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Ein Gastartikel von Anneke aus Emden

Ich glaube, dass ich nicht so lange stillen werde, bis der Schulbus kommt aber ich gehöre definitiv zu den Langzeitstillenden. Mein älterer Sohn stillte sich ab, als er in die Vorschule kam. Meinen fast 3jährigen Sohn stille ich jedoch noch sehr viel und ich glaube, das dauert auch noch länger an.

Als mein erster Sohn auf die Welt kam, hatte ich noch keine Ahnung davon, wie lange unsere Stillbeziehung anhalten wird. Am Anfang hatten wir beide tatsächlich ein paar Herausforderungen – ich war schon glücklich, wenn er denn die Brustwarze richtig in seinen mini Mund bekam. Zu diesem Zeitpunkt hätte ich nie geglaubt, dass ich mal zu den Langzeitstillenden gehören werde.

Im Laufe der Zeit wurde das Stillen zu etwas ganz normalem in unserem Alltag. Es fühlte sich richtig und gut an. Wenn es nicht so gewesen wäre, hätte ich aufgehört. Mit ungefähr drei Jahren stillte ich meinen Sohn nur noch zum Einschlafen.

Ich schreibe diesen Artikel hier nicht, um deine Meinung über das Langzeitstillen ändern zu wollen. Du wirst deine Gründe haben, warum du so denkst und fühlst, wie du es tust. Ich selber habe ebenfalls mal anders über Mütter gedacht, die ihre Kinder so lange stillen. Mittlerweile bin ich allerdings komplett anderer Meinung.

In unserer Kultur ist das Langzeitstillen eben etwas ganz unnatürliches. In anderen Kulturen und eigentlich auch auf der ganzen Welt ist das Stillen größeren Kindern total weit verbreitet und es wird ganz offen damit umgegangen. Brüste werden dort eben nicht als Sexualobjekte betrachtet, sondern als Nahrungsquelle.

Wir alle haben das Recht auf eine eigene Meinung. Aber wir müssen zumindest gelten lassen, dass unsere Vorstellungen vom Stillen nicht überall auf der Welt gültig sind, sie beziehen sich lediglich auf unseren Kulturkreis.

Ich würde einer Mutter nie vorschreiben, wie lange sie stillen soll – das ist etwas, das nur sie und ihr Kind entscheiden dürfen. Das lange Stillen meiner Kinder macht mich nicht zu einer besseren Mama. Die Bindung zwischen Mutter und Kind kann auch durch andere Dinge intensiviert werden, als nur durchs Stillen aber FÜR MICH war es der richtige Weg.

Ich las ungefähr eine Million verschiedener Kommentare zu unterschiedlichen Stillposts auf Facebook und Instagram. Teilweise waren diese Kommentare so ignorant und hasserfüllt, dass mir echt anders wurde.

Ich möchte heute also ein paar Dinge (er)klären. Nochmal, ich bin nicht hier, um dich zu bekehren, sondern vielmehr möchte ich aufklären und eventuell dadurch die Wogen etwas glätten.

Ich liste die am häufigsten genannten Kommentare über das Langzeitstillen auf und antworte ganz sachlich darauf.

1. „Verliert die Milch nicht mit der Zeit ihren Nährwert?“
Nein. Muttermilch bleibt über die gesamte Stilldauer hochwertig, sie verliert keine ernährungsphysiologischen Eigenschaften, Auch der Immunschutz die das Kind vor Viren und Krankheiten schützt, bleibt komplett erhalten. Mit der Zeit fängst du eventuell an, weniger Milch zu produzieren, wenn du weniger stillst (Angebot und Nachfrage) aber die Zusammensetzung und der Nutzen der Milch bleiben konstant erhalten.

2. „Kannst du nicht einfach abpumpen und die Milch in einen Becher umfüllen?“
Stillen ist nicht nur Nahrungszufuhr, es ist auch Beruhigung. Stillen erdet. Schnuller, Daumenlutschen, Teddybären, Schnuffeltücher – das alles erfüllt einen ähnlichen Zweck für Kinder. Welche Art der Beruhigung du für dein Kind auswählst, bleibt dir überlassen aber Milch in einen Becher zu füllen, macht für viele keinen Sinn, weil es ja eben auch um die Beruhigung geht.

3. „Was ist, wenn die Zähne kommen?“
Das Andocken an die Brustwarze funktioniert komplett ohne einen Zahneinsatz. Es ist, als würde man aus einem Strohhalm trinken. Du bildest mit deinen Lippen und deiner Zunge eine Dichtung um die Brust. Tatsächlich bedeckt die Zunge des Kindes das untere Zahnfleisch, um die Brust vor Zähnen zu schützen. Ein Kind, das beißt, beißt, es stillt aber nicht. Klar, einige Kinder tun dies, wenn sie zahnen. Genau diese Art von Beißen ist vergänglich, und es gibt einige  Tricks, um den Kindern das Beißen wieder anzugewöhnen. Zahnen ist fast nie ein Abstillgrund.

