen, der einen anderen Menschen ernährt, zwei einzigartige Seelen mit ihren eigenen Talenten, Zielen und Schicksalen, die sich in einer einzigartigen, intimen Beziehung befinden. Die Grundlagen dieser Beziehung herauszufinden, ist schon eine Herausforderung, dazu kommen all die ständig wechselnden Feinheiten, Nuancen und unerwarteten Entwicklungen, die damit einhergehen.

Wir sind uns so nahe, du und ich. Seitdem ich dich auf meinen Bauch gezogen habe und du mich mit deinen runden, wachen Augen angeschaut hast. Die Mutter-Tochter-Bindung übertrifft alles, was ich mir vorstellen konnte. Wenn du verletzt bist, bin ich verletzt. Wenn du glücklich bist, bin ich glücklich. Ich fühle alles durch dich, als ob deine Emotionen wie durch einen unsichtbaren Faden zu mir fließen.

Und doch bist eine eigenständige Person, völlig getrennt und unabhängig von mir. Wie viel von dieser erstaunlichen jungen Frau, die mich über unserem Esstisch ansieht, ist das Ergebnis meiner Arbeit, und wie viel davon ist einfach das, was du bist und immer sein wirst? Persönlichkeit vs. Erziehung? Natur vs. Umsorgen? Diese uralten Fragen, die die Menschheit seit Jahrtausenden plagen, sitzen nun direkt vor mir, und ich bin überrascht, dass ich immer noch keine Antworten gefunden habe.

Ich kann nur hoffen, dass das absichtlich Gute, das ich getan habe, jeden unbeabsichtigten Schaden, den ich verursacht habe, bei Weitem überwiegt. Und ich bete dafür, dass meine unermessliche Liebe zu dir alle anderen Gefühle überschatten wird, die du im Laufe der Jahre von mir ausgehend gespürt hast. Meine Frustrationen kamen nie wirklich wegen dir – es ging darum, dass ich meinen eigenen unrealistischen Ansprüchen nicht gerecht wurde.

Also vergib mir bitte meine Unzulänglichkeiten, Schätzchen. Mutter zu sein ist nicht einfach, aber deine Mutter zu sein war der größte Segen meines Lebens. Wenn ich die Gelegenheit hätte, zurück zu gehen um das alles noch einmal zu tun, ja, ich  würde wahrscheinlich ein paar Dinge ändern.

Aber ich würde es immer wieder tun, nur aus Freude, damit ich dich in diese bemerkenswerte Seele hineinwachsen sehen kann, die du heute bist.

Meine Liebe zu dir wird sich nie ändern, meine Kleine, und meine Tür wird immer offen sein. Wenn du in diese unsichere Welt hinausgehst, kannst du dich darauf immer verlassen.

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