4. „Was ist, wenn deine Kinder irgendwann lauthals darum bitten? Womöglich in der Öffentlichkeit!“
Schon ein frischgeborener Säugling bittet aktiv ums Stilen. Es gibt klar erkennbare Zeichen für Hunger. Ältere Babys können bereits am Hemd zerren oder auf die Brüste zeigen, wenn sie stillen wollen. Tja und wenn Kinder sprechen können, dann bitten sie um Stillen, so wie sie um eine Flasche, einen Schnuller oder ein Stück Brot bitten würden. Glaub mir, kein Kind rennt durch den Supermarkt und brüllt: „Hol die Titten raus, Mama!“

5. „Hast du keine Angst davor, dass dein Kind nicht lernt, wie es sich selbst beruhigen kann?“
Kurz gesagt: Das Stillen ist nicht der einzige Weg, um mein Kind zu beruhigen. Manchmal hauen wir gemeinsam auf Kissen und schreien unsere Wut gemeinsam raus. Das Stillen ist lediglich ein Tool ist meiner Beruhigungs-Trickkiste. Im Laufe der Zeit finden Kinder eigene Wege zur Selbstberuhigung. Es geschieht von selbst und jeder zu seiner Zeit. Alle Kinder sehnen sich nach Unabhängigkeit – das ist Teil des Erwachsenwerdens. Keine Sorge.

6. „Ab einem bestimmten Punkt ist es doch nicht mehr der Wille des Kindes, sondern der Wunsch der Mutter!“
Glaubt mir, du kannst das Stillen Kindern nicht aufzwingen. Wirklich und wahrhaftig nicht. Kinder stillen, weil sie es wollen. Du weißt wahrscheinlich, dass Kinder mit einem Saugbedürfnis geboren werden – das ist ein biologischer Drang mit dem wir alle auf die Welt kommen. Auch wenn du nicht stillst, was total in Ordnung ist, dann hat dein Kind dieses Bedürfnis trotzdem. Dein Kind bekommt dann das Fläschchen, den Schnuller etc. Die meisten Mütter, die ihre Kinder stillen, genießen die Gemütlichkeit und die Flut der glücklich machenden Hormone, aber es kann auch manchmal durchaus lästig und nervig sein. Keine Mutter stillt einfach nur für sich selbst: Sie tut es, weil es ihr Kind glücklich macht, und das macht sie glücklich.

 

7. „Für Kinder in Entwicklungsländern mag es ja Sinn machen aber doch nicht für Kinder der ersten Welt!“
Einige Menschen argumentieren, dass es in der modernen Gesellschaft keine biologische Notwendigkeit für eine langfristige Stillbeziehung gibt. Stimmt, wir in Deutschland müssen nicht verhungern aber wie bereits erwähnt, Stillen ist mehr als nur Nahrungsaufnahme.

8. „Was ist, wenn es deinem Kind später mal peinlich ist?!“
Mein Kind wird sich an das Stillen erinnern, das stimmt. Er wird sich auch an meine Umarmungen erinnern. Einige Kinder erinnern sich an den Geruch ihrer Mutter oder an andere kleine Details. Aber der Grund, warum die Menschen diesbezüglich besorgt sind, ist, dass sie denken, dass Brüste grundsätzlich etwas sexuelles darstellen und deswegen werden sie sich irgendwann schämen, wenn sie sich daran erinnern. Kinder, die gestillt werden wachsen damit auf, dass Brüste in erster Linie der Nahrung dienen. Kinder werden nicht mehr gestillt, wenn sie Brüste mit Sex verbinden können. Fast alle Kinder, selbst die, die wirklich sehr lange gestillt werden, stillen sich spätestens mit sieben Jahren ab, immer noch lange bevor die Brüste in ihrem Kopf sexualisiert werden.

9. „Das grenzt an sexuellen Missbrauch.“
Diese Argument bringt mein Blut tatsächlich zum Kochen. Die Antwort ist: NEIN! Es ist natürlich und ganz normal, nichts sexuelles, und niemand wird dazu gezwungen. Ende.

10. „Hast du denn keine Angst, dass dein Kind sich niemals von selbst abstillen wird?“
Darüber habe ich mir tatsächlich noch Sorgen gemacht, als mein erstes Kind stillte. Ich fragte mich, ob er sich wohl jemals abstillen wird. Aber genau wie bei jedem anderen Meilenstein auch, geschah es irgendwann einfach so. Es gibt keine Regel, wann Kinder sich abstillen. Jedes Kind ist unterschiedlich. Das individuelle Saugbedürfnis ist bei jedem Kind unterschiedlich stark ausgeprägt. Irgendwann wollte mein Sohn einfach nicht mehr stillen. Mit der Zeit wollte er lieber erzählen, ein Buch lesen und kuscheln. Das Leben ändert sich und das Abstillen passt sich an. Ich verspreche: Das tut es wirklich.

Es gibt übrigens mehr langzeitstillende Mamas, als du vielleicht denkst. Ich dachte immer, ich sei die einzige Frau in ganz Emden, die ihr Kind so lange stillte. Pustekuchen! Wenn Kinder älter werden, wird das Kind in der Regel zu Hause und nicht mehr in der Öffentlichkeit gestillt. Deshalb siehst du es vielleicht nicht. Aber es gibt viele von uns da draußen. Wir sind normal, und unsere Kinder sind es auch.

Deshalb ermutige ich dich heute, mal über den Tellerrand hinauszuschauen und zumindest anzuerkennen, dass das Langzeitstillen ganz natürlich und weit verbreitet ist, weiter, als du vielleicht denkst. Und wenn du eine von denen sein solltest, die andere langzeitstillende Mamas mit Hasskommentaren überschüttest dann bitte ich dich lediglich darum, deine Wut bitte für aktuelle Probleme aufzusparen – lenke sie bitte nicht auf den Austausch von Liebe zwischen Mutter und Kind.

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